Mehr als drei Viertel aller Befragten äußerten sich negativ gegenüber dem Religionsunterricht (s. Grafik). Sie sind der Meinung, dass Religion nur auf freiwilliger Basis als Unterrichtsfach gewählt werden sollte. Auch 70 Prozent aller befragten Lehrer waren der Meinung, dass Religion freiwillig angeboten werden sollte.
Wo liegen nun die Gründe für derartige Ergebnisse? Sind uns heutzutage religiöse Inhalte und Wertevermittlung im Religionsunterricht wirklich egal? Das dann auch wieder nicht _ zumindest gibt es auf letzteren Punkt eine deutliche Antwort seitens der Lehrer: Denn obwohl ein Großteil der Lehrer sich gegen den Religionsunterricht ausspricht, vertreten sie trotz allem die Meinung, dass unterschiedlichste Werte mit Schülern besprochen werden sollten _ 57 Prozent sprachen sich für die Einführung von Ethikunterricht als Alternative zum Religionsunterricht aus.
Wichtig für die Umsetzung dieses Vorhabens wäre allerdings eine professionelle Ausbildung der Lehrer. Da ein Ethikunterricht zur Zeit nur im Rahmen eines Schulprojekts umgesetzt werden kann, müssten Lehrer ihre Ausbildung zusätzlich zum normalen Unterricht absolvieren. Dabei ergibt sich eine vielfältige Problematik, vor allem um die Themen Geld und Personal wird gestritten.
Klares Votum für Ethikunterricht
In diesem Punkt sind sich die Lehrer auf jeden Fall einig: Ethikunterricht sollte eingeführt werden. Unsicherer diesbezüglich sind sich die Eltern. Knapp mehr als die Hälfte hat sich in der Umfrage für einen Ethikunterricht ausgesprochen; 46 Prozent waren trotz der Entscheidung gegen verpflichtenden Religionsunterricht auch der Meinung, dass kein Ethikunterricht angeboten werden sollte.
Auch die Mehrheit der Schüler hat sich dieser Meinung angeschlossen - sie wollen weder einen Religions- noch einen Ethikunterricht. Die totale Ablehnung der Schüler scheint - zumindest aus Schülersicht - nachvollziehbar, denn wer will schon ein zusätzliches Unterrichtsfach haben?
Muslime: Beten in der Klasse?
Der Religionsunterricht - oder Ethikunterricht als Ersatz - ist allerdings nur ein Aspekt der Problematik rund um Religion und Schule. Im Rahmen der Umfrage wurden Schüler auch befragt, ob sie sich in ihrer Religionsausübung durch die Schule eingeschränkt fühlen. Das Ergebnis: Schüler mit römisch-katholischem Glauben sehen diesbezüglich keine Probleme, allerdings stellen einige Glaubensgemeinschaften strenge Regeln an ihre Angehörigen. Der Islam, beispielsweise, besitzt vorgeschriebene Gebetszeiten (fünf Mal Beten am Tag). Dies könnte unter Umständen zu Konflikten bei der Gebetsausübung führen - es könnte zu Kollisionen mit der Unterrichtszeit kommen. Wäre es tatsächlich möglich, dass Muslime im Unterricht ihren Gebetsteppich ausbreiten, hätte das möglicherweise Folgen für den Unterricht - und könnte für manche Schüler und Lehrer eine Überschreitung der Toleranzgrenze bedeuten.
Aus diesem Grund wäre ein "Gebetsraum" eine mögliche Lösung, um einerseits mehr Privatsphäre bei der Ausübung religiöser Praktiken, als auch einen Ort zum Zurückziehen zu haben. Jedoch ist die Umsetzung fraglich, da den meisten Schulen die Mittel fehlen. Claudia Valsky, Direktorin des BG11, ist der Meinung, dass ein "Meditationsraum" oder "Ruheraum" eine passendere Bezeichnung für solch einen Raum wäre, da es auch Schüler ohne Religionsbekenntnis gibt.
Eine Frage bleibt offen: Würden Schüler eine solchen Raum nutzen und zu schätzen wissen? Eine Lösung dazu muss jedenfalls gefunden werden - von den Schulen, vom Gesetzgeber oder von Gerichten: In Deutschland hat ein Gericht einem Schüler Recht gegeben, der sein Recht auf Religionsausübung in der Schule vor dem Gesetz eingefordert hat.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2008)
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