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Begabtenförderung: Wenn die Volksschule unterfordert

08.07.2012 | 18:04 |  MAGDALENA LIEDL (Die Presse)

Schon in den ersten Schuljahren werden hochbegabte Kinder gefördert. Ausschlaggebend ist kein hoher IQ, sondern Neugierde und Freude am Lernen.

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Anita hält das Modell eines Ohrs hoch und erzählt: „Bei einem Geräusch beginnen Trommelfell und Gehörknöchelchen zu schwingen. Die Schnecke wandelt diese Schallwellen in Nervensignale um. Diese werden an das Gehirn gesendet.“ Das Außergewöhnliche: Anita ist Volksschülerin. Sie besucht die vierte Klasse der VS Greiseneckergasse in Wien.

Vor zwei Jahren kam Anita von Polen nach Österreich – ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Nun präsentiert sie vor Klassenkameraden, Lehrern und dem Bezirksschulinspektor ein Projekt zur Begabtenförderung. Drei weitere Kinder sind gemeinsam mit Anita in dem Begabtenkurs. Das Projekt „Wie macht es das Gehirn, dass wir sehen und hören können?“ haben sie sich selbst ausgedacht. Dafür haben die Neunjährigen Forschungseinrichtungen wie das Institute of Science and Technology Austria (ISTA), das Neuroth Hörzentrum oder das Hilfszentrum für Blinde und Sehbehinderte besucht und Experten befragt: Sehen Blinde im Traum? Ist Blindsein am Tag und in der Nacht gleich?

Begabung bedeute nicht, dass die Kinder eine möglichst hohen IQ haben müssen, sagt Sigrid Schwall. Sie ist selbst Volksschuldirektorin und am Thomasianum Institut für Begabungsentwicklung und Innovation (TIBI) für Volksschulkinder zuständig. Begabte Kinder können auch einfach ein großes Interesse am Lernen haben. Sie seien besonders neugierig und hätten Detailwissen in oft ungewöhnlichen Themengebieten.

In der Greiseneckergasse wählt Lehrerin Julia Frischauf die Schüler für die Begabtenförderung aus. „Es müssen Kinder sein, die es auch verkraften, das außerhalb des Unterrichts zu machen“, sagt sie. Choeggal aus Tibet ist eines der Kinder im Begabtenkurs. Wie Anita kam auch er erst vor zwei Jahren nach Österreich. „Er konnte zwar nicht Deutsch sprechen, aber er war aufmerksam“, sagt seine Lehrerin. „Er hat mich am Ärmel gezupft und wollte, dass ich ihm die Dinge genauer erkläre.“

 

Kinder sind Experten

Die Begabtenförderung läuft ganz anders ab als der reguläre Unterricht. Denn die Themen suchen sich die Kinder selbst aus. Von den Lehrern wird ihnen nur das Material zur Verfügung gestellt. Für das Projekt in der Greiseneckergasse lernten die Kinder zum Beispiel, mit Powerpoint umzugehen. „Man kann die Kinder ruhig wie Experten behandeln“, sagt Frischauf.

Die Begabtenkurse können integrativ durch einzelne Projekte wie in der Greiseneckergasse oder additiv – nach dem Unterricht – organisiert werden. Manche Volksschulen haben sogar eigene Hochbegabtenklassen eingerichtet. In diesen muss der Stoff in kürzerer Zeit durchgenommen werden als üblich. Ein Prinzip, das unter Experten aber nicht unumstritten ist. Denn wenn auch Kreativität als Begabung gewertet wird, sind solche Klassen nicht für alle Schüler geeignet.

Nähere Infos: www.begabtenzentrum.at und www.stadtschulrat.at/begabungsfoerderung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2012)

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4 Kommentare
Gast: Ein ehemaliger Schüler - hochbegabt
09.07.2012 09:46
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Warum, warum, warum

Wann dringt das endlich bis zu den Verantwortlichen unseres Schulsystems durch, dass in jeder Klasse Kinder mit unterschiedlichster Begabung sitzen?
Warum muss man so ein Theater machen um Hochbegabung und geistige Schwächen?
Warum werden solche alltägliche Tatsachen grundsätzlich mit viel zusätzlichem Aufwand in irgend welchen Sonderaktionen bewerkstelligt?
Wann kapiert man endlich, dass beides zum Alltag gehört?
Wann beginnt man endlich, ein System zu entwickeln, damit alle Kinder, die minderbegabten, die durchschnittlich begabten und die hochbegabten ihren Fähigkeiten entsprechend lernen können.
Wann berücksichtigt man, dass Kinder oft nur in einem bestimmten Bereich minder- oder hochbegabt sind, aber sonst ganz normale Kinder sind?
Das sind lauter ganz normale alltägliche Erfordernisse, aber in unseren Schulen muss man um jeden F..., den ein Kind von sich gibt, gleich eine Affäre machen und benötigt gleich irgend welche Sonderaktionen die dann wieder nur punktuell durchgeführt werden und für die bald wieder kein Geld da ist.

Antworten Gast: dirge
10.07.2012 18:31
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Re: Warum, warum, warum

mit der nms wird ihren wünschen entsprechen. ein lehrer hat von den minderbegabten bis zu den hochbegabten alle in einer klasse bzw. gruppe und fordert und fördert alle schüler individuell nach ihren fähigkeiten.
so die theorie. wie das dann gemacht wird, hat mir noch kein theoretiker vorgezeigt.
dass differenzierte system hat man ja zerschlagen, siehe mit dem ziel oben.
einziges ziel sind einsparungen, was bestritten wird. na, zugeben werden sie es.

Antworten Antworten Gast: Ex-Schüler
11.07.2012 09:58
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Re: Re: Warum, warum, warum

Einsparung?
So viel ich weiß bekommt die NMS viel mehr Geld als die Hauptschule.

Re: Re: Re: Warum, warum, warum

Das möchte man uns glauben machen.
Ein Beispiel: "Alte HS", eine Klasse mit 24 Schülern (keine Teilung!). In den "Hauptgegenständen" zwei Lerngruppen. Gruppe A: Schüler der I. Leistungsgruppe + die besseren Schüler der II. LG! Gruppe B: restl. Schüler der II. LG + die Schüler der III. LG! In beiden Lerngruppen ist ständig eine Lehrkraft anwesend (also in allen 4 Schulstunden der Woche, nicht nur in 2 von 4 Std. wie in der NMS! D. h. in der NMS hat der Lehrer die halbe Unterrichtszeit a l l e 24 Schüler in der Klasse (und nicht nur die zwölf wie in der "alten" HS!). Und wenn der Zweitlehrer mal ausfällt, wird er kaum suppliert werden, sondern der (eh vorhandene) "Haupt"lehrer hat dann wieder alle Kinder zu unterrichten (in der "alten" HS wurde (wenn irgend möglich) suppliert! Wenn das in der NMS keine Einsparungen bringt!?
Weiters: In Österreich haben wir (seit Jahrhunderten) eine Gesamtschule - sie nennt sich Volksschule. Und diese Gesamtschule ist dermaßen erfolgreich, dass (an manchen Standorten) bis zu einem Viertel der Kinder die VS als Quasi-Analphabeten verlassen!! Statt enorme Mittel in die NMS zu pumpen, wären diese zusätzlichen Mittel in der VS wohl eher angebracht. Aber davon war noch nirgends die Rede!

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