Das "weiße Gold": Der Handel mit der Muttermilch

28.04.2012 | 18:03 |  von Doris Kraus (Die Presse)

Stillen ist das Beste für das Baby, darin sind sich Wissenschaft und Politik einig. Wer keine Milch hat, gerät leicht unter Druck. Immer mehr Frauen kaufen daher das "weiße Gold" im Internet.

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Die Inserate unterscheiden sich nur minimal voneinander. Wer seine Ware an die Frau – mitunter auch an den Mann – bringen will, muss ein bisschen Werbung in eigener Sache machen: gesund sollte man sein, am besten zu 100 Prozent biologisch ernährt, gebildet schadet auch nicht. Viele gehen auf Nummer sicher und stellen noch ein Bild von sich dazu, oft mit einem wohlgenährten Baby – sozusagen als lebendem Beweis dafür, dass das Angebot von hoher Qualität ist. Denn Muttermilch ist ein äußerst heikles Handelsgut.

Das ist allerdings immer mehr Frauen egal, weshalb der Handel mit Muttermilch seit einiger Zeit stetig wächst – vor allem in den USA und Kanada und in erster Linie über das Internet. Foren wie „Human Milk 4 Human Babies“, „Eats on Feets“ oder „Only the Breast“ erfreuen sich ansehnlicher Zuwachsraten. Experten weisen allerdings darauf hin, dass man Muttermilch im Internet immer auf eigenes Risiko kauft und es letzten Endes keine Garantie für den Gesundheitszustand der Spenderin oder die Qualität der Milch gibt.

Hoher Stilldruck.
Der Handel mit der Muttermilch geht vor allem auf drei Faktoren zurück. Der erste ist die Einhelligkeit von Wissenschaft und Politik in Bezug darauf, dass Muttermilch die beste Ernährung für Babys ist. Studien belegen den positiven Einfluss auf das Immunsystem, auf die Bindung an die Mutter oder sogar auf die Intelligenz. In Zeiten perfektionistischer Mutterschaft, die vor allem in der Mittelschicht weitverbreitet ist, will sich daher keine Mutter später vorwerfen müssen, sie habe die Chancen ihres Babys bereits in seinen ersten Lebenswochen versemmelt.

Daher gibt es relativ wenige Frauen, die sich bewusst gegen das Stillen entscheiden. Es gibt aber gar nicht so wenige Jungmütter, die aus den unterschiedlichsten Gründen außerstande sind, ihr Kind mit Muttermilch zu versorgen: sei es, dass sie zu wenig Milch haben; sei es, dass das Kind ein Frühchen und noch keine Milch vorhanden ist (Muttermilch ist erst ab der 32. Schwangerschaftswoche so beschaffen, dass sie für das Kind genießbar ist). Das Problem tritt auch in den tragischen Fällen auf, in denen die Frau bei der Geburt stirbt.


100 Dollar pro Tag. Die Nachfrage allein reicht allerdings nicht, um den Handel mit „Frauenmilch“ (wie Milch von anderen Müttern heißt) anzukurbeln. Ausschlaggebend ist auch das Angebot – und dessen Preis. In Österreich wird die Verteilung öffentlich abgewickelt, und zwar von der „Frauenmilchsammelstelle“ in der Semmelweisklinik. Rund 25 Mütter beliefern diese „Milchbank“ und erhalten dafür 2,33 Euro pro Liter. Die „Frauenmilchsammelstelle“ (ab 2015 im Krankenhaus Nord angesiedelt) kontrolliert und bearbeitet die Milch und verkauft sie um 7,28 Euro pro Liter an Privatpersonen und um 41,12 Euro an Spitäler.

Im Vergleich zu den Preisen amerikanischer „Milchbanken“ ist das geschenkt. Dort, so schätzt die Stillberaterin Iris Wagnsonner, kostet der Tagesbedarf an Muttermilch mehr als hundert Dollar. Das können sich nicht allzu viele Frauen allzu lange leisten. Gleichzeitig finanziert das amerikanische Sozialsystem nur für kurze Zeit die Karenz. Das Internet bot den betroffenen Frauen eine Plattform zur Lösung ihrer Probleme. Allerdings mussten dafür eigene Foren geschaffen werden, denn eBay etwa verbietet den Handel mit Körperflüssigkeiten. Bald entstand daher „Human Milk 4 Human Babies“, wo Mütter mit zu viel und Mütter mit zu wenig Milch zusammenkommen. HM4HB ist eines der Foren, wo es nicht in erster Linie ums Geld sondern ums Teilen geht, bei „Only the Breast“ wird hingegen offen verkauft. US-Sender errechneten, dass Frauen damit rund 10.000 Dollar pro Jahr verdienen können: daher auch der Spitzname „weißes Gold“.

Allerdings sind nicht alle mit dieser Entwicklung glücklich. Iris Wagnsonner ist nicht allein mit ihrer Sorge, dass die Muttermilch im Internet nur auf Vertrauensbasis gekauft wird. Es gibt zwar Richtlinien, aber ob die wirklich erfüllt werden, kann niemand überprüfen. „Frauen haben normalerweise eine relativ hohe Hemmschwelle, ihren Babys die Milch anderer Frauen zu geben“, sagt Wagnsonner. „Das Internet macht das wieder gesellschaftsfähig. Umso wichtiger ist es, sicher zu sein, dass die Verkäuferin nicht drogensüchtig oder Alkoholikerin ist und daher Geld braucht.“


Zumindest testen lassen. Wagnsonner plädiert dafür, den Handel mit der Muttermilch über offizielle Milchbanken abzuwickeln. Diese wurden in den letzten Jahrzehnten zwar immer weniger, doch könnte sich eine Trendumkehr anbahnen. Anfang dieses Jahres eröffnete das Klinikum Großhadern in München die erste Milchbank seit 100 Jahren in Westdeutschland, und zwar für Frühchen. Mindestens aber, meint Wagnsonner, sollten Mütter, die so weit gehen, Frauenmilch aus dem Internet zu kaufen, die Möglichkeit haben, das Produkt testen zu lassen. Und damit ihrem Baby noch einen großen Gefallen zu tun.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.04.2012)

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1 Kommentare

Da könnte die moderne Gentechnik

helfen,denn diesbezüglich gentechnisch veränderte Kühe könnten genügend billige Muttermilch produzieren.

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