Ein Bruch zwischen Menschen kündigt sich immer an, heißt es. Sei es die Partnerin, sei es eine gute Freundin – zuerst kracht es im Beziehungsgebälk, die Risse werden immer größer, erst dann bricht alles zusammen.
Falsch, sagt Angelika Kindt. So ein Bruch kündigt sich nicht immer an. Er kann auch völlig unerwartet kommen. In Kindts Fall sogar gleich in mehrerer Hinsicht. Denn erstens traf sie die „Stornierung“ jeglicher Beziehung, die sie vor sechs Jahren per E-Mail erhielt, wirklich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Und zweitens umso mehr, als der Absender nicht ihr Arbeitgeber, ihr Liebhaber oder ihre beste Freundin war – sondern ihre Tochter. Maya Kindt, damals 26, erklärte ihrer Mutter klipp und klar und ein für alle Mal, dass sie nie wieder etwas mit ihr zu tun haben wolle.
Angelika Kindt durchlief alle emotionellen Stadien, die auf eine Trennung folgen, bei der sich der andere jeder Auseinandersetzung und jedem Gespräch verweigert: „Zuerst war ich hilflos, wie gelähmt“, sagt sie. „Dann war ich voller Zorn, und zwar gegen mich selbst. Danach kam die Wut auf andere Mütter, vor allem auf die mit Töchtern.“ Danach erst habe sie sich getraut, auch auf ihre Tochter wütend zu sein, „sauwütend“, empört und verletzt.
Auf diese zerstörerischen Phasen folgten ein Jahr Gesprächstherapie – und eine Überraschung: Denn Kindt schrieb ein Buch über ihre Erfahrungen und Gedanken, mehr für sich selbst als für andere. „Wenn Kinder den Kontakt abbrechen“ war in erster Linie der Versuch, dieses Thema von seinem gesellschaftlichen Tabu zu befreien und zur Diskussion zu stellen, ob wirklich alle Eltern, die von ihren Kindern verlassen werden, Rabeneltern sind; ein Rundumschlag gegen die Tendenz, Eltern grundsätzlich die Schuld zu geben, wenn im Verhältnis zu ihren Kindern etwas schiefläuft.
Umso erstaunter war Angelika Kindt über die Lawine an Reaktionen, die sie damit losgetreten hatte. „Das Buch hat eingeschlagen wie eine Rakete“, sagt die Autorin. „Ich habe im letzten Jahr tausende E-Mails von Leuten bekommen, die sich in einer ganz ähnlichen Situation befinden – und zwar nicht nur von betroffenen Eltern, sondern auch von Kindern.“
Ein Thema, über das man nicht spricht. Die Schätzungen, wie viele Menschen in einer solchen familiären Entfremdung leben, müssen also offenbar nach oben revidiert werden. Im Grunde aber bleibt alles ein Ratespiel. Denn geredet wird über dieses Thema kaum bis gar nicht. Angelika Kindt versteht warum – immerhin spricht sie aus Erfahrung. „Die erste Reaktion der anderen ist sehr oft: ,Na ja, man weiß ja nicht, was die Eltern dem Kind angetan haben. Was die Mutter für eine ist, ganz offenbar ist sie ja eine Karrierefrau.‘“
Der letzte Vorwurf trifft Angelika Kindt noch immer. Die heute selbstständige Beraterin und Coachin heiratete das erste Mal mit 19, Sohn Max kommt bald danach auf die Welt. Es folgt eine Pause, Weiterbildung, Studium der Politologie – und eine neuerliche Schwangerschaft, diesmal Zwillinge, Julie und Maya. Julie ist krank, stirbt wenige Wochen nach der Geburt. Die Ehe hält nicht. „Wie so oft nach dem Tod eines Kindes waren wir nicht zur gemeinsamen Trauerarbeit fähig“, sagt Kindt.
Diese außergewöhnlichen Umstände tragen dazu bei, dass Maya besonders verwöhnt wird. Mit 26 wird sie ihrer Mutter per E-Mail vorwerfen, sie zu „ersticken“, ihr „keine Luft zum Atmen zu lassen“. Kindt kann das nicht nachvollziehen. „Ich war nie eine Glucke“, sagt sie. „In meiner Wahrnehmung hatten wir ein schönes Verhältnis.“
Wer wirklich die Schuld an dem Bruch trägt, weiß Angelika Kindt bis heute nicht. Und es ist ihr letzten Endes auch egal. „Ich hatte genug von dieser ständigen emotionalen Zwickmühle aus Schuld und Scham“, sagt sie. „Man darf in dieser Frage weder von Opfern noch von Tätern sprechen. Das lehne ich total ab.“ Menschen, die sich ständig als „Jammernummer“ betrachteten, seien nicht mehr konstruktiv. Und die eigenen Kinder als Täter zu sehen, findet sie auch „bedenklich“. Sehr wohl, schränkt Kindt ein, müsse man aber von Opfern und Tätern sprechen, wenn dem Kind innerhalb der Familie Leid zugefügt wurde.
Depression und Herzleiden. Die Eltern, die mit ihr nach der Veröffentlichung ihres Buches in Scharen in Kontakt traten, gehören zu der Kategorie Menschen, die sich keiner Schuld bewusst sind. „Ich habe lange gebraucht, aber ich habe gelernt, den Schritt meiner Tochter zu akzeptieren“, sagt Kindt. „Es gibt aber viele Eltern, die werden nicht damit fertig. Sie werden im Lauf der Zeit depressiv oder physisch krank, viele erkranken am Herzen.“
Diesen verzweifelten Eltern bietet Kindt jetzt auch eine Anlaufstelle. Eine betroffene Mutter gründete die Plattform www.wenn-kinder-den-kontakt-abbrechen.de. Daneben gibt es in Deutschland auch ein zweites Forum: www.verlassene-eltern.de. Kindt arbeitet mittlerweile auch als Mediatorin in diesem Feld und freut sich besonders, dass es ihr in einigen Fällen gelungen ist, Eltern und Kinder wieder zusammenzuführen.
Was ihre Tochter Maya von der öffentlichen Problembewältigung ihrer Mutter hält, weiß Angelika Kindt nicht. Seit dem „Kündigungs-E-Mail“ gab es zwischen Maya und ihrer Familie, auch ihrem Bruder Max, keinen Kontakt mehr. Dass damit das letzte Wort bereits gesprochen sein könnte, will die heute 63-Jährige allerdings nicht akzeptieren. „Ich bin mir sicher, dass es meiner Tochter auch nicht gut geht“, sagt sie. „Ich bin sicher, sie wird eines Tages wiederkommen. Meine Tür bleibt jedenfalls offen. Die einzige Angst, die ich habe, ist, dass uns die Zeit davonläuft.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2012)
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