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Die Studenten und ihre selbst verschuldete Unmündigkeit

23.11.2009 | 18:28 | GASTKOMMENTAR VON HANNES GRASSEGGER UND PATRICK LOBIS (Die Presse)

Die Audimax-Besetzer haben drei Dinge missverstanden.

Aber das bedenke stets“, warnt Wilhelm Busch, „wie man's treibt, mein Kind, so geht's“. Diese Warnung könnten sich die Audimax-Besetzer durchaus zu Herzen nehmen. Wie Max und Moritz schaden die protestierenden Studenten nämlich vor allem sich selbst. Zwar haben sie recht, bessere Studienbedingungen zu fordern, doch bekämpfen sie vehement gerade jene Reformen, auf denen eine Besserung fußen könnte.

Es steht außer Frage, dass den Lippenbekenntnissen der Politik nun auch die nötige finanzielle Unterstützung für das Hochschulsystem folgen muss. Eine schlichte Erhöhung der Uni-Budgets wird allerdings wirkungslos verpuffen, wenn das System nicht modernisiert wird. „Gegen Zugangsbeschränkungen“, „Gegen Studiengebühren“ und „Nein zu Bachelor und Master“ steht auf den Transparenten zu lesen. Im Wesentlichen haben die protestierenden Studenten drei Dinge missverstanden:

Missverständnis 1: Eingangsprüfungen sind sarkastische Selektionsmaßnahmen. Solche Tests sollen lediglich sicherstellen, dass nur jene, die für ein Fach tatsächlich geeignet und begeistert sind, es auch studieren. Hier sollte man keinem Irrtum unterliegen: Chancengleichheit impliziert noch keine Gleichheit der Eignung, und Eignung sollte bei der Studienwahl eine entscheidende Rolle spielen. Ein klares Nein noch vor Studienbeginn mag ernüchternd sein, aber es zwingt die Betroffenen immerhin dazu, sich noch intensiver zu orientieren und eine bewusste(re) Berufs- oder Studienwahl zu treffen. Die Alternative – ein freier Studienzugang ohne jede Voraussetzung – verschiebt diesen Orientierungsprozess nur um einige Jahre und macht ihn noch schmerzhafter: Wer will schon nach Abschluss des Studiums, bei der Jobsuche, erkennen müssen, das falsche Studium absolviert zu haben?

Eine Leistungsüberprüfung vor Beginn des Studiums ist sicherlich auch weit fairer als die derzeitig gängige Praxis, mit der sich gewisse Institute der unangenehmen Diskussion um Zugangskontrollen entziehen. Das Rezept ist einfach: Man quält die Studenten durch eine mehr oder weniger lange Einführungsphase mit überfüllten Hörsälen, um sie dann vor harte Drop-out-Prüfungen zu stellen. Die Studenten verlieren bei diesem Trick doppelt: Sie erhalten zu Beginn eine qualitativ unzureichende, weil quantitativ nicht durchsetzbare Ausbildung und stehen im schlimmsten Fall – dann, wenn sie an der Drop-out-Hürde scheitern – am Ende auch ohne Abschluss da.

Diejenigen Studenten, die eine Eingangsprüfung bestehen, werden dagegen auch ohne Budgetaufstockung belohnt. Die Studienbedingungen verbessern sich nämlich ganz wesentlich allein dadurch, dass die Mitstudenten für das gewählte Studium befähigt und motiviert sind.

 

Keine Exzellenz ohne Leistung

Warum steht man Eingangsprüfungen in studentischen Reihen also so kritisch gegenüber? Vielleicht deswegen, weil sie einen vermeintlich neoliberalen Leistungsgedanken implizieren? Derzeit wird in einigen Studienrichtungen von Studenten wenig gefordert, dafür wird ihnen aber im Gegenzug auch wenig geboten. Massen von mehr oder weniger motivierten Studenten werden von Semester zu Semester, von Professor zu Professor weitergereicht, und es scheint fast, als wäre dies einigen Studenten nicht immer ganz unrecht. Die von Politikern großmütig geforderte akademische Exzellenz wirkt in so einem Umfeld fast schon wie Hohn. Exzellenz entsteht nur, wenn man Leistung fordert.

Missverständnis 2: Studiengebühren sind prinzipiell abzulehnen. Dies ist aller populistischen Wirksamkeit zum Trotz eine recht seltsam anmutende Position. Es ist doch so, dass Bildung von allen politischen Lagern geschlossen als besonders kostbares Gut gepriesen wird. Woher kommt dann eigentlich die Idee, dass Bildung nichts wert sein darf, und zwar auch im monetären Sinn? Man muss Schopenhauer gar nicht zwingend bemühen, um hier klarzusehen, aber auch er hat erkannt, „dass wir der Güter und Vorteile, die wir wirklich besitzen, gar nicht recht innewerden noch sie schätzen, sondern nicht anders meinen als eben, es müsse so sein“. Was nichts kostet, ist in der Wahrnehmung der Menschen nichts wert. Ohne Studiengebühren also keine Wertschätzung des Studienbetriebs, was sich auch in einer durchschnittlich längeren Studiendauer niederschlägt.

Dabei könnten Studenten über einen Kostenbeitrag Anteilseigner an ihrem eigenen Studium bzw. ihrer eigenen Hochschule werden. So geschieht es zum Beispiel an der deutschen Privatuniversität Witten/Herdecke, deren Beiträge sich ganz offiziell an „der persönlichen Wertschätzung der Studierenden für ihre Universität“ orientieren. Diese Diktion kommt nicht etwa von Politikern oder der Hochschulleitung, sie kommt von der dortigen Hochschülerschaft selbst, die kraft ihres finanziellen Beitrages sogar einen Sitz im Direktorium der Uni-GmbH innehat. Bezahlen kann man den Studienbeitrag im fünfstelligen Eurobereich übrigens gemäß eines „umgekehrten Generationenvertrages“, also ganz oder teilweise im Nachhinein, als Prozentsatz des Einkommens von Absolventen. Dieser Ansatz ist zwar nicht eins zu eins auf staatliche Universitäten in Österreich übertragbar, doch zeigt er auf, dass es verschiedenste Möglichkeiten gibt, Studenten zu wahren Teilhabern ihrer Universität zu machen. Damit stehen soziale Gerechtigkeit und Studiengebühren nicht mehr im Widerspruch.

 

Teilhaber statt Neinsager

Missverständnis 3: Bologna ist an allem schuld. Oder, anders gesagt: Die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge führt zu einem Chaos in den Studienordnungen und ist auf dem Arbeitsmarkt nicht hinreichend akzeptiert. Dies ist soweit auch zutreffend. Man muss allerdings dazusagen, dass die Bologna-Reform hierzulande inadäquat umgesetzt worden ist. Vielerorts wurde das bereits bestehende Studienangebot kurzum in ein neues Korsett gezwängt, ohne Sinn, Form und Ziel der Reform in einem ersten Schritt verinnerlicht zu haben. Schlechtes Uni-Management sollte aber nicht als Grund dafür angeführt werden, einen grundsätzlich richtigen Reformschritt in Europa nicht zu gehen. Bologna wird in Österreich landläufig – wie leider so viel Europäisches – mehr als Schikane denn als Chance betrachtet. Wahr ist vielmehr, dass Bologna Österreich europäischer macht. Sähe man die Reform als Chance, würde man vielleicht auch ihre Vorteile erkennen: Verkürzung der Studienzeit, zusätzliche Flexibilisierung des Studiums, höhere Mobilität der Studierenden und größere Praxisnähe des Studiums. All diese Faktoren, die zu einer Vereinheitlichung des europäischen Hochschulraumes beitragen, können nur positiv gesehen werden, gerade unter jungen Leuten, die ganz bewusst in einem Europa ohne wesentliche nationalstaatliche Schranken aufwachsen.

Daraus ergibt sich: Sollen die Studentenproteste eine nachhaltige Verbesserung der Studienbedingungen erreichen, so müssen die protestierenden Studenten ihre verkürzte Sichtweise ablegen. Stets mehr von den Universitäten zu fordern, ihnen aber im Gegenzug die nötigen Reformen (Bologna-Prozess), Mittel (Studiengebühren) und die Leistungsbereitschaft seitens der Studenten (Zugangsbeschränkungen als einen ersten Schritt) zu verweigern, kann nicht zielführend sein. Was Österreich dringend braucht, ist eine gesunde Streitkultur im bildungspolitischen Bereich und insbesondere einen sinnvollen Dialog zwischen Hochschülerschaft und Bildungsministerium bzw. Hochschulleitungen. Wenn die Politiker und Uni-Manager ihrer Verantwortung nur unzureichend nachkommen, dann stehen eben die Studenten in der Pflicht. Allerdings als echte Teilhaber an der Lösung und nicht als Neinsager.

 

Patrick Lobis hat an der WU Wien studiert und ist Joseph-A.-Schumpeter-Stipendiat an der Kennedy School of Government (Harvard University).
Hannes Grassegger ist Absolvent der Kennedy School of Government und derzeit Referent für strategische Neuausrichtung im Präsidium der Leuphana Universität Lüneburg.


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