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Sprachförderung: Experte gegen "Segregation"

17.09.2012 | 15:51 |   (DiePresse.com)

Der Sprachwissenschafter Rudolf De Cillia hält die Vorschläge von Staatsekretär Kurz für "nicht sinnvoll". Die Mehrsprachigkeit müsse stärker gefördert werden.

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Für "nicht sinnvoll" hält der Sprachwissenschafter Rudolf De Cillia (Uni Wien) eine "Segregation von Kindern in eigenen Ausländerklassen". Diese sei "natürlich auch eine Stigmatisierung von Kindern mit anderen Erstsprachen", so de Cillia zum Vorschlag von Integrations-Staatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP). Sinnvoller wäre es, mit mehr Lehrkräften neben dem regulären Unterricht auch die deutsche Sprache zu fördern und den Kindern mehr Zeit für den Spracherwerb zu geben. In der Lehrerausbildung bzw. -fortbildung wiederum müsse der Umgang mit mehrsprachigen Klassen stärker in den Mitttelpunkt gestellt werden.

"Gepflanzt" fühlt sich De Cillia von der Vorgangsweise des Expertenrats für Integrationsfragen. Erst in der Vorwoche habe es in Wien eine von diesem veranstaltete Tagung mit nationalen und internationalen Experten gegeben, bei der er auch einen Workshop geleitet habe. "Dort hat kein einziger für ein segregatives Modell plädiert, keine einzige Stellungnahme ging in diese Richtung." Grundtenor wäre vielmehr gewesen, die Mehrsprachigkeit von Kindern mit Migrationshintergrund als Ressource zu sehen und zu fördern. "Dass da zunächst große wissenschaftliche Expertise zusammengerufen wird und dann eine Empfehlung ausgesprochen wird, die dem entgegenläuft, zeigt einen respektlosen Umgang mit dieser Expertise."

Für sinnvoller hält es der Wissenschafter, mittels zusätzlicher Lehrkräfte neben dem regulären Unterricht die deutsche Sprache zu fördern. Im regulären Unterricht hätten die Kinder dann auch die "Peer Group" der Gleichaltrigen - "Spracherwerb findet ja auch über das 'Sprachbad" statt, indem man einfach mit den anderen kommuniziert". Klar müsse auch sein, dass der Erwerb einer Zweitsprache Zeit brauche. "Das geht nicht in einem Jahr, das braucht vier bis sechs Jahre." Wenn man wirklich die Bildungsbeteiligung von Kindern mit anderer Erstsprache fördern wolle, müsse man mit der Trennung in Hauptschule und AHS-Unterstufe im Alter von zehn Jahren aufhören. Hierfür gebe nämlich unter anderem die Deutsch-Note in der Volksschule den Ausschlag.

Außerdem gehe es nicht nur um Deutsch, betonte De Cillia. "Kinder haben auch ein Recht auf Literalisierung in ihrer Muttersprache." Auch einheimische Kinder würden Dinge wie die Unterscheidung zwischen drittem und viertem Fall erst in der Schule lernen. Mit der Förderung von Kindern in ihrer Muttersprache würde später auch ein immer wieder geäußerter Bedarf etwa bei Polizei oder in der Kindergartenpädagogik abgedeckt. Darüber hinaus sei eine solide Entwicklung der Erstsprache sicher auch eine Voraussetzung für die Entwicklung der Zweitsprache Deutsch bzw. anderer Fremdsprachen.

Stärkere Fokussierung auf Mehrsprachigkeit

In der Lehrerbildung wiederum plädiert de Cillia für eine stärkere Fokussierung auf den Bereich Mehrsprachigkeit. "Wer vor 30 Jahren seine Ausbildung gemacht hat, muss erst lernen, wie man mit mehrsprachigen Klassen umgeht." Auch in der aktuellen Lehrerausbildung gebe es nur ganz wenige Pflicht-Lehrveranstaltung in diesem Bereich. "Man kann nicht so tun, als ob alle Kinder Deutsch als Erstsprache haben."

Für die Umsetzung von Kurz' Vorschlag wäre auch eine Änderung der Rechtslage erforderlich, betonte De Cillia. Derzeit sei die Schulreife eindeutig so geregelt, dass ein Kind nicht wegen mangelnder Deutschkenntnisse in die Vorschule geschickt werden könne.

Der Deutsch-Didaktiker Werner Wintersteiner (Uni Klagenfurt) übte im Ö1-"Mittagsjournal" keine direkte Kritik am Kurz-Vorschlag, würde aber besser beim Kindergarten ansetzen. Er plädierte für drei Jahre Gratis-Kindergarten, einen Hochschulabschluss für Kindergartenpädagogen und eine Reform der Lehrerausbildung unter dem Blickpunkt der Integration. Auch er würde aber "bedauern, wenn die Idee der Mehrsprachigkeit zurückgedrängt wird".

(APA)

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12 Kommentare

Die Mehrsprachigkeit kann gerne im jeweiligen Heimatland gefördert werden, als Voraussetzung für die Migration.

Hier wird Deutsch gesprochen.

Gast: bärig
19.09.2012 18:07
0 0

Mehrsprachigkeit

Ja, Mehrsprachigkeit müsste gefördert werden! Schüler in den Gymnasien sollten neben Englisch und Französisch noch verpflichtend Spanisch lernen.

Experten

sollten stets um rat gefragt werden. deshalb sind sie experten! sie wissen durch empirie und forschung mehr als der normale politiker. daher müssen politiker mit experten zusammenarbeiten, um ein gutes ergebnis erzielen zu können. alles andere ist schwachsinn!

2 0

Experten ...

Das wird doch schön langsam ziemlich langweilig! Jetzt haben wir das Problem schon seit Jahrzehnten und wir sehen an der Realität dass das Konzept des gemeinsamen Unterrichts gescheitert ist. Und was kommt von dem „Experten“? Laute Phrasen wie „zusätzliche Lehrkräfte“, „Mehrsprachigkeit von Kindern mit Migrationshintergrund als Ressource sehen“, „Segregation … sei natürlich auch eine Stigmatisierung“, „muss erst lernen, wie man mit mehrsprachigen Klassen umgeht“. Perfekt für das „Bullshit Bingo“ – vielleicht sind auch deshalb seine Vorschläge nicht ernst genommen worden.
Im Prinzip ist es trivial: Wenn eine Gruppe eine Sprache spricht die man nicht versteht, dann versteht man nichts. Lösung: Entweder
- man lernt die Sprache (möglichst schnell)
- man sucht sich eine andere Gruppe
- man besorgt sich einen Dolmetscher
- man zwingt die Gruppe dass sie die Sprache wechselt.
Punkt 3 und 4 ist in der Schule nicht zielführend bzw. erwünscht. Also bleibt nur Punkt 1 und 2 übrig. Das soll jeder für sich selbst entscheiden. Wie man daraus einen "Experten" ableiten kann wird mir ewig ein Rätsel bleiben!

Gast: elfenbein
18.09.2012 17:01
3 0

Unterrichtssprache ist deutsch...

...so stehts im Gesetz und das gehört radikal umgesetzt. Denn nur so lernt man die Sprache. Ohne Üben geht gar nichts: auch nicht ein Instrument oder das Addieren, etc.
Meine Gattin ist übrigens Migrantin, als Erwachsene zugewandert und führt Dauerkonflikt mit ihren Schülern an einer öffentlichen Schule, die es nicht akzeptieren wollen, dass sie konsequent kein Wort Serbisch und dgl. im Schulgebäude verwendet. Und trotzdem alles versteht, was die lieben Kinder in ihren diversen slawischen Muttersprachen so besprechen. Und sie dann in der Unterrichtssprache zur Rede stellt. Sie erzählt mir das laufend - schwer schockiert. Aber das verstehen halt die Schreibtischpädagogen = -täter nicht.

wenn 10%

der kinder einer klasse nicht deutsch als muttersprache haben, ist sicher ein umfeld gegeben, in dem sie ohnehin deutsch lernen.

die realität in vielen wiender schulen schaut jedoch so aus, dass gerade noch 10% der kinder deutsch als muttersprache haben...

wann hat hr. cillia zum letzten mal eine

schulklasse von innen gesehen? aber ist ja auch wurscht...seine kinder sind sicher entweder in eine privatschule gegangen, oder im 19....

Gast: Master of the Universe
18.09.2012 10:12
4 0

Rudolf De Cillia (Uni Wien)

lebt doch im Elfenbeiturm der abgehobenen theoretischen Wissenschaft und hat keinerlei Bezug zum Schulalltag. Daher ist seine "Expertise" höchstens theoretisch richtig, aber praktisch unbrauchbar.

Gast: szechuan 667
18.09.2012 09:50
2 0

Entbehrliche Stellungnahme des Herr Professors!

"Für "nicht sinnvoll" hält der Sprachwissenschafter Rudolf De Cillia (Uni Wien) eine "Segregation von Kindern in eigenen Ausländerklassen"."

Und in Beijing ist vor kurzem ein Rad umgefallen.

So what?

man sollte eine sprachförderungsaußenstelle

in diversen shopping centers einrichten.

Gast: baro palatinus
17.09.2012 17:09
3 0

Rudolf De Cillia

hmm - ein gewiss unabhängiger experte.
ein schelm wer ihn für den sozialisten nahestehend hält. so etwas trifft man auf der uni wien nur vereinzelt an...

2 0

Es wird auch kein Weg daran vorbeiführen, die Eltern mehr in die Pflicht zu nehmen.

Ausserdem verstehe ich die sogenannten Fachleute nicht. Es gibt ein verpflichtendes KiGa Jahr. Kurz fordert zwei. Jetzt hat Kurz die Idee, diejenigen, welche schon in die Schule gehen und nicht ausreichend Deutsch können, in spezielle Lerngruppen zusammenzufassen - was fordert der Sprachwissenschaftler - DREI "Vorschuljahre".

Zum erlernen der Sprache in der Peer-Group: Das Phänomen beobachtet man in Deutschland: In gemischten Jugendgruppen Deutsch - Türkisch bildet sich eine Sprache heraus, die sehr viele Türkische Elemente enthält, die von deutschen Erwachsenen überhaupt nicht mehr verstanden wird.

Wenn Sie das unter kultureller Vielfalt verstehen, dann sind die Peergroups zur Sprachausbildung ideal. Dann wird es bald den Türtschen oder Deukischen Duden geben.

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