Kurz: Deutsch vor Schuleintritt lernen

17.09.2012 | 17:56 |  Von Julia Neuhauser (Die Presse)

Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) fordert Vorschuljahr für Kinder mit Sprachdefiziten und „Crashkurse“. Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) lehnt „Ghettoklassen“ jedoch ab.

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Wien. Die derzeitige Regelung ist klar: Eingeschult werden Kinder dann, wenn sie dem Unterricht folgen können – und zwar ohne körperlich, geistig oder emotional überfordert zu sein. Mangelnde Deutschkenntnisse sind also kein Grund für eine spätere Einschulung. Spricht ein Kind kaum Deutsch, sitzt es als sogenannter außerordentlicher Schüler in der Klasse. Geht es nach Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP), soll sich genau das ändern.

Wer nicht gut genug Deutsch spricht, darf nicht eingeschult werden. Die deutsche Sprache soll noch vor Schuleintritt erlernt werden und zwar in einem Deutsch-Förderjahr – die Kinder sollen also die Vorschule besuchen. Denn: „Wer nicht Deutsch kann, kann dem Unterricht nicht folgen“, sagt Kurz im Gespräch mit der „Presse“. Außerordentliche Schüler sind an heimischen Schulen keine Seltenheit. Österreichweit gab es im Schuljahr 2009/10 rund 20.100 davon. Bislang beschränkte sich die Sprachförderung auf maximal elf Stunden pro Woche. Das sei zu wenig, bemängelt Kurz.

Handlungsbedarf sieht Kurz auch, was die sogenannten Quereinsteiger betrifft, also jene Schüler, die während des Schuljahres aus dem Ausland zuwandern. Sie sollen künftig drei- bis sechsmonatige „Crashkurse“ besuchen, so die Forderung des Staatssekretärs. In der Praxis heißt das, dass diese Kinder zunächst in eigenen Gruppen unterrichtet werden sollen. Fächer wie Turnen und Zeichnen, die weniger Sprachkenntnisse erfordern, sollen in der „Stammklasse“ absolviert werden. Wer seinen Sprachrückstand aufholt, soll zusehends in den Klassenverband integriert werden.

Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) hält nur wenig vom Vorstoß des Staatssekretärs. „Wir sind gerne bereit, über alle konstruktiven Vorschläge zu diskutieren, nicht aber über Ghettoklassen, wie das die FPÖ und der Herr Staatssekretär fordern“, heißt es aus dem Ministerium. Auch vom Wiener Stadtschulrat kommt Kritik. Kurz sei schlecht informiert. In Wien gebe es derartige Förderungen bereits. Kurz entgegnet: Es sei verwunderlich, dass man im Unterrichtsministerium vor Ghettoklassen warnt, während der Wiener Stadtschulrat sich rühmt, derartige Projekte bereits installiert zu haben.

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Schmied will mehr Geld von Fekter

Bewegung scheint in die Verhandlungen zum neuen Lehrerdienstrecht zu kommen. Die Unterrichtsministerin kündigte an, den Vorschlag nachbessern zu wollen, mit dem die Regierung in die Verhandlungen mit der Lehrergewerkschaft gegangen ist. Nachdem absehbar sei, dass über den derzeitigen Vorschlag mit den Lehrervertretern keine Einigung möglich sein werde, „müssen wir uns als Regierung an den Tisch setzen“, so Schmied in der ORF-Diskussionssendung „Im Zentrum“. Letztlich entscheidend sei dabei, ob Finanzministerin Maria Fekter (ÖVP) zustimme, dass die Regierung beim neuen Lehrerdienstrecht mehr Geld als bisher geplant in die Hand nimmt. Eine klare Antwort kommt dazu aus dem Finanzministerium: Mehr Geld werde es nicht geben. Immerhin sei das Budget des Unterrichtsministeriums im Zeitraum von 2008 bis 2016 ohnehin bereits um 20 Prozent aufgestockt worden. Für das Jahr 2016 wurden rund 8,7 Milliarden Euro veranschlagt.

„Schulen auch in den Ferien öffnen“

Unterstützung von der ÖVP erhält die Unterrichtsministerin, was den Ausbau der Ganztagsschule betrifft. Entgegen der bisherigen Parteilinie fordert ÖVP-Bildungssprecher Werner Amon ein ganztägiges Schulangebot „in zumutbarer Entfernung vom Wohnort“. Die von der ÖVP gestellten Landesschulräte gehen sogar noch einen Schritt weiter. Sie fänden es sinnvoll, wenn es auch in den Ferien ein ganztägiges Betreuungsangebot gäbe. „Bei Bedarf sollten auch in dieser Zeit Schulen geöffnet sein. Die Betreuung muss nicht allein durch Lehrer vorgenommen werden“, so Oberösterreichs Landesschulrat Fritz Enzenhofer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2012)

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93 Kommentare
 
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Keine Ahnung von der Schulrealität

Im Ministerium scheint man offenbar nur Akten zu wälzen und keine Ahnung von der Schulrealität zu haben. Es ist eine Zumutung für Schüler und Lehrer, wenn im Klassenverband Kinder sitzen, die nicht oder kaum Deutsch verstehen. Hier ist niemandem gedient, schon gar nicht den Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache. Sie werden nur frustriert und deprimiert oder verhaltensauffällig, was ja auch nicht verwunderlich ist. Daher volle Zustimmung zu den Forderungen von Staatssekretär Kurz. Wer hier von Ghettoschule spricht, WILL offenbar nicht verstehen. Demnach wäre jeder Deutschkurs in VHS oder ähnlichen Institutionen ebenfalls eine diskriminierende Ghettoisierung.

Man wolle keine Ghetto-Klassen

meint die Unterrichtsministerin.

Im Klartext bedeutet das, nach Schmieds Ansichten sollten also auch die einheimischen Kinder die Vorschule besuchen, um dort zumindest die Grundzüge der Landessprache zu lernen.

Sehr sinnvoll. Man kann die hohe Kompetenz der Pleitebankerin förmlich mit Händen greifen.

unsere Kinder leiden darunter

... da Lehrer bzw Betreuer sicherlich mehr Zeit aufwenden müssen, als bei den nicht oder wenig deutschsprechenden Kinder. Eine Trennung von zumindest der Hälfte der Deutschwochenstunden zwischen diesen beiden Gruppen wäre sicher notwendig bzw sinnvoll

Re: unsere Kinder leiden darunter

korrektur
... müssen als bei deutschsprachigen Kindern .... pardon

Gast: bank12
18.09.2012 08:17
6

klares Gesetz

Schulunterrichtsgesetz §3 (3) Die Erziehungsberechtigten haben dafür Sorge zu tragen, dass ihre Kinder zum Zeitpunkt der Schülereinschreibung die Unterrichtssprache im Sinne des Abs. 1 lit. b soweit beherrschen, dass sie dem Unterricht zu folgen vermögen. Wie immer mangelt es im Vollzug


Gast: Gruber H
18.09.2012 08:08
2

Bessere Idee

Die Millionen in Privatschulen investieren, wo alle Deutsch können und die Verweigerer, heimschicken.


nicht schon wieder der Furz!


der Furz!

Ich glaube Sie verstehen mangels Gehirnvolumen gar nicht um was es hier geht.
Übrigens, wissen Sie was Mut ist?
Wenn man trotz Durchfall einen Furz lässt.
Ihr Niveau?

Antworten Gast: Oder so
18.09.2012 13:47
0

Re: nicht schon wieder der Furz!


Geistig hochstehender Kommentar. Oder so. Aber so steht's da.

Der Zensur kann man zu ihrer Grossherzigkeit nur gratulieren. Oder so.

aus erfahrung

kinder lernen eine neue sprache am besten, wenn sie sie umgibt und sie daher ganz ungezwungen anwenden. kinder tun dies ohnehin! aus erfahrung (daf/daz-lehrer für volksschulkinder + nachhilfelehrer für deutsch + derzeit lehrer) kann ich sagen, sofern das kind will und von den eltern dabei unterstützt wird, lernt es eine sprache sehr schnell!

ich hatte 2 polnische brüder (5 und 7 jahre alt) im kurs. sie konnten kein wort deutsch. der kurs dauerte ein jahr. danach wurden leider die gelder für das MA 17 für diese kurse gestrichen. ein weiteres jahr später sehe ich die beiden auf der gegenüberliegenden straßenseite mit anderen kindern scherzen und lachen. sie sprachen AKZENTFREIES DEUTSCH! das ist keine seltenheit! 2. unterstufe: italienisches mädchen in einer bilingualen klasse (mit englisch) - nach einem jahr gut deutsch gesprochen (nur akzent und kleinere fehler im bereich der artikel und der fälle)
ebenfalls 2. klasse unterstufe: mädchen kommt aus rumänien nach österreich. die sommerferien vor dem ersten schultag nützt sie, um ein paar bücher zu lesen (sie liest nämlich gerne). sie machte sich so gut, dass sie am jahresende ein gut bekam!
mädchen 1. klasse unterstufe: persischer hintergrund. kommt nach Ö in den sommerferien. mündlich sehr aktiv, sie wird klassensprecherin.


Re: aus erfahrung

Es wäre wunderbar, wenn es überall genügend unterstützende DAF-LehrerInnen gäbe, nur leider sieht die Realität in vielen Bundesländern anders aus. Vor allem Flüchtlingskinder werden oft mitten im Schuljahr in eine Klasse hineingesetzt und die Lehrer müssen schauen, wie sie zurechtkommen und sich mit diesen Kindern verständigen. Dass dies nicht funktionieren kann, versteht sich von selbst. Ich weiß, wovon ich rede, da ich mehr als 30 Jahre im Schuldienst und mehr als 20 Jahre in der Lehrerausbildung tätig war und oft genug solche Situationen miterlebt habe. Da wäre die vielgeschmähte "Ghettoschule" tatsächlich das weit geringere Übel gewesen !

Re: aus erfahrung

Habe ich das jetzt richtig verstanden? Sie geben vor, Deutsch zu unterrichten, können die Sprache aber nicht einmal richtig schreiben? Sie sind wohl ein ganz Lustiger.

Re: Re: aus erfahrung

ja! denn die forums- bzw. chatsprache hat keine engen konventionen und erinnert mehr an die mündliche kommunikation. auch die groß- und kleinschreibung ist in diesem fall die norm. bevor sie sich über jemanden lustig machen wollen, grenzen sie bitte die möglichkeit aus, dass sie kurz darauf im zentrum der belustigung stehen ;)

Re: aus erfahrung

Wie Sie richtig festgestellt haben: die Eltern müssen das Kind unterstützen!
Und bis auf eine gewisse Bevölkerungsgruppe funktioniert das ja auch...

Gast: os747
18.09.2012 00:05
2

jahrzehnte

fuer solche forderungen braucht man jahrzehnte um zu verstehen das die deutsche sprache grundvoraussetzung ist um in der schule zu verstehen und zu lernen. die roten kapieren bis jetzt nicht das es keine andere moeglichkeit gibt.
traurig und erbaermlich.

Gast: Freiheit
17.09.2012 23:45
4

es ist sehr interessant wie in europa den migranten

alles vor die fuesse gelegt wird und die eigenverantwortung abgenommen wird. die idee von kurz ist ja nicht schlecht - finde ich wirklich gut. aber ich denke gerade an meine eigene vergangenheit - das interesse/der druck die lokale sprache zu lernen ging ganz alleine von meinen eltern aus. da gab es kein interesse seitens des staates (wir reden hier nicht ueber oesterreich) der schulen, der lehrer, etc ob ich die sprache erlernte oder nicht. es hiess einfach entweder du packst es oder du packst es nicht und aufwiedersehen. es ist traurig zu sehen wie wenig interesse eltern daran haben, dass ihre kinder sich integrieren und erfolg haben.

Gast: netzwerker5
17.09.2012 23:24
8

endlich wieder kurz

Lt Ministerium ist immer alles in bester Ordnung, auch der Stadtschulrat hat alles im Griff. Wer aber jeden Tag von Kindergarten-padägoginnen und Grundschullehrerinnen Berichte aus dem Alltag hört, glaubt von diesen veröffentlichten Meinungen kein Wort mehr. Und wer sich beruflich jeden Tag mit der Sprachinkompetenz herumschlagen muss, kann Kurz nur unterstützen. Es wird Zeit, Sachpolitik vor Parteipolitik zu setzen.

Kurz, Schmid ... alles Namen die man sich nicht mehr lange zu merken braucht


Antworten Gast: Ex-SpOn Leser
17.09.2012 23:17
3

Re: Kurz, Schmid ... alles Namen die man sich nicht mehr lange zu merken braucht

Schätze doch, da wird ja sicher noch eine Art Inseratenskandal rausschauen, oder wie kommts dass es in praktisch jeder Zeitung alle paar Tage einen Artikel von ihm (und Fotos) gibt?

Er soll uns halt mit gewalt als Retter der ÖVP (mit dem Kurz wird alles anders, der richtets, also noch eine Chance, für den neuen "Schwiegersohn der Nation" [Wer kennts noch ;) ]) verkauft werden...

Gast: Kurz gesagt
17.09.2012 22:27
2

Politisch hat der Sebastian nicht lange gebraucht

um abgenutzt und flach zu wirken.

Gast: Österreicher
17.09.2012 21:37
9

Frau Schmidt: Erst denken, dann PA schreiben

Ihre Unterstellung ist dermaßen abstrus, dass sie eigentlich kein Kommentar wert wäre. Und "Ghettos" gibts immer dort, wo Ihre Partei, die SPÖ regiert...

Gast: loggoo
17.09.2012 20:26
1

wexel

würde da doch mit deutschprachigen personal und genügend K.Gartenplätzen ab 3! beginnen.
Das Problem lösst sich von aleine auf.

Gast: Einsiedler G
17.09.2012 19:54
6

Herr Kurz ist chancenlos

Gegen jene die gar nicht Deutsch lernen wollen.

Haben sie keine Tips aus Kanada mitgenommen??

Gast: Hänschenklein
17.09.2012 19:43
0

Die Kinder sollen nicht lernen um in die Schule gehen zu können. Die Kinder sollen aber in die Schule gehen um zu lernen.

Wozu haben wir eine Schule?

Re: Die Kinder sollen nicht lernen um in die Schule gehen zu können. Die Kinder sollen aber in die Schule gehen um zu lernen.

Wie kann man in deutschsprachigen Schulen lernen, wenn man nicht Deutsch kann?

Gast: bärig
17.09.2012 19:21
5

Projekte

Im Stadtschulrat weiß man von sehr positiv gelaufenen Projekten in dieser Richtung, aber die Ministerin weiß nichts davon? Da weiß die eine Hand nicht , was die andere tut! Und beide sind für unser Bildungssystem zuständig?
Da wundert es micht nicht, dass alles drunter und drüber geht!
Übrigens: Wie können Lehrer Kinder unterrichten, die die Sprache nicht verstehen? Halten diese Kinder nicht die ganze Klasse beim Lernen auf? In den katholischen Privatschulen gibts dieses Problem nicht!

 
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