Wien. Zündstoff bietet die OECD-Studie „Bildung auf einen Blick“ für die Verhandlungen zum neuen Lehrerdienstrecht. Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) pocht schon lange auf eine Aufstockung der Unterrichtsverpflichtung. Die Gewerkschaft legte sich aber stets quer. Die OECD-Berechnungen zeigen nun: Die österreichischen Lehrer unterrichten tatsächlich weniger Stunden als Kollegen in anderen Staaten.
Während AHS-Lehrer bzw. Pädagogen an berufsbildenden höheren Schulen (BHS) im EU-Durchschnitt 629 Stunden pro Jahr unterrichten, so sind es in Österreich nur 589 Stunden (siehe Grafik). Eine ähnliche Diskrepanz gibt es auch im Bereich der Hauptschulen, Neuen Mittelschulen und der AHS-Unterstufen. Dort widmen sich die Lehrer 606 Stunden pro Jahr dem Unterricht. Ihre Kollegen aus dem EU-Raum unterrichten 53Stunden mehr. Im OECD-Raum liegt der Durchschnitt sogar um 97 Stunden höher. Einzig die Volksschullehrer brauchen den Vergleich nicht zu scheuen.
Die Forderung Schmieds – Lehrer sollten mehr Stunden unterrichten – erhält durch die Zahlen Rückenwind. Doch nicht nur der Ministerin bietet die Studie eine Argumentationshilfe. Auch die Lehrergewerkschaft sieht sich bestätigt. Denn trotz geringer Unterrichtsverpflichtung ist die Gesamtarbeitszeit der Lehrer hoch. So arbeiten Volksschullehrer jährlich 1776 Stunden – und damit um 177 Stunden mehr als ihre europäischen Kollegen.
In einem Punkt sind sich Gewerkschaft und Ministerium angesichts der Zahlen einig: Die administrativen Aufgaben der Lehrer nehmen zu viel Zeit in Anspruch. Die Ministerin kündigte bereits mehrmals an, dass die Lehrer entlastet werden sollen, um sich besser auf ihre pädagogischen Aufgaben konzentrieren zu können. Angedacht wird dabei unter anderem der Einsatz von nicht mehr benötigten Postbediensteten im Verwaltungsbetrieb der Schulen.
„Ansagen allein nützen nichts. Was fehlt, sind konkrete Konzepte“, kritisiert Paul Kimberger, der Chefverhandler der Lehrergewerkschaft, im „Presse“-Gespräch. Wolle man die Lehrer tatsächlich entlasten, sei das ein riesiges Vorhaben. Es brauche etwa Sozialarbeiter, Beratungslehrer, administratives Personal und Schulpsychologen. Insgesamt sei dabei mit mindestens 14.000 Spezialisten zu rechnen, so Kimberger. Sollte die Unterrichtsministerin tatsächlich ein Konzept vorlegen und ein Nachweis erbracht werden, dass die Lehrer merkbar entlastet werden, dann könne man über eine neue Verteilung der Arbeitszeit sprechen. „Eine höhere Unterrichtsverpflichtung ist dann eine Möglichkeit“, sagt Kimberger. Und nähert sich damit erstmals dem Vorhaben der Ministerin an.
Hohe Endgehälter
Veränderungen soll es für Lehrer auch bei der Bezahlung geben. An der im internationalen Vergleich hohen Bezahlung soll sich laut Schmied nichts ändern („Das ist gut so“), sehr wohl soll aber die Gehaltskurve adaptiert werden. Dadurch sollen Lehrer am Beginn ihrer Laufbahn mehr und am Schluss weniger verdienen. Derzeit liegt das Endgehalt eines österreichischen AHS-Lehrers bei rund 66.500 US-Dollar (rund 52.000 Euro – kaufkraftbereinigt). Im OECD-Schnitt sind es 38.900 Euro.
Überdurchschnittlich hoch sind auch die Ausgaben pro Schüler. Im Sekundarbereich liegen diese mit rund 9900 Euro um rund 2600 Euro höher als im internationalen Vergleich. Begründet sei das in der guten Ausstattung der Schulen, dem günstigen Betreuungsverhältnis von Schülern pro Lehrer, dem mittlerweile hohen Durchschnittsalter der Lehrer und der hohen Schuldichte. Für die Ministerin kein Grund zur Beunruhigung. Viele dieser Ausgaben nehme man bewusst in Kauf, so Schmied.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2012)

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