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Bruch zwischen Mutter und Kind: Mach's gut, Mama!

12.05.2012 | 18:16 |  von Doris Kraus (Die Presse)

Hunderte Kinder kündigen ihren Eltern die Beziehung auf. Fristlos. Zurück bleiben Schuld, Scham und traurige Muttertage. Angelika Kindt hat es erlebt. Und beschlossen, darüber zu reden.

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Ein Bruch zwischen Menschen kündigt sich immer an, heißt es. Sei es die Partnerin, sei es eine gute Freundin – zuerst kracht es im Beziehungsgebälk, die Risse werden immer größer, erst dann bricht alles zusammen.

Falsch, sagt Angelika Kindt. So ein Bruch kündigt sich nicht immer an. Er kann auch völlig unerwartet kommen. In Kindts Fall sogar gleich in mehrerer Hinsicht. Denn erstens traf sie die „Stornierung“ jeglicher Beziehung, die sie vor sechs Jahren per E-Mail erhielt, wirklich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Und zweitens umso mehr, als der Absender nicht ihr Arbeitgeber, ihr Liebhaber oder ihre beste Freundin war – sondern ihre Tochter. Maya Kindt, damals 26, erklärte ihrer Mutter klipp und klar und ein für alle Mal, dass sie nie wieder etwas mit ihr zu tun haben wolle.

Angelika Kindt durchlief alle emotionellen Stadien, die auf eine Trennung folgen, bei der sich der andere jeder Auseinandersetzung und jedem Gespräch verweigert: „Zuerst war ich hilflos, wie gelähmt“, sagt sie. „Dann war ich voller Zorn, und zwar gegen mich selbst. Danach kam die Wut auf andere Mütter, vor allem auf die mit Töchtern.“ Danach erst habe sie sich getraut, auch auf ihre Tochter wütend zu sein, „sauwütend“, empört und verletzt.

Auf diese zerstörerischen Phasen folgten ein Jahr Gesprächstherapie – und eine Überraschung: Denn Kindt schrieb ein Buch über ihre Erfahrungen und Gedanken, mehr für sich selbst als für andere. „Wenn Kinder den Kontakt abbrechen“ war in erster Linie der Versuch, dieses Thema von seinem gesellschaftlichen Tabu zu befreien und zur Diskussion zu stellen, ob wirklich alle Eltern, die von ihren Kindern verlassen werden, Rabeneltern sind; ein Rundumschlag gegen die Tendenz, Eltern grundsätzlich die Schuld zu geben, wenn im Verhältnis zu ihren Kindern etwas schiefläuft.

Umso erstaunter war Angelika Kindt über die Lawine an Reaktionen, die sie damit losgetreten hatte. „Das Buch hat eingeschlagen wie eine Rakete“, sagt die Autorin. „Ich habe im letzten Jahr tausende E-Mails von Leuten bekommen, die sich in einer ganz ähnlichen Situation befinden – und zwar nicht nur von betroffenen Eltern, sondern auch von Kindern.“

Ein Thema, über das man nicht spricht. Die Schätzungen, wie viele Menschen in einer solchen familiären Entfremdung leben, müssen also offenbar nach oben revidiert werden. Im Grunde aber bleibt alles ein Ratespiel. Denn geredet wird über dieses Thema kaum bis gar nicht. Angelika Kindt versteht warum – immerhin spricht sie aus Erfahrung. „Die erste Reaktion der anderen ist sehr oft: ,Na ja, man weiß ja nicht, was die Eltern dem Kind angetan haben. Was die Mutter für eine ist, ganz offenbar ist sie ja eine Karrierefrau.‘“

Der letzte Vorwurf trifft Angelika Kindt noch immer. Die heute selbstständige Beraterin und Coachin heiratete das erste Mal mit 19, Sohn Max kommt bald danach auf die Welt. Es folgt eine Pause, Weiterbildung, Studium der Politologie – und eine neuerliche Schwangerschaft, diesmal Zwillinge, Julie und Maya. Julie ist krank, stirbt wenige Wochen nach der Geburt. Die Ehe hält nicht. „Wie so oft nach dem Tod eines Kindes waren wir nicht zur gemeinsamen Trauerarbeit fähig“, sagt Kindt.

Diese außergewöhnlichen Umstände tragen dazu bei, dass Maya besonders verwöhnt wird. Mit 26 wird sie ihrer Mutter per E-Mail vorwerfen, sie zu „ersticken“, ihr „keine Luft zum Atmen zu lassen“. Kindt kann das nicht nachvollziehen. „Ich war nie eine Glucke“, sagt sie. „In meiner Wahrnehmung hatten wir ein schönes Verhältnis.“

Wer wirklich die Schuld an dem Bruch trägt, weiß Angelika Kindt bis heute nicht. Und es ist ihr letzten Endes auch egal. „Ich hatte genug von dieser ständigen emotionalen Zwickmühle aus Schuld und Scham“, sagt sie. „Man darf in dieser Frage weder von Opfern noch von Tätern sprechen. Das lehne ich total ab.“ Menschen, die sich ständig als „Jammernummer“ betrachteten, seien nicht mehr konstruktiv. Und die eigenen Kinder als Täter zu sehen, findet sie auch „bedenklich“. Sehr wohl, schränkt Kindt ein, müsse man aber von Opfern und Tätern sprechen, wenn dem Kind innerhalb der Familie Leid zugefügt wurde.

Depression und Herzleiden. Die Eltern, die mit ihr nach der Veröffentlichung ihres Buches in Scharen in Kontakt traten, gehören zu der Kategorie Menschen, die sich keiner Schuld bewusst sind. „Ich habe lange gebraucht, aber ich habe gelernt, den Schritt meiner Tochter zu akzeptieren“, sagt Kindt. „Es gibt aber viele Eltern, die werden nicht damit fertig. Sie werden im Lauf der Zeit depressiv oder physisch krank, viele erkranken am Herzen.“

Diesen verzweifelten Eltern bietet Kindt jetzt auch eine Anlaufstelle. Eine betroffene Mutter gründete die Plattform www.wenn-kinder-den-kontakt-abbrechen.de. Daneben gibt es in Deutschland auch ein zweites Forum: www.verlassene-eltern.de. Kindt arbeitet mittlerweile auch als Mediatorin in diesem Feld und freut sich besonders, dass es ihr in einigen Fällen gelungen ist, Eltern und Kinder wieder zusammenzuführen.

Was ihre Tochter Maya von der öffentlichen Problembewältigung ihrer Mutter hält, weiß Angelika Kindt nicht. Seit dem „Kündigungs-E-Mail“ gab es zwischen Maya und ihrer Familie, auch ihrem Bruder Max, keinen Kontakt mehr. Dass damit das letzte Wort bereits gesprochen sein könnte, will die heute 63-Jährige allerdings nicht akzeptieren. „Ich bin mir sicher, dass es meiner Tochter auch nicht gut geht“, sagt sie. „Ich bin sicher, sie wird eines Tages wiederkommen. Meine Tür bleibt jedenfalls offen. Die einzige Angst, die ich habe, ist, dass uns die Zeit davonläuft.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2012)

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35 Kommentare
 
12
Gast: gerlinde hintermeier
18.05.2012 11:33
0 0

weitere Beiträge

bitte schalten Sie die Beiträge frei, die seit 14.5. eingegangen sind
Herzlichen Dank
Klara

Langer Artikel über Beziehungsabbruch zu Eltern

in den wir nichts über den Vater erfahren.

Vielleicht ist die Tochter spät dahinter gekommen, dass die Mutter die Beziehung zum Vater eingeschränkt oder untergraben hat.
Oder die Tochter ist in einer Sekte
oder die Mutter ist einfach unmöglich
oder ..

Was bringt so ein unsachlich spekulativer Artikel eigentlich?

Gast: Sirius29
14.05.2012 15:08
2 0

Professioneller Journalismus ...

... sieht anders aus! Die Wortwahl der Überschrift ist eine Banalisierung und eine Beleidigung für alle Betroffenen, gleich ob Kinder oder Eltern. Wohl kaum einer trennt sich aus einer leichtfertigen Laune heraus von seinen Eltern, wie es mit "mach's gut, Mama!" unterstellt wird. Unglaublich, wirklich ganz großes Kino!

Gast: so viele kluge menschen hier
14.05.2012 14:00
2 0

kein Blitz aus heiterem Himmel

KEINE Beziehung wird völlig überraschend abgebrochen. Da ging der Kontakt zueinander schon länger verloren - offenbar unbemerkt.

Ausserdem : es gibt familientherapeutische Methoden, mit denen man solche "Rätsel" entschlüsseln kann.

„In meiner Wahrnehmung hatten wir ein schönes Verhältnis.“ Das sagen paradoxerweise auch viele Männer, nachdem sie von Frauen "völlig überraschend" verlassen worden sind ...

2 0

Interresant.

Die Geschichte wird von einem einzigen Standpunkt dargestellt, dem der armen verlassenen Mutter.

Das, selbst wenn die Tochter jeglichen Kontakt verweigert, nicht einmal der Sohn bzw der Ex-Mann gefragt werden warum sich die Tochter so verhalten könnte ist mir unverständlich.

Mir ist jetzt nicht ganz klar ob das ein Artikel sein soll (stichwort Journalismus, recherche) oder eine Werbeanzeige.
Falls es ein dies keine Werbeanzeige ist rate ich der Verfasserin den Begriff Journalismus zu Googeln und sich Speziel die passage über "professionelle Fremdbeobachtung" durchzulesen.

Antworten Gast: so viele kluge menschen hier
14.05.2012 14:02
3 0

Re: Mir ist jetzt nicht ganz klar ob das ein Artikel sein soll (stichwort Journalismus, recherche) oder eine Werbeanzeige.

Höchstwahrscheinlich eine Werbeanzeige für das Buch.

(Solche einseitigen Werbe-Artikel sind in der PRESSE mittlerweile gängig.)

Gast: Störrisch...
14.05.2012 10:23
5 0

Hm...

...also ich kann nur aus eigener Erfahrung sprechen (Kind-seite)....ich habe mit meiner Mutter für 2-3 Jahre gebrochen und das hatte sehr gute Gründe.

Kein Kind bricht mit Eltern aus Jux und Tollerei oder einfach "so".

Das Bild ist meiner Meinung nach nicht vollständig...die Zwillingsschwester verstorben, Ehe zerbrochen....da wird der überlebende Zwilling einiges abbekommen haben an Angst und Stress der Mutter (welche Mutter wiederum wäre da nicht am Boden zerstört und verzweifelt nach dem Drama).


Seltsame Geschichte

Mich würde vor allem interessieren, wieso die Tochter nichts gesagt hat. Gedankenlesen kann die Mutter ja auch nicht.

Üblicherweise spricht man doch miteinander, wenn es Probleme gibt - erst recht, wenn man erwachsen ist. Einer 26jährigen kann man schon zutrauen, mit ihrer Mutter zu sprechen und ihr zu sagen, was sie stört, anstatt einfach feige mit einer E-Mail den Kontakt abzubrechen.

Mag ja sein, dass da einiges über Jahre hinweg schief gelaufen ist. Aber die Tochter verstehe ich ehrlich gesagt auch nicht.

Antworten Gast: Störrisch...
14.05.2012 10:42
3 0

Wenn diese Mutter annähernd so war...

...wie meine, ist Reden leider zwecklos, weil die Mutter weder zuhöre noch verstehen will, aber dafür umso lauter brüllt und austeilt.

Ich habe nach unzähligen Versuchen, die in die Hose gegangen sind, auch zum Briefpapier gegriffen. Viele Eltern wollen einfach nicht verstehen, dass Eltern nicht immer Recht haben und dass die eigenen Kinder anders ticken können und andere Bedürfnisse habe, als die Eltern.

Also viele Eltern verstehen nicht, dass was für einen selbst gut ist, fürs eigene Kind, eine Katastrophe sein kann!

Re: Wenn diese Mutter annähernd so war...

Natürlich gibt es sowas auch - Sie haben es zumindest versucht!

Wir kennen leider die Seite der Tochter in diesem Artikel nicht, aber so, wie die Mutter es beschreibt, hat die Tochter ihr aus heiterem Himmel die Beziehung aufgekündigt. Und das ist es, was ich nicht verstehe.

Gast: Tochter
14.05.2012 09:32
1 0

Gegenseite

Naja und dann gibts noch die Kinder, die von ihrer Mutter vorwarnungslos verlassen werden.

Dieser Schmerz heilt wohl nie, so erwachsen können diese Kinder gar nicht sein.

na wenn man nicht merkt, was sein kind fühlt,

dann merkt man wohl auch nicht, dass sich ein AUS ankündigen könnte!


Re: na wenn man nicht merkt, was sein kind fühlt,

Gedankenlesen fällt halt auch Müttern gelegentlich schwer.
Vielleicht hätte ja auch die Tochter mal sagen können, was sie eigentlich stört-

Re: Re: na wenn man nicht merkt, was sein kind fühlt,

...bevor sie den Kontakt endgültig abbricht, wollte ich eigentlich noch schreiben (hab den Kommentar aber irrtümlich zu früh abgeschickt).

Gast: gdnhzk,xy
13.05.2012 11:41
2 0

das kann doch nicht sein...

...dass die nicht versteht, was abläuft. wenn sie es nicht versteht, dann interessiert sie es offenkundig wirklich nicht sehr. gerade kinder in solchen "sondersituationen" bekommen unglaublich viele implizite aufträge von ihrem umfeld (insb. von den eltern), die zu erfüllen unmöglich ist und menschen psychisch an den rand zum kippen bringen. das hat nichts mit karriere etc. zu tun, sondern mit der projektion der eltern.
und in diesem fall meine ich auch, dass das buch nicht das zeichen der offenen tür ist, sondern ein alles in allem noch nachgeworfener auftrag.
klar gehts der tochter nicht gut. aber die mutter checkt ja noch nicht einmal, warum es so ist.

ääääh... nur der ehrlichkeit wegen: ich hab ne sehr ähnliche erfahrung gemacht und hab keinen anspruch auf "wahrheit". aber ich merke einfach, wie weh es tut, dass meine eltern noch immer nicht verstehen, was diese "sondersituation" für mich im gegensatz zu meinen anderen überlebenden geschwistern bedeutet hat.

Re: das kann doch nicht sein...



**aber die mutter checkt ja noch nicht einmal, warum es so ist.**

so sehe ich das auch!


Antworten Gast: nawenndassoist
14.05.2012 00:21
0 0

Re: das kann doch nicht sein...

also ist allein die mutter schuld?

Antworten Antworten Gast: kind
14.05.2012 17:33
1 0

Re: Re: das kann doch nicht sein...

ja!

Re: Re: Re: das kann doch nicht sein...

Woher wollen Sie das denn wissen? Kennen Sie die Familie und die Gegebenheiten?

Tatsache ist, dass wir hier nur eine Seite der Geschichte zu lesen bekommen. Und aufgrund dessen würde ich mir kein Urteil anmaßen wollen.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: kind
16.05.2012 00:31
1 0

Re: Re: Re: Re: das kann doch nicht sein...


wohl nur die frage gestellt, um dann dagegen zu senfen?

schade um die zeit....

Re: Re: Re: Re: Re: das kann doch nicht sein...

Nein, eigentlich habe ich die Frage gestellt, um aufzuzeigen, wie einseitig ihr Posting ist ;)

Gast: Liftup
13.05.2012 09:56
1 0

unendlich viele Motive

Ohne nun das Buch gelesen zu haben, meine ich es gibt unendlich viele Motive warum Familien auseinandergehen. In meinem Umfeld gab es den kuriosen Fall, wo eine Tochter wegen "Rückführung in die Vergangenheit" durch eine Esoterikerin meinte, sie wäre als Baby nicht gut behandelt worden. Aus war der Kontakt, bis zum Tode der Mutter.

Antworten Gast: haendeweg
14.05.2012 00:22
5 0

Re: unendlich viele Motive

deswegen: hände weg vom esoscheizz

Re: Re: unendlich viele Motive

Ja genau: die Esoterik ist an allem schuld *GGG*

Gast: Matilda Modiano
13.05.2012 01:34
3 0

Gut, dass dieses Tabu einmal angesprochen wird

Nicht nur in kirchlichen und weltlichen Internaten, auch in vielen Familien wird physisch und psychisch missbraucht, überall, wo Menschen sehr nahe aneinander sind und überall, wo Mächtigere (zumeist die Eltern) mit Schwächeren (zumeist die Kinder) zusammenleben.

Auch jetzt, hier, in Österreich, am Muttertag.

Die Kinderpsychiater Ernst Berger oder Paulus Hochgatterer können sofort von zig Fällen berichten, wo Eltern eben NICHT das Beste für ihre Kinder wollten, sie vernachlässigt und sogar ausgebeutet haben (Hochgatterer hat das Thema in "Caretta caretta" literarisch beispielhaft abgehandelt).

Das passt nicht ins schöne Bild, das unsere Gesellschaft gern von sich hätte.

Das passt nicht zur Familienideologie der Parteien, nicht zur ständig von Politikern beschworenen Familienförderung.

Familie ist, wenn sie gut ist, das Beste für die Kinder.

Familie ist, wenn sie schlecht ist (und das ist sie eben viel öfter als allgemein zugegeben), das Allerallerschlechteste für die Kinder.

Jetzt so zu tun, als ob das Verlassen der Eltern ein unerklärliches Phänomen wäre, ist (wieder mal) scheinheilig.

Erwachsen gewordene "Kinder" verlassen ihre Eltern, weil sie das jetzt endlich können, weil sie sich jetzt - als Erwachsene - endlich von einer für sie quälenden Beziehung befreien können.

Antworten Gast: Störrisch...
14.05.2012 10:35
0 0

Grün (bin Gast daher kann ich nicht bewerten!)

....scheinheilig trifft es gut bzw. in Wirklichkeit Angst bzw. fehlendes Selbstvertrauen.

Denn Selbstvertrauen ist notwendig, damit ich mir selbst Fehler eingestehen kann. Und wir alle machen Fehler, kein weiß alles - das vergessen nur die meisten und glauben, wenn man sich entschuldigt, verliert man das Gesicht, erscheint schwach....das genaue Gegenteil ist der Fall!

 
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