Beim Thema Kinderlosigkeit stehen derzeit die Männer im Rampenlicht. Die Situation bei den Frauen hat sich aber nicht verbessert, oder?
Nein. Aber das Frauenthema kennen wir, das Männerthema kennen wir weniger gut. Es ist so, dass für beide ähnliches zutrifft: Nicht nur die Frauen sind in einem Spannungsfeld, in einem Dreieck zwischen Familie, Erwerbsleben, und ihren eigenen Ansprüchen. Sondern man sieht, dass das genauso für die Männer gilt.
Sie sprechen von einem Dreieck. Was ist das, was am stärksten gegen Kinder spricht? Ist es die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf?
Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Man muss in einer Partnerschaft sein, in der man sich vorstellen kann, Kinder zu haben, denn sonst kommt der Gedanke gar nicht auf. Der Bereich Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ganz zentral. Dazu kommt doch die Aufgabenteilung zwischen den Partnern, die Frauen möchten sich da absichern, um nicht alleine dazustehen. Die Frage der Sicherheit, ob man nach einer Babypause wieder in das Erwerbsleben einsteigen kann, das stellt vor allem in Österreich eher ein Problem dar. Es ist also eine ganze Menge an Faktoren. Was wichtiger ist, ist aber, dass sich die Logik des Kinderwunschs verkehrt hat.
Inwiefern hat sich die Logik des Kinderwunschs verkehrt?
Früher mussten sich Frauen bewusst gegen Kinder entscheiden, weil es damals noch kaum Verhütung gegeben hat. Aufgrund der Dauerverhütungsmöglichkeiten, die wir heute haben, ist das Kinderbekommen zu einem ganz aktiven Schritt geworden. Wir wissen aus vielen Untersuchungen, dass Familie und Kinder nach wie vor einen ganz hohen Wert haben. Nur, proaktiv zu sagen, wir entscheiden uns jetzt für das Kind, das ist gar nicht so einfach.
Ein Problem ist also, dass man sich heute bewusst für das Kind entscheiden muss.
Genau so ist es. Ich möchte es nicht als Problem sehen, weil es ja eigentlich eine Errungenschaft ist. Aber es erklärt auch, warum die Entwicklung in die Richtung geht. Wir sehen zum Beispiel bei jungen Leuten, die Eltern werden wollen, dass sie total an der perfekten Situation basteln. Zuerst muss das Finanzielle in Ordnung sein, die Partnerschaft muss stimmen.
Sie warten auf eine perfekte Situation, die es gar nicht geben kann?
Das würde ich sofort mit Ja beantworten. Das Kind hat einen ganz anderen Stellenwert bekommen als früher. Es ist stark im Fokus, es geht immer darum, dass man dem Kind etwas ermöglichen möchte. Damit ist natürlich die Entscheidung zu dem Wunschkind auch eine ganz große und von Tragweite gekennzeichnete. Eine, wo man sagt, da soll jetzt die Situation total passen. Das führt aber zu einer totalen Überforderung, weil die perfekte Situation gibt es nicht.
Ein anderes Thema, das Geld: Kinder sind ziemlich teuer. Schreckt das tatsächlich viele ab? Wie schwer wiegt das wirtschaftliche Argument?
Das rein wirtschaftliche Argument wirkt dann stark, wenn man Kinder hat. Das vorwegzunehmen ist aber eher ein Scheinargument. Eher relevant wird es, wenn es um den Verdienstentgang geht. Aber dass man sagt, mir ist ein Kind zu teuer, das ist kein Grund, warum man sich gegen Kinder entscheidet.
Man muss sich also nicht unbedingt fragen, wie man das Kinderkriegen honorieren kann?
Im Vergleich zu anderen Ländern bieten wir an rein monetären Leistungen viel an. Ich glaube, es geht eher um ein gesellschaftliches Bewusstsein. Darum, dass Kinder einen Platz in der Gesellschaft haben, und man nicht das Gefühl hat, man wird allein gelassen. Viele fühlen sich unsicher oder überfordert und trauen sich dann nicht über die Entscheidung drüber. Der Aspekt, den ich zentral finde, ist die Sicherheit.
Was kann der Staat tun, konkret, um zu dieser Sicherheit beizutragen?
Ich will nicht immer ausschließlich das Argument der Kinderbetreuung heranziehendas wäre zu eng gegriffen.. Man muss generell die Rahmenbedingungen schaffen: Betreuung, flexible Arbeitsbedigungen, das Verhältnis zum Arbeitgeber ist ganz zentral. Und auch das Thema Männer: Das ist keine Entscheidung, die nur Frauen betrifft. Sonst führt das zur totalen Überforderung. Der Staat muss schauen, dass er die Väter stärker in die Familie hineinbekommt, da passiert dann sehr viel an Entlastung.
Bei Frauen hat man oft den Eindruck, dass auch der Diskurs ein Problem ist. Können Frauen es in den Augen der Gesellschaft jemals richtig machen?
Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, schwer. Normalerweise sagt man, dass es vor allem die Frauen im deutschsprachigen Raum schwer haben, weil sie stark den Stempel der Rabenmutter aufgedrückt bekommen. Wenn wir aber in die vielzitierten nordischen Länder blicken, ist es so: Dort stehen Frauen zwar nicht als Rabenmütter da, aber sie leiden darunter, dass sie kritisiert werden, wenn sie beim Kind zu Hause bleiben wollen. Man kann also nicht einmal sagen, es gibt Länder, in denen es funktioniert. Weil eigentlich ist es immer verkehrt, wie es gemacht wird.
Wie sehr tragen solche Diskurse dazu bei, dass sich Frauen gegen Kinderkriegen entscheiden?
Das wirkt unterbewusst. Wie wissen, dass die Entscheidung leichter wird, wenn im Bekanntenkreis, Freundeskreis, der Familie Leute Kinder bekommen und man sieht, dass das funktioniert. Wenn der Diskurs immer nur negativ läuft, trägt das aber schon dazu bei, dass man sich das Thema mehr überlegt.
Gewollte, bewusste Kinderlosigkeit war lang ein Tabu. Haben kinderlose Frauen heute ein neues Selbstbewusstsein?
Die Gruppe derer, die sich ganz bewusst gegen Kinder entscheiden, ist sehr klein. Vielfach ergibt sich diese Kinderlosigkeit aufgrund der Biografie, man schiebt das Kinderthema wegen der Karriere hinaus, dann trennt man sich vielleicht von dem Partner, mit dem man eine Familie gründen wollte. Da sind immer irgendwelche Ereignisse passiert, die einen anderen Weg gewiesen haben. Dieser sogenannte „Gebärstreik“ ist, wenn man allen möglichen Untersuchungen glauben kann, nur ein geringer
Prozentsatz.
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