Der konservative Abgeordnete Eric Ciotti möchte den Schülern und ihren Eltern beibringen, dass in der Republik Rechte mit Pflichten verbunden sind. Er will es nicht hinnehmen, dass gewisse Junge offenbar den Besuch des Unterrichts als freiwillig betrachten. Im vergangenen Jahr hat er sich mit einer Idee bei der damaligen Regierung von François Fillon durchgesetzt, die auf ziemlich drastische Weise in Erinnerung ruft, dass der Schulbesuch obligatorisch ist und dass der Staat auf seiner Autorität besteht. Aufgrund von Ciottis Initiative wurde ein Gesetz verabschiedet, das vorsieht, dass bei wiederholtem Schulschwänzen den Eltern die Familienzulagen vorbehalten werden. Und zwar dann, wenn sie ihre Aufsichtspflichten und ihre Verantwortung auch nach vorgängiger Ermahnung und Warnung nicht ernst genug nehmen.
Was in Frankreich die Regel ist, hat vergangene Woche auch die Salzburger Landeshauptfrau Gabi Burgstaller (SPÖ) gefordert. Sie erklärte, dass sie die Sperre der Familienbeihilfe für sinnvoller halte als die Verdopplung der Strafe von 220 auf 440 Euro, auf die sich die Koalition geeinigt hat. Die Beihilfe sollte erst dann nachbezahlt werden, wenn das Kind die Schule wieder regelmäßig besucht.
In Frankreich ist das Gesetz seit Jänner 2011 in Kraft und immer noch sehr umstritten. Es sieht vor, dass nach mehr als vier Halbtagen Absenz im Klassenzimmer die Eltern von der Schulleitung gemahnt werden. Falls sich dann nichts tut, werden sie zu einem Gespräch mit der Schulinspektion vorgeladen. Tritt dann immer noch keine Besserung ein, kann die Sozialversicherung angewiesen werden, die Familienbeihilfe teilweise oder ganz einzubehalten. Laut offiziellen Angaben sind bisher 472 Familien effektiv mit einem Entzug der staatlichen Zulagen bestraft worden. Im vergangenen März waren laut „Le Figaro“ 288 Haushalte mit insgesamt 312 Schülern betroffen (in manchen Familien gleich mehrere Kinder).
Man könnte die Maßnahme als nicht wirksam bezeichnen, wenn man weiß, dass in Frankreich die Zahl der Schulschwänzer bei den Zwölf- bis 19-Jährigen in der Mittelstufe (Collège und Lycée) auf mehr als 300.000 geschätzt wird. Besonders hoch ist laut dem Erziehungsministerium die mutwillige Absenz in den Berufsmittelschulen, wo angeblich 14 Prozent der Schüler nur sporadisch am Unterricht teilnehmen.
Ineffizient und kontraproduktiv
Für Ciotti spiegeln diese Zahlen den Erfolg wider: „Nach einer Vorladung der Eltern sind 99 Prozent der Schüler in den Unterricht zurückgekehrt.“ Ganz anderer Meinung sind viele Verantwortliche des Erziehungswesens. Philippe Tournier vom Verband der Schulrektoren meint, dieses repressive System habe sich bereits in Großbritannien als ineffizient und zum Teil kontraproduktiv erwiesen. Alleinerziehende Mütter etwa hätten oft „jede Kontrolle über ihre Kinder verloren“ und würden sich vielfach in so „schweren materiellen und psychischen Schwierigkeiten befinden“, dass die Schulleiter bei der Anwendung der vom Gesetz vorgesehenen Sanktionen zögern. Skeptisch waren von Beginn an auch die Sozialisten, die diese Sanktionen für Eltern von Schulschwänzern als eine Art „Sippenhaftung“ kritisieren. Sie hatten angekündigt, dass sie im Fall eines Regierungswechsels dieses Gesetz außer Kraft setzen würden.
Jetzt ist die Linke an der Macht, und sie scheint vorerst andere Prioritäten zu haben als den Kampf gegen die Absenz durch Strafandrohungen. Der neue Erziehungsminister Vincent Peillon sagt, er ziehe den Dialog vor. Er möchte mit individuell ausgehandelten „Verträgen elterlicher Verantwortung“ Abhilfe schaffen. Die angebotene Qualität der Schule müsse der Nachfrage entsprechen. Bis auf Weiteres aber bleibt das Ciotti-Gesetz in Kraft. Nur dürfte es in der Schulrealität immer weniger beachtet werden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2012)
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