Die Schultasche stand einsam auf der Parkbank. Von dem Kind, einem neunjährigen Buben, fehlte hingegen jede Spur. Die anwesenden Mütter formierten sich in Suchtrupps und durchkämmten die Umgebung nach dem Kind. Mit einem immer mulmigeren Gefühl, je mehr Zeit verstrich. Doch der Bub war nirgendwo, niemand hatte ihn gesehen. Nach mehr als einer Stunde war er wieder da. Wohlbehalten, guter Dinge, wenn auch ein klein wenig betreten. Neben ihm stand ein zweiter, etwas älterer Junge. „Er hat mich zu sich nach Hause eingeladen“, erklärte der Bub seiner aufgelösten Mutter, die bereits die Polizei alarmiert hatte. „Er hat einen echten Leguan zu Hause, den wollte ich gerne sehen.“
Was in diesem Fall glimpflich ausging, stellt den absoluten Alptraum aller Eltern dar: dass sich in dem engmaschigen Netz, mit dem viele Kinder heute behütet werden, ein Riss auftun und das Böse Einzug halten könnte. Denn selbst wer die Nachrichten nur oberflächlich verfolgt, bekommt einen gruseligen Eindruck davon, wie weit verbreitet der Hang zur Pädophilie mittlerweile zu sein scheint. Und auch wenn Experten ein ums andere Mal davor warnen, dass die Gefahr für Kinder, sexuell missbraucht zu werden, in erster Linie von „Beziehungstätern“ herrührt – also der eigenen Familie, Bekannten, Freunden oder Betreuungspersonen –, sitzt die Angst vor dem „fremden Mann“ allen Eltern fest im Nacken.
„Die meisten sechs- bis zwölfjährigen Kinder sind auf klassische Gefahrensituationen wie den fremden Mann im Auto recht gut trainiert“, sagt die Psychologin Caroline Culen vom Kinderschutzzentrum „die möwe“, wo sie im Bereich Prävention tätig ist. „Nicht so gut vorbereitet sind Kinder im Zusammenhang mit dem Umfeld, dem sie eigentlich vertrauen. 95 Prozent der Übergriffe werden von Personen verübt, die das Kind kennt.“
Die totale Absicherung. Es ist vor allem das Unabwägbare, das Unvorhersehbare, auf das heutige Eltern so alarmiert reagieren. Wahrscheinlich sogar sensibler als die Generationen vor ihnen – lautet doch der selbstbewusste Anspruch, dass man das Leben von Kindern bewusst und erfolgreich steuern kann und sollte. Dazu zählt auch die absolute Absicherung, die mitunter in die totale Überwachung der Kinder ausartet. Viele Eltern sind zwar nicht glücklich mit der Idee, ihre Kinder bis zum Eintritt ins Gymnasium wenig bis gar nicht aus den Augen zu lassen. Das gefühlte Risiko, das mit der Alternative verbunden ist, will allerdings auch niemand eingehen.
Und an dieses Risiko wird regelmäßig erinnert. Immer wieder gibt es Berichte von schwarzen Kastenwägen, die vor Schulen auftauchen und ein ums andere Mal um den Häuserblock fahren. Oder von Kindern, die auf der Straße angesprochen und mitunter auch verfolgt werden.
„Die Mama schickt mich.“ Gruppeninspektor Martin Albrecht, Kontaktbeamter für beunruhigte Eltern, weiß, welche Lockmittel eingesetzt werden. Unter anderem gebe es Berichte, dass fremde Personen vor der Schule auftauchten und behaupten, die Mama oder die Oma sei erkrankt und sie seien geschickt worden, das Kind abzuholen, meint er. Auch Tiere müssten immer wieder für unerwünschte Annäherungsversuche herhalten: die Katze habe Junge bekommen; es gebe kleine Hasen, die man anschauen könne. Letzteres zielt vor allem auf kleine Mädchen ab. Bei Buben wird gerne mit der Fußballbegeisterung operiert.
Albrecht rät Eltern, die Kinder darauf zu trainieren, nie mit Personen mitzugehen, die sie nicht kennen. Und auf keinen Fall ein unbekanntes Wohnhaus zu betreten. Bleiben fremde Personen hartnäckig, sollte das Kind sofort in ein Geschäft gehen oder die Nähe anderer Menschen suchen, meint er.
Diese Warnungen müssen oft wiederholt werden, ehe sie die Kinder internalisieren. Denn gerade behütete Kinder fühlen sich in ihrer direkten Umgebung so sicher, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, irgendjemand könnte ihnen Böses wollen. Bei Kindergartenkindern rät Caroline Culen, kleine Informationsbrocken zu verabreichen, das aber oft. „Kindergartenkinder haben eine kurze Aufmerksamkeitsspanne“, sagt sie. „Man muss ein, zwei Sätze wiederholen. Prävention zwischendurch sozusagen.“
Bei Volksschulkindern gelte als oberstes Prinzip: Steig in kein Auto ein, nimm nichts von Fremden an, weiche nicht von abgesprochenen Wegen ab und höre auf dein Gefühl. Sagt dir das, dass an einer Situation irgendetwas komisch ist, such Hilfe. Von Ratschlägen wie einem Sicherheitsabstand zu fremden Personen hält Culen wenig. Die meisten Kinder seien überfordert, in einer brenzligen Situation detaillierte Informationen im Kopf zu behalten.
Die richtigen Worte finden. Wichtig sei auch, dass sich die Eltern genau überlegen, vor welchem Szenario sie ihre Kinder warnen wollen. Wird die Gefahr zu diffus geschildert, „geht das bei einem Ohr rein und beim anderen wieder raus“. Auch die Wortwahl ist von entscheidender Bedeutung. Denn niemand will seine Kinder verschrecken oder mit Szenarien bekannt machen, die sie sich überhaupt nicht vorstellen können. Daher seien die einfachsten Botschaften oft die besten: Niemand darf dich angreifen, niemand darf dich berühren, niemand darf dir weh tun.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2012)
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