Anita hält das Modell eines Ohrs hoch und erzählt: „Bei einem Geräusch beginnen Trommelfell und Gehörknöchelchen zu schwingen. Die Schnecke wandelt diese Schallwellen in Nervensignale um. Diese werden an das Gehirn gesendet.“ Das Außergewöhnliche: Anita ist Volksschülerin. Sie besucht die vierte Klasse der VS Greiseneckergasse in Wien.
Vor zwei Jahren kam Anita von Polen nach Österreich – ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Nun präsentiert sie vor Klassenkameraden, Lehrern und dem Bezirksschulinspektor ein Projekt zur Begabtenförderung. Drei weitere Kinder sind gemeinsam mit Anita in dem Begabtenkurs. Das Projekt „Wie macht es das Gehirn, dass wir sehen und hören können?“ haben sie sich selbst ausgedacht. Dafür haben die Neunjährigen Forschungseinrichtungen wie das Institute of Science and Technology Austria (ISTA), das Neuroth Hörzentrum oder das Hilfszentrum für Blinde und Sehbehinderte besucht und Experten befragt: Sehen Blinde im Traum? Ist Blindsein am Tag und in der Nacht gleich?
Begabung bedeute nicht, dass die Kinder eine möglichst hohen IQ haben müssen, sagt Sigrid Schwall. Sie ist selbst Volksschuldirektorin und am Thomasianum Institut für Begabungsentwicklung und Innovation (TIBI) für Volksschulkinder zuständig. Begabte Kinder können auch einfach ein großes Interesse am Lernen haben. Sie seien besonders neugierig und hätten Detailwissen in oft ungewöhnlichen Themengebieten.
In der Greiseneckergasse wählt Lehrerin Julia Frischauf die Schüler für die Begabtenförderung aus. „Es müssen Kinder sein, die es auch verkraften, das außerhalb des Unterrichts zu machen“, sagt sie. Choeggal aus Tibet ist eines der Kinder im Begabtenkurs. Wie Anita kam auch er erst vor zwei Jahren nach Österreich. „Er konnte zwar nicht Deutsch sprechen, aber er war aufmerksam“, sagt seine Lehrerin. „Er hat mich am Ärmel gezupft und wollte, dass ich ihm die Dinge genauer erkläre.“
Kinder sind Experten
Die Begabtenförderung läuft ganz anders ab als der reguläre Unterricht. Denn die Themen suchen sich die Kinder selbst aus. Von den Lehrern wird ihnen nur das Material zur Verfügung gestellt. Für das Projekt in der Greiseneckergasse lernten die Kinder zum Beispiel, mit Powerpoint umzugehen. „Man kann die Kinder ruhig wie Experten behandeln“, sagt Frischauf.
Die Begabtenkurse können integrativ durch einzelne Projekte wie in der Greiseneckergasse oder additiv – nach dem Unterricht – organisiert werden. Manche Volksschulen haben sogar eigene Hochbegabtenklassen eingerichtet. In diesen muss der Stoff in kürzerer Zeit durchgenommen werden als üblich. Ein Prinzip, das unter Experten aber nicht unumstritten ist. Denn wenn auch Kreativität als Begabung gewertet wird, sind solche Klassen nicht für alle Schüler geeignet.
Nähere Infos: www.begabtenzentrum.at und www.stadtschulrat.at/begabungsfoerderung
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2012)
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