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Neue Studie: Zweifel an Qualität der Schulnoten

27.09.2012 | 18:26 |  JULIA NEUHAUSER (Die Presse)

Jeder fünfte Schüler mit sehr schlechten Lesefertigkeiten bekommt eine (zu) gute Deutschnote. Kinder aus Akademikerhaushalten haben bei gleicher Leistung eine doppelt so hohe Chance, ein „Sehr Gut“ zu erhalten.

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Wien. Zumeist stolpern sie beim Lesen und haben große Schwierigkeiten, den Sinn des Textes zu erfassen: Die Rede ist von den Risikoschülern. Wer vermutet, dass sie auch jene Schüler sind, die die schlechten Deutschnoten nach Hause bringen, irrt sich. Jeder fünfte Risikoschüler wurde im Jahreszeugnis mit einem Sehr Gut bzw. einem Gut benotet. Das zeigt die am Donnerstag präsentierte Detailauswertung zum Wiener Lesetest.

Insgesamt zählen 21 Prozent der Schüler in der vierten Klasse Volksschule zur Gruppe der Risikoschüler. In der vierten Klasse Hauptschule bzw. Gymnasium trifft das auf jeden vierten Schüler zu. Trotz großer Leseschwäche haben drei Prozent der Risikoschüler in der Volksschule ein Sehr Gut im Zeugnis. Weitere 17 Prozent können sich immerhin noch über ein Gut freuen. 41 Prozent der Risikoschüler wurden mit Befriedigend und 37 Prozent mit einem Genügend benotet. Lediglich rund ein Prozent der schlechten Leser erhielt ein Nicht Genügend.

Zu diesem Ergebnis kommt das Bundesinstitut für Bildungsforschung (BIFIE). Ein Teil dieser Risikoschüler zählt zur „besonders gefährdeten“ Gruppe. Ihnen fällt es ob ihrer geringen Lesekompetenzen etwa sogar schwer, einen Fahrschein am Automaten zu kaufen. Und selbst in dieser Gruppe wurde jeder zehnte Schüler mit einem Sehr Gut oder Gut beurteilt. Ein Drittel wurde mit einem Befriedigend bewertet. Nur etwas mehr als die Hälfte der „besonders gefährdeten“ Schüler hatte ein Genügend bzw. Nicht Genügend im Zeugnis stehen.

Stadtschulrat fordert „Notenwahrheit“


Insgesamt zeigt sich, dass in rund zwölf von 100 Klassen mehr als 40 Prozent der Beurteilungen als „auffällig“ einzustufen sind. Dabei sind die Benotungen der Schüler häufig besser, vereinzelt aber auch schlechter, als angesichts der Lesefertigkeiten anzunehmen wäre. Dass Leseleistung und Deutschnote derart eklatant divergieren, hat mehrere Gründe – wenn auch nicht alle plausibel sind. Ein nachvollziehbarer Grund ist die Zusammensetzung der Deutschnote.

Bei der Benotung sind abgesehen von der Leseleistung auch viele andere Aspekte zu berücksichtigen. Nicht umsonst trägt das Fach in der Volksschule auch den Namen „Deutsch, Lesen und Schreiben“. Im Stadtschulrat wird außerdem vermutet, dass der Druck der Eltern eine Rolle spielt. Immer öfter würden Eltern versuchen, die Zeugnisnoten ihrer Kinder zu beeinflussen. So solle dem Kind nach dem Ende der Volksschule der Weg in die Lieblingsschule geebnet werden. Der Stadtschulrat appelliert an die Pädagogen: Es brauche „Notenwahrheit“. Lehrer sollten die Unterschiede zwischen dem Testergebnis und der Beurteilung hinterfragen, sagt Rupert Corazza, Leseexperte des Wiener Stadtschulrats.

Dass Noten nicht immer fair sind, zeigen auch Detailergebnisse der internationalen Bildungsvergleichsstudie Pirls. Demnach haben Kinder aus Akademikerhaushalten bei gleicher Lesekompetenz eine doppelt so hohe Chance, ein Sehr Gut zu erhalten, wie Kinder von Lehrlingen oder Pflichtschulabsolventen. Die wissenschaftliche Erklärung dafür: Lehrer würden Kindern aus besseren sozialen Schichten vielfach ein höheres Leistungsvermögen zumuten. Zumeist passiere das unbewusst. Außerdem würden Eltern mit höherer Bildung oftmals auf bessere Noten drängen. Doch auch wenn Akademikerkinder und jene aus weniger gebildeten Haushalten dieselben Noten erhalten, unterscheiden sich ihre Bildungswege häufig.

Hat ein Akademikerkind ein Sehr Gut in Mathematik und Deutsch, so wird dieses mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent in ein Gymnasium wechseln. Bei gleichen Voraussetzungen liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind aus einem weniger gebildeten Haushalt in die AHS wechselt, bei nur 50 Prozent.
Angesichts dessen ist es wenig verwunderlich, dass sich die Leseleistungen auch je nach Schultyp unterscheiden. Betrachtet man die achte Schulstufe, zeigt sich, dass die meisten schlechten Leser eine Neue Mittelschule bzw. eine Hauptschule besuchen. In diesen Schulformen zählt fast die Hälfte der Schüler zu den Risikoschülern im Bereich Lesen. Anders im Gymnasium: Dort sind „nur“ fünf Prozent Risikoschüler. Die Gruppe der besonders guten Leser ist mit 61 Prozent hingegen besonders groß.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2012)

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77 Kommentare
 
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Gast: Die Wahrheit macht frei
30.09.2012 19:06
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Ich finde es einfach toll, mit welcher Konsequenz

in Österreich Volksverblödung betrieben wird....

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Wie sieht es aus mit der Qualifikation der Bildungspolitikerinnen -

Ausbildung, Berufserfahrung, eventuell sogar Kinder?

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Justament !

"Hat ein Akademikerkind ein Sehr Gut in Mathematik und Deutsch, so wird dieses mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent in ein Gymnasium wechseln."

Von 100 Akademikerfamilien, deren Viertklassler ein sehr gutes Abgangszeugnis haben, schicken also 20 ihre Sprösslinge in die Hauptschule. Soso.

"Bei gleichen Voraussetzungen liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind aus einem weniger gebildeten Haushalt in die AHS wechselt, bei nur 50 Prozent."

Von 100 Familien ohne Studienabschlüsse (also vom Hilfsarbeiter bis zur Primaballerina, vom Friseurgehilfen über den Brandmeister bis zum Chefredakteur, von Didi Maschetitz bis Michael Haneke) schicken 50 ihre Kinder trotz AHS-Reife und sehr guten Zeugnisnoten gleichfalls überall hin - nur nicht aufs Gymnasium.

Sehr verdienstvoll. Irgendwer muss ja die schönen runden Prozentzahlen liefern helfen, die für den Plakatwert der SPÖ-Studien gebraucht werden.

hm ...


Wenn der Stadtschulrat Notenwahrheit fordert, dann läuft er offene Türen ein.

Ist er es nicht selbst, der aggressiv mobbenden Eltern den Rücken stärkt, wenn ihre kleinen "Genies" nicht als solche erkannt werden? Der über Schulaufsicht und Schulleitungen Lehrer solange unter Druck setzt, bis sie nachgeben und von einer ehrlichen Beurteilung Abstand nehmen?

Gast: dirge
29.09.2012 20:09
2 0

keine neuigkeiten mehr von der nms

läuft da was aus dem ruder?

so what?

auch unsere schulnoten haben vor jahrzehnten nicht alles ausgesagt, mit einem lehrerwechsel im gleichen fach war man plötzlich 2 bis 3 noten besser oder schlechter, so ein schmarrn.

nach einem zeugnis wurde ich aber 20 jahre lang nicht mehr gefragt.

Re: so what?

Interessant. Bei mir wollte man bis jetzt bei jedem Vorstellungsgespräch das Maturazeugnis sehen. Und natürlich sämtliche Dienstzeugnisse aller Arbeitsstellen von der Matura bis jetzt.

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Re: Re: so what?

Man sieht Ihnen die (Aus)Bildung wahrscheinlich nicht an.

Re: Re: Re: so what?

;). Ich bin mir jetzt nicht sicher, ob das ein Kompliment, oder eine Beleidigung sein soll.

Aber da ich ein optimistischer Mensch bin, gehe ich von einem Kompliment aus: ich sehe tatsächlich jünger aus, als ich bin ;).

Gast: Goiserer H
28.09.2012 23:27
2 0

3 Aspekte

Der Stadtschulrat appelliert natürlich NICHT an „Notenwahrheit“ - insbesondere in Wien sollen alle durchkommen!
HauptschülerInnen werden die GymnasiastInnen in der NMS hinuterziehen. Es fehlt das Studienergebnis, dass Mädchen generell besser bewertet werden.


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Sinnlose Studie Nr. 138

Meine Güte, jede Beurteilung kann angezweifelt werden. Jede Haltungsnote eines Sprungrichters, jedes Gutachten eines Sachverständigen, jedes Urteil eines Richters. Und trotzdem wird man ohne Beurteilung nicht auskommen. Dass man mit den Studien des BIFIE die AHS kaputtmachen will, ist ja wirklich nichts Neues.

In diesem Sinne muntere ich meine Schüler immer mit den Worten auf: Meine Benotung ist hart, dafür ungerecht.

Gast: bura
28.09.2012 18:34
3 0

Status

Ein Mosaikstein, die zur flexiblen Beurteilung führt, ist auch der Status der Lehrer. Ein Vertragslehrer, der sich jedes Jahr neu bewerben muss, kann sich nicht mehrere Berufungen leisten. Ein Beamter, wie es z.B. ein Richter ist, hat einen festeren Stand.

Gast: Der von der Eselsbank
28.09.2012 17:17
1 1

Schulnoten und Objektivität schließen sich gegenseitig aus.

Hat jemals eine Untersuchung über die Objektivität der Schulnoten ein anderes Ergebnis als das der Willkürlichkeit erbracht?

Re: Schulnoten und Objektivität schließen sich gegenseitig aus.


Drum kommst du ja auch von der Eselsbank. Weil Leistungen für dich nicht existieren, weil jeder, der etwas arbeitet, ein Loser ist.
Du sollstest dich beim Stadtschulrat bewerben. Dort sucht man faule Säcke, um künftig zu unterrichten. Vorbilder wie du sind schließlich gefragt.

Antworten Antworten Gast: Der von der Eselsbank
29.09.2012 23:40
0 0

Re: Re: Schulnoten und Objektivität schließen sich gegenseitig aus.

Danke für das gute Beispiel.
In der Schule reicht schon der falsche Name und schon hat der Schüler verloren.

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Der Notar des Ortes

wies eine befreundete Volksschullehrerin auf ihrer telefonischen Privatnummer darauf hin, dass er eine Menge von Bekannten und Beziehungen hätte, (was auch immer zu tun, ließ er offen) würde sein Söhnchen nicht lauter Einser fürs Gymnasium bekommen. Ich bot ihr an, ihn selbst anzurufen und ihn zu fragen, ob er es denn aushalten würde, in der Zeitung als Nötiger und Erpresser aufzuscheinen. Meine Freundin hatte aber panische Angst davor.
So läuft das heute.

Antworten Gast: DeinPersonalvertreter
28.09.2012 17:36
2 0

Re: Der Notar des Ortes

Es ist nicht unbedingt ein Fall für die Zeitung, sehr wohl aber hat sie Anzeige zu erstatten (Direktion, Staatsanwaltschaft), wenn sie nicht dauerhaft unter solchen Erpressungen leiden will...

Gast: steirerbluat
28.09.2012 12:38
13 0

Genau!

Und weil im Gymnasium nur 5% Risikoschüler, dafür aber 61% gute Leser sind, schaffen wir das Gymnasium ab, damit endlich alle Österreicher gleich schlecht sind.

So wird das vom Ministerium und den sogenannten "Experten" ja anscheinend gewünscht.

Ob die Eltern das auch so (fortschrittlich) sehen, sei dahingestellt.

Antworten Gast: VVH
28.09.2012 19:59
0 0

Themaverfehlung.

Es geht um den Skandal, dass in allen Schulen bestimmte, lernschwache Kinder dennoch gute Noten bekommen. Weil der Herr Papa einen Dr. hat. Das kommt auch im Gym vor...

Natürlich

kommt in dieser SPÖ-Studie nicht vor, dass es sich bei den weiblichen Schülern genauso verhält, wie es sich beim Aufnahmetest für´s Medizinstudium herausgestellt hat. Mädchen werden bei gleicher Leistung systematisch besser als Buben benotet.

Antworten Gast: Zenzine
28.09.2012 21:00
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Re: Natürlich

Spannend, ich habe genau die gegenteilige Erfahrung gemacht, vor allem in naturwissenschaftlichen Fächern.
Weil: "Mädchen können das eh ned und es interessiert sie auch ned."

Dazu muss man aber auch sagen, dass ich Ende der 1980er in die Oberstufe gegangen bin. Jetzt mag das ja vielleicht anders sein.

Re: Re: Natürlich

Ich gehe immer noch in die Schule und sehe das wie Sie.

Die Burschen in meiner alten AHS und derzeitigen HTL waren nicht wirklich ehrgeizig und deshalb haben sie fast nie mitgearbeitet oder aufgepasst. Im Gegenteil, sie wollten "cool" sein und nicht lernen müssen und im Unterricht Blödsinn machen.
Die Mädchen hingegen wollten fast immer gute Noten haben und haben sich deshalb auch mehr angestrengt. Mehr mitgearbeitet, Hausaufgaben gemacht, im Unterricht aufgepasst und vor Tests mehr gelernt.
Und in der Schule ist es nun mal so, dass die Mitarbeit meistens mindestens 50% der Gesamtnote ausmacht, deshalb finde ich die Benoting völlig okay.

Aber das sind natürlich nur meine Beobachtungen aus meinen Klassen.

Gast: dsf
28.09.2012 11:38
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schule abschaffem?

es giebt auhc sehr ervolgreiche alternative ausbuildungs, formen die die politikers mehr beachten tun solten.

Re: schule abschaffem?

und dann so rechtschreiben wie sie - nein danke!

Gast: :josef
28.09.2012 11:09
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Wozu diese Aufregung

Nachdem die Förderungen in der NMS ja viel besser sind als in den Gymnasien, ist es sinnvoll, dass Schüler mit weniger guten Kenntnissen dorthingehen. Wozu also diese Aufregung? Der ständige Kampf gegen die Gymnasien ist wirklich sinnlos. Wenn man für schwache Schüler optimale Bedingungen will, muss man die NMS verändern. Zuerst müsste ein Verhaltenskatalog erarbeitet und umgesetzt werden. Erst dann ist Unterricht möglich und dann sind die Ergebnisse besser. Das Hauptproblem ist der fehlende Arbeitswille der Schüler.

 
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