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Die Verschiebung der Matura darf kein Selbstzweck sein

04.06.2012 | 18:07 |  CHRISTOPH SCHWARZ (Die Presse)

Claudia Schmied hat eingelenkt. Dafür gebührt ihr Anerkennung. Die neu gewonnene Zeit muss genützt werden, um die Zentralmatura gewinnbringend umzusetzen.

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Wenn Claudia Schmied ein letztes bisschen Verantwortungsgefühl hat, muss sie handeln. Und die Zentralmatura verschieben“, hieß es vergangene Woche an ebendieser Stelle. Und Claudia Schmied hat gehandelt. Sie hat eingesehen, dass die „Termintreue“, auf die sie bei der Einführung der neuen Matura bis vor Kurzem mantraartig gepocht hat, nicht zum bloßen Selbstzweck verkommen darf.

Der Ministerin gebührt Anerkennung für diesen Schritt. Auch wenn sie ihn wohl nicht aus freien Stücken gesetzt hat, sondern er vor allem dem steigenden Druck von Experten, Lehrern, Eltern und Schülern geschuldet ist: Einzusehen und einzugestehen, dass ein Projekt, das ein ganz zentraler Teil der eigenen Reformagenda ist, doch nicht umsetzbar ist, bedarf einiges mehr an Selbstreflexion, als man gewillt ist, so manchem österreichischen Politiker zuzugestehen.

Die Häme jener, die bisher die Verschiebung gefordert haben und deren Wunsch die Ministerin nun entsprochen hat, ist daher fehl am Platz. Schmied hat auf die Experten (in- und außerhalb der Klassenzimmer) gehört – und das einzig Richtige getan. Unabhängig davon, ob man eine Zentralmatura grundsätzlich befürwortet oder ablehnt: Wenn die Verunsicherung unter allen Betroffenen so groß ist, wie sie es bei der Zentralmatura war, kann diese nur scheitern.


An dieser Stelle endet das Lob für die Ministerin auch schon wieder. Jetzt geht es vor allem darum, die neu gewonnene Zeit zu nutzen, um einen problemfreien Start der neuen Matura im Schuljahr 2014/15 an den AHS und im Schuljahr 2015/16 an den berufsbildenden höheren Schulen zu ermöglichen. Denn wie die „Termintreue“ kein Selbstzweck sein darf, so darf auch die Verschiebung keiner sein. Das sei vor allem Elmar Mayer – für alle, die ihn nicht kennen: Mayer ist der Bildungssprecher der SPÖ – gesagt. Wenn sich Mayer (wie er es gestern getan hat), dazu hinreißen lässt, die Verschiebung der Matura als „Sternstunde“ der Bildungspolitik zu bezeichnen, dann darf bezweifelt werden, dass er verstanden hat, worauf es ankommt. Dass in einem so starren, veränderungsresistenten Bildungssystem wie dem österreichischen eine Verschiebung von an sich guten Reformen zwar „notwendig“, aber nie eine „Sternstunde“ sein kann, sollte man als gemeinhin bekannt voraussetzen.

Und, ja: Genau hierin liegt auch die Zweischneidigkeit der Vorgänge um die Zentralmatura. So richtig ihre Verschiebung jetzt war, so wichtig ist ihre Umsetzung zum neuen Zeitpunkt. Denn an sich ist eine Zentralmatura genau das, was das wettbewerbs- und vergleichsscheue heimische Schulsystem benötigt. Wenn, wie in Österreich, die Matura die zentrale Zugangsbedingung zu einem Studium ist, muss – zumindest – in den sogenannten Hauptfächern sichergestellt sein, dass alle Schüler, die ein Maturazeugnis in der Hand halten, gewisse Mindeststandards erfüllen. Und zwar unabhängig von Lehrer und Schulstandort. Die Zentralmatura muss diese Vergleichbarkeit der Leistung herbeiführen. Das sei vor allem der Lehrergewerkschaft gesagt, die nach dem Rückzieher der Ministerin bereits orakelte, dass sich ein Start der neuen Matura auch ein Jahr später nicht ausgehen könnte. Weitere Verzögerungen bewusst zu provozieren, wäre fahrlässig.

Die Bedingungen für die neue Matura: Sie muss besser konzipiert, besser kommuniziert und besser umgesetzt werden. Erstens: Zu vermeiden ist vor allem eine Nivellierung nach unten, wie sie viele Lehrer etwa bei der Durchsicht der neuen Mathematik-Maturabeispiele befürchteten. Das zuständige Bildungsinstitut Bifie muss nachbessern, und dabei auch auf die Einschätzung der Praktiker in den Klassen hören. Die Zentralmatura muss Standards definieren, nicht die bestehenden Mindestleistungen einzementieren. Zweitens: Die Beurteilungskriterien müssen, anders als bisher, eindeutig geklärt werden. Und drittens: Die Lehrer müssen vorbereitet werden. Durch Informations- und Fortbildungsveranstaltungen, die verpflichtend zu besuchen sind.

Schmied ist auf die Skeptiker unter den Lehrern und in der Gewerkschaft zugegangen. Wenn diese Handschlagqualität beweisen wollen, sind sie nun gefordert, zum Gelingen der Reform kritisch-konstruktiv beizutragen.

 

E-Mails an: christoph.schwarz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2012)

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13 Kommentare

Fehlinformationen


1. Einem Druck nachgeben, weil alle wissen, dass es sich nicht ausgehen kann, bedeutet nicht automatisch, dass einem Anerkennung gebührt.
Fachleute haben schon vor Jahren auf die Problematik aufmerksam gemacht, freilich hört man nicht hin, weil man viel lieber auf sie hindrischt.
2. Das, was bisher geleistet worden war, haben Lehrer geleistet und trotz rechtlich fehlender Rahmenbedingungen im Unterricht umgesetzt, um die Verantwortung um die heute 16-Jährigen wahrzunehmen.
3. Die Fortbildungsveranstaltungen, die bisher zu diesem Thema angeboten wurden, sofern es überhaupt welche gibt, sind von katastrophaler Inkompetenz und Ahnungslosigkeit der Referenten geprägt und schlichtweg eine Frechheit.

Die Ablehnung der Zentralmatura

ist ein simpler Versuch, die Vergleichbarkeit zwischen verschiedenen Lehrern zu verhindern. Die tut einem trägen Beamten nicht gut.

Die einfachen Maturaaufgaben sind ein ähnlich simpler Versuch des Bildungsministeriums, die Angst von dem Unbekannten zu nehmen - zu simpel.

Der Rückschritt der Frau Minister ist die simple Kapitulation vor der (traurigerweise) viel mächtigeren Lehrergewerkschaft, der Organisation für Desorganisation und Rückentwicklung Österreichs.

Ja, so ist leider die Realität!


Vielmehr hat es die Lehrergewerkschaft darüber hinaus geschafft, die Schule zu einer Lehrerschutzanstalt verkommen zu lassen.

Lehrer werden kaum auf Ihre didaktischen Fähigkeiten im Unterricht überprüft, geschweige denn das man Unfähige aus diesem wichtigen Beruf verbannen kann.

Was also darf man sich von einem derart von der Gewerkschaft verstörten Betrieb erwarten?

Schnelle und sinnvolle Reformen sicher nicht.

6 3

Definitiv keine Anerkennung

für die Ministerin, denn sie zeigt damit nicht Größe, sondern ihr steht das Wasser bis zum Hals.
Zu "gewissen Mindeststandards" ist Schwarz recht zu geben, allerdings ist nicht außer Acht zu lassen, dass die Matura, so wie sie jetzt angedacht ist zu einem reinen "learning to the test" verkommt und der Lehrer als "Hamster im Rad" in keiner Weise mehr auf Interessen der SchülerInnen eingehen kann - und gerade das ist es, was den Unterricht in einer Oberstufenklasse erst anregend und interessant macht.
Als letzter Punkt zu diesem Artikel: Die verpflichtenden Lehr- und Vorbereitungsveranstaltungen für Lehrer zur neuen Matura gibt es schon längst.
Schmied ist auf die Skeptiker nicht zugegangen, sondern sie "wurde zugegangen".

3 3

Re: Definitiv keine Anerkennung

Besser "learning to the test" als die bisherige Willkür; "auf Interessen der SchülerInnen eingehen" kann auch als gefährliche Drohung verstanden werden.
Es wäre dringend an der Zeit, den Lehrern dieses Schwert, im Wesentlichen über das gesamte zukünftige Leben ganzer Generationen von Schülern entscheiden zu können, aus der Hand zu nehmen.

Im Übrigen sollte eine einheitliche Benotung nicht nur die Matura, sondern die gesamte Oberstufe betreffen, oder zumindest eine externe und damit objektiv(er)e Benotung gewährleisten.

Da scheinen der Presse wiederum

einige Inserate des Bildungsministeriums zu winken! Erbärmlich!

Der Ministerin gebührt Anerkennung für diesen Schritt.

Der Ministerin gehört Aberkennung und zwar ihres Ministerinnenamtes! Wie blöd ist Österreich schon?

Gast: Landeshammer
04.06.2012 19:17
4 2

Bildungsideologen aller Länder

vereinigt euch.

Gast: Die Ente Lippens
04.06.2012 18:46
5 2

"Befuerchten" ist gut. Die Mathematikaufgaben waren einfach laecherlich. Da besser gleich eine Matura gratis ohne Pruefungen.


3 7

Obwohl weit überwiegend Lehrerinnen.....

...die Schüler unterrichten, sieht man bei den Personalvertretern vorwiegend Männer. Für mich verständlich, da Frauen wahrscheinlich nicht zu solcher Niedertracht fähig sind. Außer hetzen und aufbauen von Feindbildern sind solche Gauckler, die auch nicht unterrichten müssen, nicht fähig. Verhindern, blockieren und nur ja nicht JA sagen Eltern werden zu Rabeneltern und Schüler dummen faulen Kreaturen degradiert. Also bitte kein Triumphgeheul wenn Schmied die Zentralmatura verschiebt, denn sie kommt, obwohl Vergleiche für Lehrer Teufelszeug ist.

Re: Obwohl weit überwiegend Lehrerinnen.....

ohne frauenfeindlich sein zu wollen, aber für die Bosheit zu der eine durchschnittliche Frau fähig ist, ist ein Mann schlicht und einfach zu blöd.

Warum sind vorwiegend Männer bei der Personalvertretung? Wenn ich ihrer Aussage glauben darf, von dem ich jetzt ausgehe, dann liegt es daran, dass man einerseits sich gewisse Posten untereinander aufteilt, andererseits Frauen vllt. weder Zeit noch Lust haben sich diese Arbeit anzutun. Eine Möglichkeit dies zu ändern wäre freilich selbst aktiv und konstruktiv an die Sache heranzugehen anstatt auf die Politik zu warten und auf den Straßen zu demonstrieren.
Manchmal liegt der Fehler nicht (nur) im System sondern in der eigenen Gruppe...

MFG

Korrektur

"Gaukler"

Schlagzeilen Bildung