21.05.2013 06:58 Merkliste 0

Wie Sprachförderung anderswo funktioniert

23.09.2012 | 18:12 |   (Die Presse)

So werden Migranten gefördert: Von persönlich zugeschnittenen Programmen in Kanada über integrativen Unterricht in England bis zum Recht auf erstsprachlichen Unterricht in Schweden.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Wer vor dem Schuleintritt nicht gut genug Deutsch spricht, soll nicht eingeschult werden. Das forderte vergangene Woche Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP). Er will, dass Kinder mit unzureichenden Deutschkenntnissen in eigenen Vorschulklassen zusammengelegt werden. Die Reaktionen reichen von Zustimmung bis zu klaren Absagen an vermutete „Ghettoklassen“. „Die Presse“ richtet den Blick auf andere Länder – und hat sich angesehen, wie Sprachförderung für Kinder mit Migrationshintergrund anderswo (nicht) funktioniert.

Niederlande: Sprach- und Sozialtest für Sechsjährige

In den Niederlanden müssen Kinder im Alter von sechs Jahren an fast allen Schulen einen Sprachtest absolvieren, auch ihre sozialen Fähigkeiten werden abgeprüft. Wer Schwächen hat, muss in ein Förderprogramm mit eigens ausgebildeten Lehrkräften.

Da der Übergang vom Kindergarten in die Schule in den Niederlanden aufgrund der Schulautonomie meist fließend ist, setzt man schon früher an: Bereits für die Jüngsten wurden spezielle Lehrprogramme entwickelt. Aber nicht alle Niederländer sind mit dieser intensiven Förderung zufrieden: So mancher ist der Meinung, dass der Staat in jene öffentlichen Schulen, die einen hohen Migrantenanteil aufweisen, zu viele Mittel steckt. htz

England: Integrativer Unterricht mit Sprachlehrern

In Großbritannien hat sich die Zahl der Schüler, deren Erstsprache nicht Englisch ist, seit 1997 auf über eine Million verdoppelt – mit großen regionalen Unterschieden: In einigen Bezirken in Ostlondon haben 70 Prozent Migrationshintergrund und sprechen insgesamt mehr als 300 verschiedene Sprachen. Bildung ist in Großbritannien Ländersache: In England, wo jedes 6. Grundschulkind Englisch zusätzlich lernen muss (in den übrigen Landesteilen sind es deutlich weniger), setzt die Regierung auf Integration. Grundschüler werden unabhängig von ihren Kenntnissen gemeinsam unterrichtet. Dafür gibt es in vielen Klassen einen zusätzlichen Sprachlehrer, der oft selbst eine andere Muttersprache hat.

Doch die Sprachförderung beginnt lange bevor die Kinder im September nach ihrem 4. Geburtstag in die „Reception“ eingeschult werden, einer Art Pflicht-Vorschulklasse. Wie genau Sprachförderung gestaltet wird, bleibt den einzelnen Grundschulen überlassen, die in England ihre eigenen Etats verwalten und selbstständig Lehrkräfte einstellen. jk

Frankreich: Verschiedene Sonderklassen

Jährlich treten in Frankreich mehr als 35.000 Kinder ins Schulalter ein, die nicht Französisch als Erstsprache haben. Ihr Anteil an der Gesamtzahl der Schulkinder macht somit gerade einmal 0,4 Prozent aus. Nach einem Test der Französisch-Kenntnisse werden neu ankommende Kinder und Jugendliche ihrem Sprachniveau entsprechend eingeschult. Für Schüler, die überhaupt nicht französisch sprechen, existieren verschiedene Formen von Sonderklassen – „Classes d'accueil“ (CLA). Der Zweck der CLA ist es, so rasch wie möglich den Eintritt in eine normale Klasse der Mittelstufe (Collège) zu ermöglichen. Für Schüler, die nicht zu Beginn, sondern erst im Verlauf des Schuljahrs ankommen, ist außerdem ein zusätzliches Aufnahmesystem, die „Classe d'initiation“, vorgesehen.

Insgesamt kommen laut Erziehungsministerium 78,7 Prozent der Kinder, deren Erstsprache nicht Französisch ist, in den Genuss spezieller Sprachkurse – sei es in speziellen Klassen oder durch punktuelle Unterstützung. In der gemeinsamen Mittelstufe und in den Berufsmittelschulen werden 91 Prozent der Nicht-Frankofonen beim Erlernen der französischen Sprache unterstützt. Die Schule zählt in Frankreich zu den wichtigsten Integrationsinstrumenten der Republik. r.b.

Deutschland: Die „Kita“ als zentrale Förderstätte

Als die deutschen Schüler bei der PISA-Studie 2001 nur im unteren Mittelfeld landeten, war eine der Ableitungen, dass Kinder mit Migrationshintergrund gut Deutsch lernen müssen, um die gleichen Startchancen zu haben. Dabei war der Ansatz, dass Defizite schon im Kindergarten, der „Kita“, erkannt werden müssten. Also führten fast alle Bundesländer obligate Sprachtests vor dem letzten „Kita“-Jahr ein. Nicht alle werden erfasst, denn eine Pflicht zum Kindergartenbesuch ist durch das Grundgesetz ausgeschlossen. Immerhin 15 Prozent der Migrantenkinder zwischen drei und fünf Jahren bleiben zuhause. Wer eine „Kita“ besucht und beim Kurs schlecht abschneidet, wird gezielt gefördert. Evaluierungen zeigten allerdings, dass die Extrastunden Deutsch fast nichts bringen. Nun gibt es Bestrebungen, die Förderung auszudehnen; idealerweise sollte sie schon im Alter von drei Jahren starten. gau

Schweden: Recht auf erstsprachlichen Unterricht

In Schweden geht ein Großteil der Kinder bereits ab dem zweiten Lebensjahr in den Kindergarten. Für jene, die ein geringes Einkommen haben, ist er gratis. So können Kinder, die den Kindergarten besuchen, beim Schulbeginn zumeist ausreichend Schwedisch. Ist dem nicht so, besuchen sie so lange eine Vorbereitungsklasse, bis sie sich im Regelunterricht zurechtfinden. Ab diesem Moment werden sie in allen Fächern gemeinsam mit dem anderen Kindern unterrichtet. Mit einer wichtigen Ausnahme: Statt „Schwedisch“ belegen sie „Schwedisch als Zweitsprache“ – mit eigens ausgebildeten Lehrern. Zusätzlich haben alle Kinder mit einer anderen Erstsprache als Schwedisch das Recht auf Unterricht in ihrer Sprache. thea

Kanada: Persönliches Förderkonzept für Einzelne

In Kanada verfolgen die einzelnen Provinzen unterschiedliche Modelle. In Toronto, der größten Stadt Kanadas und Hauptstadt der Provinz Ontario, existiert ein im Kindergarten startendes strukturiertes Konzept der Förderung von „Englisch als Zweitsprache“ – das sich bis zur 12. Klasse durchzieht.

Vor dem Schuleintritt findet ein „Reception Center“ statt. Bis zu vier Tage lang werden Kinder, deren Erstsprache nicht Englisch ist, in spielerischen Situationen beobachtet und getestet. Die Ergebnisse werden den Schulen zur Verfügung gestellt, für jeden Schüler wird ein auf ihn zugeschnittenes Förderprogramm entwickelt – das immer wieder durch Tests auf seinen Erfolg überprüft und notfalls korrigiert wird. Basierend auf den ermittelten Sprachniveaus erhalten die Schulen Mittel für die Einstellung von zusätzlichen Lehrern. thea

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

14 Kommentare

England als "Beispiel" für Schulausbildung?

Ich unterrichte (in einem technischen Fachgebiet) an einer englischen Universität. Mindestens 20% der schrifltichen Arbeiten, die ich korrigiere sind von einer sprachlichen "Qualität", die in Österreich (zumindest zu meiner Schulzeit) in der 4. Klasse Gymnasium kaum zu einem "Genügend" gereicht hätte (Fehler auf dem Niveau von "their/there", oder auch einmal: "satalight" anstelle von "satellite".... - das von in England geboreren "Muttersprachlern").

Großbritannien ist das beste Beispiel dafür, was passiert, wenn man von einem selektiven System (die unseren Gymnasien vergleichbaren "grammar schools") auf ein Gesamtschulsystem (comprehensives) "umsteigt. Dort hat das nämlich zu einer Erhöhung der sozialen Ungleichheit geführt. Bildungsmobilität ist dort deutlich schlechter als vor 20 Jahren.

Eltern, die es sich leisten können, versuchen zeitgerecht, in das Einzugsgebiet einer "guten" staatlichen Schule (es gibt in England offizielle rankings) zu ziehen, noch besser Betuchte schicken ihre Kinder in eine private Schule (Kosten von ca. 10.000 GBP / Jahr aufwärt, im bekannten "Eton" heute rund 30.000).

Wer das Pech hat, in einer "schlechten" Gegend zu wohnen (das betrifft nicht zuletzt Immigranten, aber auch Kinder mit problematischem familiären Hintergrund), muß mit einer "schlechten" Schule vorlieb nehmen, wo das Lehrpersonal eher die Aufgaben von Sozialarbeitern übernimmt.

Gesamtschulen sind in England ein System, das die "Klassengesellschaft" verstärkt hat.

3 1

Gesamtschulen sind in England ein System, das die "Klassengesellschaft" verstärkt hat.

Vielleicht ist das so beabsichtigt!?

Re: Gesamtschulen sind in England ein System, das die "Klassengesellschaft" verstärkt hat.

Die Comprehensives wurden von der Labour Party eingeführt.

Niederlande, UK use.

als Vergleich heranzuziehen hinkt einigermaßen. das sind grossteils Migranten aus den ehemaligen Kolonien, da besteht eine gewisse Verpflichtung nach jahrzehntelanger Ausbeutung. ebenso ist Kanada kein EU-Land. in Österreich haben wir es mit völlig anderen Herkunftsländern zu tun, hier geht es um den Willen zur Integration. eigene Ideen wären von regierungsseite gefragt.

Gast: Lingus
24.09.2012 07:30
3 0

Kein Aufenthaltsrecht ohne Grundfertigkeiten

Die wären:

- Deutsch in Wort und Schrift
- berufliche Ausbildung die hier gebraucht wird

für Kinder dieser Gruppe:
- nach Aufenthalt von 2 Jahren Prüfung der Deutschfertigkeiten, wenn hier keine ausreichenden Fertigkeiten nachgewiesen werden können, erlischt das Aufenthaltsrecht der Familie automatisch (wir wollen ja keine Kinder ihre deren Eltern abschieben).

Die sündhaft teuren Versuche über zig Jahre jemandem etwas beizubringen das der/die nicht will oder kann sind volkswirtschaftlicher Unsinn.

1 1

Re: Kein Aufenthaltsrecht ohne Grundfertigkeiten

bin völlig ihrer Meinung, aber das sollte natürlich auch für "richtige Österreicher" gelten ;)

Antworten Gast: CorneliaG
24.09.2012 08:25
5 0

Re: Kein Aufenthaltsrecht ohne Grundfertigkeiten

Das mit den Deutschkenntnissen muss aber auch für sogenannte "Hochqualifizierte" gelten.

Kenne ich aus meiner eigenen Studienzeit:
ein Prof. mit Sondervertrag, der nur radebrechend Deutsch spricht, aber Putzfrauen müssen die Deutschprüfung A2 haben, sonst verlieren sie das Aufenthaltsrecht.

Antworten Antworten Gast: Lingus
24.09.2012 12:36
1 0

Re: Re: Kein Aufenthaltsrecht ohne Grundfertigkeiten

Da haben Sie grundsätzlich natürlich recht.

In der Forschung, wo die Projektsprache evt englisch ist, halte ich dennoch Ausnahmen für sinnvoll.

Auch wenn der oder die ein entsprechendes Vermögen vorweisen können ( > 1 Mio € oder Garantie eines Unternehmens) und somit klar ist, dass die Allgemeinheit nicht für den Lebensunterhalt blechen muss.

Vorschlag:

Wie wäre es, von Vornherein nur Leute ins Land zu lassen, die ausreichende Sprachkenntnisse nachweisen können?

Die Kosten für das mühsame Anlernen Lernunwilliger übersteigt den volkswirtschaftlichen Nutzen garantiert um ein Vielfaches.

Förderung

Fördern setzt den Willen des zu förderten voraus.

Gast: Ölmann M
23.09.2012 20:53
11 6

Hat eines der angeführten Länder

So viele Analphabeten als Stimmvieh importiert wie Österreich?

Ich denke, wohl nicht.

Österreich ist ein Sonderfall, mit einer überdimensionalen Anzahl an integrationsunwilligen Zuwanderern, die gar nicht interessiert sind, dass ihre Kinder Deutsch lernen.

Ihre kleine Parallelwelt und unsere Sozialleistungen genügen ihnen.

Re: Hat eines der angeführten Länder

Großbritannien, und zwar bewußt, "to rub the Right's nose in diversity" und um Mehrheiten für die Labour Party zu sichern. Offen zugegeben von einem Politiker vor ca einem Jahr. Eine Lösung ist wegen der hohen Geburtenraten der Zuwanderer auch nicht in Sicht. Wer nicht genügend Geld für eine Privatschule hat, aber genug für ein Haus in einem besseren Bezirk, in dem die staatlichen Schulen besser sind, zieht dort hin. Somit ist nun die Trennung nach Einkommen viel größer als vor den Schulreformen der Sechzigerjahre.

11 3

Haben wir nicht einfach zu viele Ausländer im Lande ?

Bitte um Eure ehrliche Antwort: das sind Probleme, an denen wir nicht Schuld sind, oder ? Also ich würde mich als Auswanderer z.B. in den USA sehr wohl um die Englisch-Kenntnisse meiner Kinder kümmern und nicht von den USA erwarten, dass sie es tun...

Antworten Gast: bärig
24.09.2012 17:27
4 0

Re: Haben wir nicht einfach zu viele Ausländer im Lande ?

Vor allem die Industrie hat vor vielen Jahren darauf gedrängt, dass einfache Arbeiter ins Land kommen, um hier zu arbeiten. Damit diese Arbeiter auch erhalten blieben, wurde von Unternehmerseite Familiennachzug gefordert! D.h.: Frauen und Kinder waren herzlich willkommen!
Das Problem ist heute, dass die Kinder der "Gastarbeiter"- oft schon die dritte Generation- zu wenig Bildungsförderung abbekommen hat! Die Eltern konnten sie ihnen nicht geben, weil sie selbst bildungsfern waren, die Unternehmen und Konzerne haben sich nicht darum gekümmert! Der Staat sollte das übernehmen- von unserem Steuergeld!
Jetzt jammern die Unternehmen, weil sie keine geeigneten Facharbeiter haben! Das haben sie selbst verschuldet.

Schlagzeilen Bildung