Grundsätzlich sind wir bereit Aber was ist mit euch?

Frauen wollen eine gewisse Sicherheit, wenn sie sich für ein Kind entscheiden. Männer wollen die Sicherheit, nicht vor dem Ruin zu stehen, falls die Scheidung folgt.

Was wurden wir Frauen schon befragt, untersucht und erforscht: Was ist nur los mit uns? Warum will die durchschnittliche österreichische Akademikerin sich nicht anständig vermehren? Früher und freudiger? Es folgen seltsame Kommazahlen (1,4 Kinder pro Frau) und die üblichen Argumente: Kinder sind Karrierestopper, es fehlt an ganztägiger Kinderbetreuung und die Babybetreuung wird immer noch verteufelt. Wer läuft schon gern sehenden Auges ins Rabenmuttermesser? Ab 28,5 Jahren (Durchschnittsalter Erstgeburt) wird frau auf diesem Auge allerdings anscheinend blind. Laut Statistik.

Das durchschnittliche Gebäralter gut ausgebildeter Frauen muss jedoch um einiges höher liegen. Ab Mitte 30 beginnt die Uhr zu ticken, wird der Druck größer. Und – dazu braucht es keine Studien aus Deutschland, um das zu erkennen – es sind oft nicht die Angst um die Karriere und der fehlende Betreuungsplatz, der zu diesem Zeitpunkt die Entscheidung für oder gegen Kinder beeinflusst.

Einerseits gibt es genug Role Models, die zeigen, dass ab einer gewissen Stellung die Karriere auch mit Kindern (und Kindermädchen) bestens funktioniert (in diesen Ebenen spielen Geld und Platz oft keine Rolle mehr). Andererseits beginnt für viele topausgebildete Frauen in diesem Alter auch die Erkenntnis – hoppla, die gläserne Decke, es gibt sie doch. Lief bislang mit den männlichen Kollegen noch alles nahezu parallel ab, die Überstunden, die Gehälter, die Beförderungen, beginnt es jetzt manchmal etwas undurchsichtig zu werden. Männer spielen ab einer gewissen Machtebene lieber mit Männern.

Dazu braucht man weder besonders feministisch zu sein noch Untersuchungen wie die des deutschen Bundesamts für Statistik, die datenmäßig belegt, dass die Aussichten düster sind: Die Gehaltsunterschiede nehmen zu, je höher die Position, im Durchschnitt verdienen Frauen dann 30 Prozent weniger als Männer. Wer will das ertragen und dafür auch noch auf eigenen Nachwuchs verzichten? Motivation ist das keine. Lebensaussicht auch nicht. Also Kinder – so banal kann diese Entscheidung für den fiktiven „richtigen Zeitpunkt“ manchmal sein.

Es beginnt die Realität, das „Erwachsenenleben“. Die Männer gehen vielleicht zwei Monate in Karenz, die Frauen länger und in die Teilzeit. Die übliche Vorwurfskultur wird entwickelt: Die Karrierefrau ist intellektuell unterfordert, körperlich erschöpft, frustriert. Der Mann wiederum hat wenig Wahl, er muss Geld herbeikarren, wickeln, in der Nacht aufstehen, die Frau beruhigen, die nun jemand anderen mehr liebt als ihn, das Kind.

Wer will das schon? Welcher Mann will das schon? Welcher gut ausgebildete, in den besten Jahren stehende, ehrgeizige Mann? Das ist nicht nur ein Punkt. Sondern für viele gut ausgebildete Frauen Mitte 30 ist es der Punkt. Es sind nicht (nur) fehlende Betreuungsplätze, die sie gegen Kinder entscheiden lassen. Es ist der fehlende emotionale Betreuungsplatz für sie selbst, der Partner. Immer wird gefragt: Warum wollen Frauen keine Mütter mehr sein? Nie wird gefragt: Warum wollen Männer keine Väter sein? Warum zieren sie sich immer länger bei Gesten der Verbindlichkeit, warum zögern sie, offen über Familienplanung zu sprechen, schieben Entscheidungen oft biologisch untragbar weit hinaus?

Immer mehr langjährige Partnerschaften zerbrechen an diesem Zagen. Männer haben Zeit. Frauen nicht. Frauen wollen eine gewisse Sicherheit, wenn sie sich für ein Kind entscheiden. Männer wollen die Sicherheit, nicht vor dem finanziellen und sozialen Ruin zu stehen, falls die Scheidung folgt. Die Kinder nicht mehr sehen zu können, das Gehalt teilen zu müssen, die Wohnung, das Haus zu verlieren.

Das ist kein Plädoyer für mehr Männerrechte. Sondern für eine Entdramatisierung der Lage. Wenn es nicht gelingt, den Männern (früher) die Angst vor der Vaterrolle zu nehmen, den Druck, und zwar rechtlich, gesellschaftlich, beruflich, wird sich demografisch nicht viel ändern. In nordischen Ländern erahnt man die positiven Auswirkungen von mehr Gleichstellung, nämlich in beide Richtungen. Doch zuvor muss man, müssen die Männer endlich aufhören, wie manisch uns danach zu fragen: Was ist los mit euch Frauen? Gar nichts. Grundsätzlich sind wir bereit. Aber was ist mit euch?

E-Mails an: almuth.spiegler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2012)

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