Eine Welle aus Panik durchströmte mich, denn ich erinnerte mich daran, was heute für ein Tag war. Es war Montag. Montag war Schultag.“ Frank Huss, Lehrer an einem Wiener Gymnasium, schafft es an manchen Tagen kaum mehr aus dem Bett – geschweige denn in die Schule. Diagnose: Burn-out. Über seine Erfahrungen hat Huss nun ein Buch geschrieben: „Schularbeit“ nennt er den Tatsachenroman. Untertitel: „Die Leiden eines Lehrers“. Das Buch trifft einen Nerv. Denn Burn-out ist seit einigen Jahren Thema – nicht nur unter Pädagogen. Doch von vorn.
Für Huss, AHS-Lehrer für Musik, Deutsch und Geschichte, ist der Beruf, den er aus Leidenschaft zum Unterrichten wählte, zur Qual geworden. Die ständige Lärmbelastung, perfide Schüler – es sind nicht zuletzt die Momente im Klassenzimmer, die er als besonders frustrierend beschreibt. Die Schüler zeigen teils wenig bis gar kein Interesse am Unterricht. („Keinen Menschen interessiert so was, und wenn doch, kann er es googeln.“) Vor allem einer der Jugendlichen – Huss nennt ihn Mario – provoziert subtil, aber notorisch. („Mario brauchte nicht mit den anderen zu schreien. Er grinste und wir beide wussten, dass es eine Drohung war.“)
Der früher engagierte Lehrer – die Beschreibungen aus 2011, Jahr des Burn-outs, kontrastieren im Buch mit Erfahrungen zu Beginn seiner Laufbahn Ende der 1990er-Jahre – gerät an einen Punkt, wo er nicht mehr kann. Individueller Zugang zu jeder Klasse, modern aufbereitete Lehrinhalte und Projekte wie das schuleigene Musical, all das, was der Lehrer zu Beginn hochgehalten hat, kostet ihn Kraft. Huss denkt irgendwann an nichts anderes mehr als daran, wie er den Tag überstehen soll. („Ich war zu einem von jenen Lehrern geworden, die ich früher nie verstanden hatte. Einer von jenen, die sich nicht mehr um die Bedürfnisse ihrer Schüler kümmerten, weil sie selbst zu kaputt waren.“)
Kein lehrerspezifisches Problem
Vor allem, wenn Huss seine Erfahrungen in einen Kontext zu setzen versucht, trägt er aber etwas (zu) dick auf. „Lehrer haben die höchste Burn-out-Quote aller Berufsgruppen“, heißt es einmal. Tatsächlich ist das ein Befund, den die Gewerkschaft in einer Studie erhoben hat: Jeder dritte Lehrer in Wien sei Burn-out-gefährdet, laut Professoren-Union sogar überhaupt jeder dritte AHS-Lehrer in Österreich. In Wirklichkeit dürfte es ganz so schlimm nicht sein – jedenfalls nicht im Vergleich mit anderen, ähnlichen Berufsgruppen etwa im Sozialbereich: Burn-out ist kein spezielles Problem von Lehrern, sagt Siegfried Kasper, Chef der Wiener Uni-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie.
Wegreden kann (und soll) man das Problem dennoch nicht. Denn es ist zweifellos ein Phänomen, das auch Pädagogen betrifft, weil sie einigen speziellen Belastungsfaktoren ausgesetzt sind: Fehlende Anerkennung und Unterstützung, fehlende Erfolgsaussichten im Job belasten (auch) Lehrer, sagt Marlies Matischek-Jauk, die an der Pädagogischen Hochschule Steiermark zum Thema Burn-out arbeitet (siehe Faktenkasten). Pausen sind oftmals keine Pausen, sondern voller Lärm, Gespräche und Hektik, Schüler stören den Unterricht, manchmal notorisch. Und auch, wenn Burn-out immer stark mit der jeweiligen Persönlichkeit zusammenhängt: Das Umfeld muss ebenfalls passen, damit eine (dahin tendierende) Person nicht ausbrennt. Denn ist das einmal passiert, dauert die Erholung lange: drei bis vier Monate bei schweren Fällen, sechs bis acht Wochen bei leichteren. Auch abhängig davon, welche Maßnahmen getroffen werden.
Kopfhörer als Lärmschutz
Frank Huss versucht, seine Schlafstörungen und Panikattacken erst mit Baldrian und Alkohol zu bekämpfen – sie bleiben, genauso wie die Magenkrämpfe, der Brechreiz und die totale Erschöpfung, bis hin zu Selbstmordgedanken. Er landet schließlich auf der Couch einer Psychotherapeutin. Im Zuge seiner Therapie hinterfragt er – bestimmt zu Recht – das Schulsystem. Er schlägt pragmatische Reformen vor („Jede Schule braucht einen eigenen Psychologen.“). Zehn Punkte hat er in seiner Therapie gelernt, und er zählt sie am Schluss seines Buches auf. Sie betreffen die Abgrenzung von Schülern („Ich trage keine Verantwortung für ihre Noten“) und Kollegen („Ich kann auch Nein sagen“), die realistische Einschätzung seiner Kräfte („Wenn es mir zu viel wird, trete ich etwas kürzer“). Sie sollen auch Tipps für andere betroffene oder gefährdete Lehrer sein.
Frank Huss steht mittlerweile wieder selbstbewusster im Klassenzimmer. Sein neues Selbstverständnis demonstriert er mitunter auf skurrile Art und Weise. Etwa, indem er – entgegen allen modischen Trends – eine Schottenkarohose trägt. Das habe er sich früher ob der kritischen Blicke der Schüler nicht getraut, sagt Huss. Und indem er bisweilen Lärmschutzkopfhörern aufsetzt, um sich – wenn es ihm einmal wieder zu viel wird in den Pausen – einfach auszuklinken. Ob das tatsächlich die beste Maßnahme ist, sei dahingestellt.
Burn-out-Prävention bieten unter anderem die Pädagogischen Hochschulen mit Seminaren zu Burn-out und Stressmanagement. An der PH Steiermark (Hasnerplatz) startet mit Oktober das Präventionsprogramm „Gesundheit und Optimismus“ (GO), das auf einem Forschungsprojekt der Erziehungswissenschaftlerin Marlies Matischek-Jauk und einer Kollegin aufbaut.
Die Gewerkschaft warnt seit Langem vor der hohen Burn-out-Gefahr bei Lehrern: Jeder dritte AHS-Lehrer in Österreich sei gefährdet.
Schularbeit – Die Leiden eines Lehrers ist der Tatsachenroman des Wiener AHS-Lehrers Frank Huss. Er schildert darin sein Burn-out, wie es dazu kam – und den Weg heraus. Das Buch ist kürzlich im Verlag edition a erschienen. 251 Seiten, 19,90 Euro.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2012)
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