Herr Salcher hat eine Idee

29.03.2012 | 18:22 |  RAINER NOWAK (Die Presse)

Solle der Unterricht später starten?

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Der international berühmte Sozial-, Gesellschafts-, Trauer-, Kultur-, Ästhetik-, Ökologie- und Bildungsexperte Andreas Salcher hatte eine Idee: Der Unterricht solle eine Stunde später beginnen, vor allem Volksschüler könnten sich nämlich so früh nicht konzentrieren. Aber Salcher, einst gefeierter Kultursprecher der Wiener ÖVP, möchte nicht etwa den Schulbeginn verschieben. Nein, um acht sollen sich Schüler und Lehrer versammeln, um zu frühstücken, zu reden und sich mental vorzubereiten. Dieser Teil ist neu.

Ein Bobo-Thema, heißt es dazu im Stadtschulrat Wiens, wo das Oxymoron „Bourgeois Bohemien“ noch immer ein Modewort ist. Diese Reaktion beweist Realitätssinn: Mittelalterliche, stilbewusste Städter wählen nicht mehr SPÖ und wurden daher aufgegeben wie Hietzings Bürger.

Daher nur theoretisch: In vielen modernen Großstädten, deren Bewohner zum großen Teil in der Dienstleistungsbranche tätig sind, beginnt die Schule um neun. (Erst um zehn öffnen übrigens viele Geschäfte bei uns.) Das schenkt Eltern, deren Jobs nicht wie einst um Punkt acht beginnen, eine gemeinsame Stunde oder mehr Schlaf, vor allem aber weniger Stress. In Dänemark, zugegebenermaßen eine Bobo-Destination, gibt es sogar eine Partei, die mit der Forderung nach späterem Arbeits- und Schulbeginn und Entschleunigung erfolgreich war. Aber das betrifft natürlich das echte Leben und ist somit kein politisches Thema hier. Die Schule ist eine unveränderliche Institution, der man sich zu unterwerfen hat.

Salcher bleibt auf jeden Fall unser Frühstücksexperte.

 

rainer.nowak@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2012)

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24 Kommentare

Spätere Öffnungszeiten

In den Einkaufszentren? Ja, stimmt.

Aber sonst? Der Arbeitsalltag der meisten ÖsterreicherInnen beginnt zwischen 7 und 8 Uhr.

Wir haben gewachsene Strukturen in unserem Land! Man kann nicht beliebig an einzelnen Rädchen drehen, ohne das Ganze zu beeinflussen.
Ferner sehe ich nicht ein, dass man wieder einmal pädagogische Begründungen für nicht-pädagogische Interessen heranzieht.

Das Schlafbedürfnis hat mit der Uhrzeit nichts zu tun. Wenn man um eine bestimmte Zeit AUS dem Bett muss, muss man zu einer bestimmten Zeit vorher IN das Bett gehen. Außer Verschiebungen erreicht man nichts, wenn man später aufsteht.

Gast: pensionär
31.03.2012 09:48
0 0

Es wimmelt ...

... von Experten OHNE Erfahrung.
Das ist die Zukunft, die man in diesem Forum erkennt.

Lasst sie nur weiter träumen
in ihren virtuellen Räumen!

Späterer Unterricht ?

Ich halte das für einen wichtigen, überlegenswerten Denkanstoss.
In einem Land von Frühaufstehern, wie Österreich, wird es die Umsetzung einer solchen Überlegung jedoch nicht geben.
Denn es müsste auch die Berufswelt mitspielen.....
Denn die Thematik betrifft nicht nur Kinder.

Erwiesenermaßen ist es so, dass das Leistungsvermögen ebenso wie das Schlafbedürfnis der Menschen recht unterschiedlich ist.
Daher sind solche Sprüche wie "Morgenstund hat Gold im Mund" u.a. völlig falsch und verfehlt. Es sollte mehr Flexibilität geben....

Wo ich arbeite, haben wir Gleitzeit (Blockzeit v 8.30-13-30 Uhr, die Gleitzeit beginnt schon ab 6.00). Diese wird nunmehr dahin geändert, dass man (mit Ausnahmen) schon ab 12.00 Uhr die Arbeit beenden kann. O.k., für die meisten vorteilhaft , ich persönlich hab nichts davon und wäre mir etwa die Möglichkeit eines fallweise späterer Arbeitsbeginnes lieber, da ich alles andere als ein Frühaufsteher bin und meine Leistungsfähigkeit im Laufe des Tages zunimmt, während - bekanntermaßen - bei Frühaufstehern das Gegenteil der Fall ist.

Re: Späterer Unterricht ?


Wen interessiert eigentlich Ihr persönliches Gleitbedürfnis?

Anmerkungen dazu:
1. Es gehört zum Erwachsenwerden dazu, dass man lernt, einen gewissen Rhythmus einzuhalten.
2. Es eignet sich nicht jeder Arbeitsplatz für Gleitzeit. Es gibt Arbeitsplätze, die zu genau definierten Zeiten besetzt sein müssen und die auch nur von denen besetzt werden können, die sich zuverlässig an die vorgegebenen Zeiten halten können.

Re: Re: Späterer Unterricht ?

Genau diese "gewachsenen Strukturen", die Sie weiter oben ansprechen, sind eben durchaus hinterfragenswert. Aus mehreren Gründen im übrigen (Stichwort: Verkehrsaufkommen).

Der zweifellos zutreffende Umstand, dass es Arbeitsplätze gibt, die keine Flexibilität hinsichtlich der Arbeitszeit zulassen, ändert nicht daran, dass eine solche in vielen Bereichen der Arbeitswelt vorteilhaft wäre: für den Arbeitgeber und für den Arbeitnehmer, denn es geht um die Arbeitsleistung, die optimal erfüllt werden sollte.
In vielen Unternehmen hat man im übrigen schon auf diese Erkenntnisse reagiert. Es werden in Zukunft auch da und dort die Möglichkeiten von Telearbeit und ähnliches in diese Richtung eingesetzt werden.

Wenn Sie glauben, dass das Schlafbedürfnis nichts mit der Uhrzeit zu tun hat, negieren Sie Erkenntnisse aus der Schlafforschung.

Antworten Gast: manfred1
30.03.2012 15:38
1 0

Re: Späterer Unterricht ?

genau. Es sollte mehr Flexibilität geben, mehr Freiheit, selbst zu entscheiden, wann und wie lange man arbeitet. Einzig und allein das Ergebnis ist entscheidend. Wie dieses zustande kommt, sollte jedem selbst überlassen werden.

Experten unter sich

Ich bin ja wirklich kein Freund von Andreas Salcher, aber die Art, wie R. Nowak seine "Kritik" (Kritik - ja was kritisiert er denn eigentlich?) formuliert, ist weit unter der Gürtellinie. Und wenn sich ein schnöseliger Journalist (sowas wie die Antithese zu einem Experten) über Experten lustig macht, ist das eigentlich nur mehr lächerlich.

Re: Experten unter sich

Seien Sie nicht so empfindlich!
Seit wann setzt man sich in der "Presse" in Schulangelegenheiten mit Argumenten auseinander?
Interessant ist für mich, dass ein selbsternannter Experte, der ja bekanntlich nichts anderes ist als ein hochgespielter Wichtigtuer, von Ihnen so verehrt wird, dass eine sachliche Kritik am selben als persönlicher Angriff gewertet wird. lol.

Re: Experten unter sich

Bitte lesen Sie Hrn. Nowak nochmal - möglicherweise haben Sie´s missverstanden.
Inhaltlich ist´s wohl eine Kulturfrage. Wer seinen Arbeitstag hierzulande erst um 9 beginnt, gilt als "faul". Interessanterweise vollkommen unabhängig von seinem/ihrem Arbeitsende.

Re: Re: Experten unter sich

Da meine letzte Antwort aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen zensiert wurde (war weder beleidigend noch sonstwas) also noch einmal:
Indem der Autor mehr Platz darauf verwendet, Salcher persönlich anzugreifen als auf seine Argumente einzugehen, gibts da eigentlich nichts misszuverstehen.

Re: Re: Re: Experten unter sich

Wenn hier nämlich wer jemanden missverstanden hat, dann wohl der Nowak den Salcher. Letzerer meint nämlich keineswegs, dass sich "Lehrer und Schüler bereits um acht versammeln sollen" sondern - wenn man den Artilkel der Redaktion zum Thema liest - dass die Schulen wie gehabt bereits um acht Uhr geöffnet sein sollen, damit Eltern, die einen früheren Arbeitsbeginn haben, aus dem späteren Schulbeginn kein Nachteil entsteht. Das impliziert aber wohl nicht, dass bereits ab Acht Anwesenheitspflicht besteht.

Gast: Flexibel
30.03.2012 09:16
2 1

Bringt mehr Angebote!

Ich bin der Meinung, dass Schulen - besonders in Großstädten - schon diverse Schulbeginnzeiten anbieten könnten. Den berufstätigen Eltern, deren Arbeitsbeginn ja auch unterschiedlich ist, und ihren Kindern wäre damit sicher geholfen. Ich denke mir auch, dass Eltern, die einen sehr zeitigen Arbeitsbeginn haben, ja auch früher schlafen gehen müssen, was bedeutet, dass deren Kinder ebenso früher im Bett sind und daher am Morgen sehr wohl ausgeschlafen sind. Das gleiche gilt im umgekehrten Fall und bedeutet somit, dass ein späterer Schulbeginn angebracht wäre.

Gast: besserwisser
29.03.2012 22:09
3 0

besserwisser

Eine Schnapsidee! Was ist das für ein Schwachsinn, immer länger in den Tag hinein zu schlafen und entsprechend in die Nacht hinein zu wachen? Ein lächerliches Relikt aus der Zeit, als es elektrische Beleuchtung auf einmal auch dem "kleinen Mann" möglicht machte, die Nacht zum Tag zu machen, was sich früher nur der - auch bezüglich manch anderer Belange dekatente - Adel leisten konnte. Das immer wieder vorgebrachte Argument: " Ich kann früher nicht einschlafen." wird leicht widerlegt, wenn man bedenkt, wie schnell man ein jetlag nach einer Fernreise überwindet. Daher: alles nur eine Frage der Gewöhnung. Vielleicht rechnet auch einmal jemand aus, wieviel Energie man einsparen könnte, wenn die Schlafzeit optimal in die Dunkelzeit gelegt würde, also symetrisch um Mitternacht.

Re: besserwisser

Ich muss leider sagen: es ist keine Frage der Gewöhnung. Ich war auch immer um 8h in der Schule, konnte nie verstehen - warum? Und obwohl ich 12 Jahre lang (also kein Jetlag) um 8h in der Schule war, gewöhnte ich mich nicht daran. Es wird sich auch nicht ändern - am besten lesen Sie darüber nach, denn man weiß mittlerweile, dass das kein Hinrgespinst und keine Ausrede einer faulenzenden Menschheit ist.
Scheinbar sind Spätaufsteher besser informiert.

Re: Re: besserwisser

Nun es gibt auch die Frühaufsteher.

Sollen die wegen den Spätaufstehern jetzt leiden?

Vorschlag:

Wenn man in Wien einfach die Uhrzeit - gegenüber der allgemeinen Zeit - um 1 Stunde zurückdreht, ist das Problem auch schon gelöst.

Es gibt sogar Schulen,

in denen der Unterricht bereits um 7.30 h beginnt!!!

Unmenschlich. Warum die Eltern nicht dagegen protestieren, ist mir schleierhaft.

Man könnte für Arbeitnehmer, die früh zu arbeiten beginnen, ja eine Beaufsichtigung der Kinder ab 7 h anbieten.

Zu Salchers Idee: lieb. Erinnert irgendwie an den Morgenkreis in Rudolf-Steiner-Schulen ;-)

Antworten Gast: Bunrbuy
29.03.2012 22:29
2 2

Re: Es gibt sogar Schulen,

Warum soll man hier nicht offen ansprechen, dass die Richtung in eine liberalere "Schulorganisation" geht - Kinder bestimmen mehr über Ihren Schulbeginn, ihre Lernziele.
Ich muss sagen, dieser Gedanke gefällt mir immer besser - wenn ich an meine "traditionelle" Schule v.a. der 80er Jahre denke: jeden Tag halbschlafend um 8h in der Schule (an alle, die es selbst nicht kennen: nein, das hat nichts mit " dann muss man halt zeitig schlafen gehen" zu tun, denn ich musste immer "zeitig schlafen gehen", um danach stundenlag im dunklen Zimmer zu liegen) und ab mittags, der besten und kreativsten Zeit des Tages, keine Schule mehr. Wenn ich daran denke, wie oft ich aufgrund der "Lehrpläne" in Unter- und Oberstufe immer den gleichen Schmarren, meist auswendig, lernen musste. Wenn ich daran denke, wie wenig hier auf Begabungen eingegangen wurde, wie sehr überall das "System" alles Kreative und Geistvolle vernichtete - es war vieles davon verlorene Zeit.
Kinder lernen nichts durch "um 8h in der Schule sein", denn die Arbeitszeiten à la "9 bis 17 Uhr" wird es 2020 kaum noch geben. Jede Zeit braucht ihr Schulsystem; wir leben im Jahr 2012 und bilden Kinder aus als wäre 1960.

Re: Es gibt sogar Schulen,

An Volksschulen gibt es den Frühdienst ab 7Uhr 15 für Kinder jener Eltern , die um oder vor 8 Uhr zu arbeiten beginnen.

Re: Re: Es gibt sogar Schulen,

Den Frühdienst gibt es bei uns sogar schon früher.

Da dürfen die Kinder aller Klassen im Umkleideraum sitzen.

Seit kurzem gibt es einen Aufpasser, weil die üblich Verdächtigen die Anfänger und Schwachen tyrannisieren.

In die Klassen dürfen sie natürlich nicht, da das Wachpersonal dazu fehlt.

Sehr sinnvoll das ganze auf jedenfall.

Re: Re: Re: Es gibt sogar Schulen,

Eine Möglichkeit wäre, dass ein Lehrer den Frühdienst in seiner Klasse übernimmt. Er kann so alle beaufsichtigen/beschäftigen.

Unterrichtsbeginn um 9.00, in der KLasse sein um 8.45

---frühstücken zuhaus, ohne Fernsehberieselung und ohne Stress. Nur, wer von den berufstätigen Eltern, kann sich das so einteilen? Schon die Kleinsten in der Kinderkrippe werden früher abgeliefert, eben aus Gründen des frühen Arbeitsbeginns der Eltern(Mutter)
Ob die Kinder mit Onkel Salcher in der Schule frühstücken, ist egal, sie sollten erst später in der Schule sein müssen, nicht die Stunde von 8.00 bis 9.00 verblödeln! Da wär länger schlafen können gesünder!

Gast: btw
29.03.2012 20:04
4 0

Die begabte Ich-AG und ihre Freunde

Ich würde die Reputation des genannten Herrn eher so formulieren: "Der in Österreich weltberühmte Sozial-, Gesellschafts-, Trauer-, Kultur-, Ästhetik-, Ökologie- und Bildungsexperte Andreas Salcher...".

Da gebe ich ihnen recht, "Die Schule ist eine unveränderliche Institution, der man sich zu unterwerfen hat."


... was in von einem von NGB beherrschten Österreich allerdings nicht neu ist und auf andere Institutionen übertragen werden kann!

Ansonsten meine ich, sollte der Lektor noch einmal draufschauen ;-))

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