Ohne Zuwanderer würde die österreichische Bevölkerung noch schneller altern, als sie es ohnehin schon tut. Denn: Bislang schrumpft ausschließlich die heimische Bevölkerung. Bei Österreichern überwogen im vergangenen Jahr die Sterbefälle (mit 7374). Den zugegebenermaßen kleinen Geburtenüberschuss von 1543 Menschen verdankt Österreich den Migranten. Bei der Geburtenrate zeigt sich der Unterschied sehr deutlich: Während Österreicherinnen im Schnitt 1,32 Söhne oder Töchter zur Welt bringen, sind es bei Frauen ausländischer Herkunft 1,87 Kinder.
Diese positive Rolle der Zugewanderten für die österreichische Demografie wird aber nicht von Dauer sein. Denn insgesamt gleichen sich die Fertilitätsraten der in Österreich lebenden Migranten an die (niedrige) der heimischen Bevölkerung an. „International liegen die Geburtenraten der zweiten Generation zwischen der der ersten und der heimischen Bevölkerung“, sagt Wolfgang Lutz, Leiter des Instituts für Demografie an der Akademie der Wissenschaften. „Ab der zweiten Generation gibt es kaum mehr einen Unterschied zur heimischen Bevölkerung.“ Schon die eingebürgerten Frauen bekommen wesentlich weniger Kinder als ausländische; mit 1,5 Kindern sind sie wesentlich näher an der Geburtenrate der Frauen ohne ausländische Wurzeln.
Bildung und soziokultureller Lernprozess
„Gerade türkische Migrantinnen haben in Österreich eine deutlich höhere Geburtenrate als Österreicherinnen“, sagt der Demograf Lutz. „Der Unterschied verschwindet aber, wenn man das Bildungsniveau berücksichtigt.“ Zwar ist die Geburtenrate von weniger gebildeten Migranten immer noch etwas höher, als die der bildungsfernen Österreicher. Mit steigender Bildung entscheiden sich aber auch die Migranten mit bildungsferner Herkunft tendenziell für weniger Kinder. Bei höher gebildeten Migranten, sei es aus der Türkei oder anderswo, unterscheide sich die Geburtenrate kaum von der der Österreicher.
Dazu kommt ein „soziokultureller Lernprozess“: Weg von der Idee traditioneller, patriarchaler Gesellschaften, so viele Kinder zu bekommen, wie Gott einem schenkt – hin zu einem moderneren Verständnis, wo die Entscheidung für oder gegen Kinder eher rational getroffen wird, sagt Lutz. Für viele junge Frauen mit Migrationshintergrund stellt sich dann auch die Frage nach der Eigenständigkeit, und die tangiert den Kinderwunsch und wirft (genauso wie bei den jungen Österreicherinnen) Probleme wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auf.
Ähnliche Trends kennen die Demografen aus anderen Ländern: Frauen mit Migrationshintergrund der zweiten Generation passen sich dem Geburtenverhalten westdeutscher Frauen an, hat etwa die die Soziologin Nadja Milewski für Deutschland herausgefunden. Zwar neigen vor allem türkische Frauen der zweiten Generation zu einer frühen Eheschließung, die dann mit der Geburt des ersten Kindes einhergehe; dennoch gebe es einen „Anpassungstrend“. In Schweden etwa stellte Gunnar Andersson fest, dass die Muster der Familiengründung bei Einwanderern inzwischen denen der Schweden sehr stark ähneln. Viel wichtiger als die Herkunft sei, ob die Frau erwerbstätig sei: Das steigere die Wahrscheinlichkeit einer Familiengründung deutlich.
Gewisses Schrumpfen sogar günstig?
Wer glaubt, mit der Geburtenrate der Migranten die Bevölkerungslücke schließen zu können, die sich durch den demografischen Wandel auftut, hat sich also geschnitten? Jein, sagt der Demograf Lutz: Denn ein Grund, warum Österreich derzeit nicht schrumpft, ist auch die Neuzuwanderung. Außerdem stelle sich die Frage, ob ein Schrumpfen der Bevölkerung unbedingt schädlich sei. „Ich würde bestreiten, dass es eine Bevölkerungslücke gibt“, sagt Lutz. „Ein gewisses Schrumpfen kann sogar günstig sein, wenn man die jüngere Generation gleichzeitig besser ausbildet.“
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