Die (r)evolutionäre Melodie der Babysprache

09.07.2011 | 18:28 |  von mARTIN WALPOT (Die Presse)

Liegt der Ursprung von Musik in der Mutter-Säugling-Beziehung? Die Babysprache könnte Musikempfinden beeinflussen.

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Musik berührt uns, kein Zweifel. Sie stimmt heiter oder traurig und verbindet Menschen miteinander. Auch die Forschung macht kein Hehl daraus, dass Musik, so wie die Sprache, zum Menschsein dazugehören. Uneins war man sich bisher nur darüber, welchen Ursprung die Musik in der Menschheitsgeschichte hat und warum wir so emotional auf sie reagieren.

„Musik ist nicht so überlebenswichtig wie etwa Essen oder Trinken“, sagt der australische Forscher Richard Parncutt, der das Institut für Systematische Musikwissenschaft der Universität Graz leitet. Die moderne Psychologie tappt im Rätsel des Zusammenhangs zwischen Musik und Emotion im Dunkeln. Nach der gängigen Meinung gelten eher Faktoren wie Angst oder Selbsterhaltungstrieb als Motor der Evolution – und nicht Bach, Mozart oder die Beatles.

Parncutt sieht das differenzierter. Er vermutet den Ursprung von Musik in der Mutter-Säugling-Beziehung: „Schon in der vorgeburtlichen Phase kann der Fötus Herzschlag und Stimme der Mutter hören. Über Gleichgewichtssinn und Haut nimmt er auch ihre Bewegungen wahr.“ Durch diese „emotionalen Fähigkeiten“ kann der Fötus den Gefühlszustand der Mutter ablesen. Das ist jedem Kind mitgegeben und „dient als unbewusste spätere Grundlage für die Laut- und Bewegungsstruktur von Musik“, so Parncutt.

Der Forscher sieht in der verblüffenden Tatsache, dass Kinder bereits dieselben musikalischen Strukturen und melodischen Phrasen wie Erwachsene erkennen können, eine überlebenswichtige Gabe der Evolution: Was in Form von Geräuschen bzw. akustischen Codes von außen an das Kind im Mutterleib drang, gibt das Kleinkind durch seine melodische und ausdrucksvolle Babysprache später an die Umwelt weiter.

Entstanden dürfte die Babysprache vor zirka ein- bis zwei Millionen Jahren sein, als das menschliche Gehirn größer wurde und Babys daher früher zur Welt kommen mussten. „Durch die Babysprache bekommt das schutzbedürftige Kind die Möglichkeit, die Mutter emotional stärker an sich zu binden, damit sie sich seiner annimmt“, so Parncutt. Er kommt zu dem Schluss, dass die Brabbelsprache mit ihren übertriebenen Tonhöhenvariationen vor 50.000 Jahren die Entstehung der Musik – und das Aufkommen der Kultur – eingeleitet haben könnte.

Aus derselben Quelle könnten die Spiritualität und auch die Fähigkeit zur Selbstreflexion stammen – das, was uns als moderne Menschen definiert: „Spiritualität ist ein tiefsinniges Gespür für sich selbst und innere Verbundenheit mit anderen Menschen und der Welt.“ Schließlich waren wir anfangs alle untrennbar mit unserer Mutter und Umwelt verbunden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2011)

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