Wien. Zumeist stolpern sie beim Lesen und haben große Schwierigkeiten, den Sinn des Textes zu erfassen: Die Rede ist von den Risikoschülern. Wer vermutet, dass sie auch jene Schüler sind, die die schlechten Deutschnoten nach Hause bringen, irrt sich. Jeder fünfte Risikoschüler wurde im Jahreszeugnis mit einem Sehr Gut bzw. einem Gut benotet. Das zeigt die am Donnerstag präsentierte Detailauswertung zum Wiener Lesetest.
Insgesamt zählen 21 Prozent der Schüler in der vierten Klasse Volksschule zur Gruppe der Risikoschüler. In der vierten Klasse Hauptschule bzw. Gymnasium trifft das auf jeden vierten Schüler zu. Trotz großer Leseschwäche haben drei Prozent der Risikoschüler in der Volksschule ein Sehr Gut im Zeugnis. Weitere 17 Prozent können sich immerhin noch über ein Gut freuen. 41 Prozent der Risikoschüler wurden mit Befriedigend und 37 Prozent mit einem Genügend benotet. Lediglich rund ein Prozent der schlechten Leser erhielt ein Nicht Genügend.
Zu diesem Ergebnis kommt das Bundesinstitut für Bildungsforschung (BIFIE). Ein Teil dieser Risikoschüler zählt zur „besonders gefährdeten“ Gruppe. Ihnen fällt es ob ihrer geringen Lesekompetenzen etwa sogar schwer, einen Fahrschein am Automaten zu kaufen. Und selbst in dieser Gruppe wurde jeder zehnte Schüler mit einem Sehr Gut oder Gut beurteilt. Ein Drittel wurde mit einem Befriedigend bewertet. Nur etwas mehr als die Hälfte der „besonders gefährdeten“ Schüler hatte ein Genügend bzw. Nicht Genügend im Zeugnis stehen.
Stadtschulrat fordert „Notenwahrheit“
Insgesamt zeigt sich, dass in rund zwölf von 100 Klassen mehr als 40 Prozent der Beurteilungen als „auffällig“ einzustufen sind. Dabei sind die Benotungen der Schüler häufig besser, vereinzelt aber auch schlechter, als angesichts der Lesefertigkeiten anzunehmen wäre. Dass Leseleistung und Deutschnote derart eklatant divergieren, hat mehrere Gründe – wenn auch nicht alle plausibel sind. Ein nachvollziehbarer Grund ist die Zusammensetzung der Deutschnote.
Bei der Benotung sind abgesehen von der Leseleistung auch viele andere Aspekte zu berücksichtigen. Nicht umsonst trägt das Fach in der Volksschule auch den Namen „Deutsch, Lesen und Schreiben“. Im Stadtschulrat wird außerdem vermutet, dass der Druck der Eltern eine Rolle spielt. Immer öfter würden Eltern versuchen, die Zeugnisnoten ihrer Kinder zu beeinflussen. So solle dem Kind nach dem Ende der Volksschule der Weg in die Lieblingsschule geebnet werden. Der Stadtschulrat appelliert an die Pädagogen: Es brauche „Notenwahrheit“. Lehrer sollten die Unterschiede zwischen dem Testergebnis und der Beurteilung hinterfragen, sagt Rupert Corazza, Leseexperte des Wiener Stadtschulrats.
Dass Noten nicht immer fair sind, zeigen auch Detailergebnisse der internationalen Bildungsvergleichsstudie Pirls. Demnach haben Kinder aus Akademikerhaushalten bei gleicher Lesekompetenz eine doppelt so hohe Chance, ein Sehr Gut zu erhalten, wie Kinder von Lehrlingen oder Pflichtschulabsolventen. Die wissenschaftliche Erklärung dafür: Lehrer würden Kindern aus besseren sozialen Schichten vielfach ein höheres Leistungsvermögen zumuten. Zumeist passiere das unbewusst. Außerdem würden Eltern mit höherer Bildung oftmals auf bessere Noten drängen. Doch auch wenn Akademikerkinder und jene aus weniger gebildeten Haushalten dieselben Noten erhalten, unterscheiden sich ihre Bildungswege häufig.
Hat ein Akademikerkind ein Sehr Gut in Mathematik und Deutsch, so wird dieses mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent in ein Gymnasium wechseln. Bei gleichen Voraussetzungen liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind aus einem weniger gebildeten Haushalt in die AHS wechselt, bei nur 50 Prozent.
Angesichts dessen ist es wenig verwunderlich, dass sich die Leseleistungen auch je nach Schultyp unterscheiden. Betrachtet man die achte Schulstufe, zeigt sich, dass die meisten schlechten Leser eine Neue Mittelschule bzw. eine Hauptschule besuchen. In diesen Schulformen zählt fast die Hälfte der Schüler zu den Risikoschülern im Bereich Lesen. Anders im Gymnasium: Dort sind „nur“ fünf Prozent Risikoschüler. Die Gruppe der besonders guten Leser ist mit 61 Prozent hingegen besonders groß.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2012)
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