Mehr Empathie: Rettungsring für "Ich"-Kinder

Kinder, die nichts mehr mit sich anzufangen wissen, nur an sich denken oder sozial unverträglich sind, treiben Eltern und Lehrer zur Verzweiflung. Ein neues Kuschelkonzept bietet Hilfe.

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(c) Erwin Wodicka - wodicka@aon.at (Erwin Wodicka)

Immer auf die Kleinen: Dieser Grundsatz ist zwar vielleicht nicht besonders ehrenhaft, dafür hat er sich aber über Jahrhunderte bestens bewährt. Seit Kinder als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft anerkannt sind, haben sie auch das Privileg erworben, unter die Lupe genommen zu werden. Vielen Beobachtern gefällt allerdings nicht mehr, was sie sehen. Zum Beispiel Kinder, die nur noch ein Wort kennen: „Ich“. Gefolgt vor allem von „will“ oder noch öfter „will nicht“. Dass diese Kinder über ein durchdringendes akustisches Repertoire verfügen, um ihren Wünschen Nachdruck zu verleihen, macht sie weder (ihren) Eltern noch Lehrern noch Altersgenossen noch Passanten sympathischer.

Das gilt auch für jene Kinder, die augenscheinlich nichts mehr mit sich anzufangen wissen. Die vor einem vollgerammelten Spielzeugregal stehen, die Augen verdrehen und den Killersatz sagen: „Mir ist sooo fad.“ Oder die Kinder, die negative Emotionen wie Frust oder Ärger nicht einmal mehr in homöopathischen Dosen aushalten und entweder verbal aggressiv reagieren oder dem Gegenüber einfach eine scheuern.

Gegen Egoismus und Gier.
Das Urteil über diese Kinder fällt schon seit einiger Zeit ziemlich harsch aus („Tyrannen“) – und auf ihre Eltern zurück. Deshalb wird mit vereinten Kräften nach Mitteln gesucht, wie man den Nachwuchs von der schiefen Entwicklungsbahn zurück auf die gerade bringen kann. Jetzt gibt es dafür ein neues Angebot. „Empathie“ heißt das Zauberwort – ein durch und durch positives Konzept. Das gefällt einer Gesellschaft ganz besonders gut, die ohnedies um ihren sozialen Zusammenhalt fürchtet und gerade eine Wirtschaftskrise durchlebt, für die immer wieder Egoismus und Gier verantwortlich gemacht werden.

Empathie ist nichts anderes als die uralte menschliche Fähigkeit, sich auf der Basis von Selbsterkenntnis in andere Menschen hineinzuversetzen und nachzuempfinden, was sie fühlen. An sich ist Empathie weder eine gute noch eine schlechte Sache, in der öffentlichen Auseinandersetzung wird aber vor allem ihre positive Seite betont.

Jesper Juul und Peter Hoeg.
Und mit dieser haben viele Kinder offenbar ihre Probleme. Der das sagt, ist niemand Geringerer als der pädagogische Guru zahlreicher Eltern in Skandinavien, Deutschland und Österreich: der dänische Familientherapeut Jesper Juul. Er hat sich einen Namen als Advokat einer entspannten Pädagogik gemacht, die Eltern von zu viel Verantwortung und Kinder von überbesorgten Eltern befreien will. Jetzt aber läutet er die Alarmglocke. Gemeinsam mit anderen Autoren – darunter auch der weltbekannte Schriftsteller Peter Hoeg („Fräulein Smillas Gespür für Schnee“) – hat Juul einen Aufruf für mehr Empathie geschrieben: „Miteinander – Wie Empathie Kinder stark macht“.

Seine Diagnose ist schnell zusammengefasst und auch nicht gänzlich unbekannt. Zu den überwachungsneurotischen „Helikopter-Eltern“ gesellten sich die „Curling-Eltern“, die – ähnlich dem Eissport mit Besen – ihren Kindern jedes Hindernis aus dem Weg räumen und jeden Schmerz ersparen wollen. Diese Eltern schaffen es nicht, ihren Kindern zu vermitteln, was es heißt, negative Emotionen zu erleben, diese auszuhalten und mit ihnen umzugehen. Einen Gefallen tun sie damit allerdings niemandem: „Kinder, die nicht von klein auf lernen, Momente der Frustration auszuhalten, entwickeln sich nicht weiter“, sagt Karin J. Lebersorger, die klinische Psychologin und Psychotherapeutin vom Institut für Erziehungshilfe. Sie hält die „Kindzentriertheit“ der heutigen Gesellschaft für verhängnisvoll: „Es sollte darum gehen, die Bedürfnisse der Kinder zu verstehen, nicht darum, sie sofort und umfassend zu befriedigen.“


Zu wenig Herzensbildung. Dieses Missverständnis kann dramatische Konsequenzen haben, vor allem in Verbindung mit einer Erziehung und Pädagogik, die die intellektuelle Erziehung der Kinder vorantreibt, die Herzensbildung jedoch gern links liegen lässt. Viele Kinder werden egozentrisch, wollen ständig im Mittelpunkt stehen, neigen zu (gewalttätigen) Gefühlsausbrüchen, wenn die Welt um sie herum nicht mit ihrer Vorstellung davon übereinstimmt und tun sich schwer mit sozialen Kontakten. In der übersteigerten Form enden die Betroffenen später als Narzissten.

„Diese Kinder stellen sich selbst in den Mittelpunkt ihres Wünschens und Tuns – und zwar weit über einen Alterszeitraum hinaus, in dem das normal ist“, sagt Lebersorger. „Für viele Kinder ist es sehr schwierig, die Position des anderen einzunehmen und ihre Gefühle zu regulieren.“

Diese Fähigkeit sollten Kinder spätestens mit fünf Jahren erworben haben. Ob das gelingt, hängt laut Lebersorger vor allem davon ab, wie weit eine sichere Beziehung zwischen dem Baby und seinen primären Bezugspersonen gelingt. Als frühes Beispiel nennt sie die Dreimonatskoliken. „Das ist oft das erste Mal, dass Eltern mit den ganz primitiven Ängsten ihres Babys konfrontiert werden und diese aushalten müssen – ohne besonders viel tun zu können. Dennoch muss man dem Baby Sicherheit geben, es halten und tragen. Damit erlebt auch der Säugling, dass negative Gefühle erlebt und ausgehalten werden können.“

Zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr beginnt die Phase der „egozentrische Empathie“, in der auch für andere nur gut sein kann, was für mich gut ist. Bis zum Alter von fünf Jahren sollten Kinder in der Lage sein, sich und andere als unterschiedliche Personen zu empfinden, gleichzeitig aber auch die Empfindungen anderer Personen abschätzen können.

Physiologische Ausreden wie „Ich habe überhaupt keine Empathie“ gelten jedenfalls nicht. Denn jeder Mensch trägt die Basis dafür in sich. Das haben die Neurowissenschaftler bewiesen, die sich seit einigen Jahren ebenfalls für die Empathie begeistern. Dieses Interesse erklärt sich Claus Lamm, Professor für Biologische Psychologie an der Universität Wien, damit, dass „die Wirtschaftskrise mit ihren Anklängen von Neid und Gier das Bedürfnis entstehen ließ, auch die guten Seiten des Menschen zu betonen“.

Das Gehirn fühlt mit.
Als Knotenpunkt für empathisches Empfinden identifizierten die Forscher den insulären Cortex, eine Gehirnregion hinter der Schläfe. „Dieser ist sowohl aktiv, wenn ich selbst eine Emotion empfinde, als auch, wenn ich diese Emotion bei jemand anderem beobachte“, sagt Lamm.

Wie empathisch jemand ist, wird sowohl von den Genen bestimmt, sehr stark aber auch von der Sozialisation, vor allem von der Erziehung, beeinflusst. Als eine der relativ gut gesicherten Annahmen, sagt Lamm, gilt: „Es haben jene Kinder die größte Empathiefähigkeit, deren Mütter in der Lage sind, mit ihren Emotionen gut umzugehen, die diese so regulieren können, dass sie handlungsfähig bleiben und weder abstumpfen noch hysterisch auf jedes Ereignis reagieren.“

Geht es nach Juul und seinen Koautoren, wird bald niemand mehr beim Wort „Empathie“ fragend die Augenbrauen heben. „Schließlich ist es das, was die Welt zusammenhält“, sagt er. Aber vielleicht werden bald die Kinder ihren Eltern erklären, was es eigentlich bedeutet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2012)

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