Gegen die Übermacht von synthetischen Neonshirts und Hormonausschüttung kann sich die frische Herbstluft nicht durchsetzen: Der Geruch von 23 pubertierenden Schülern hat in der letzten Stunde auch das hinterste Eck des Klassenzimmers besetzt. Die Lehrer an der Polytechnischen Schule Wintzingerodestraße haben sich wohl schon daran gewöhnt, denn sie unterrichten ausschließlich die neunte Schulstufe. Die Kinder sind 14, maximal 15 Jahre alt und verbringen in dem grobschlächtigen Sechzigerjahrebau in Wien Donaustadt nur ein einziges Schuljahr. In den meisten Fällen ist es ihr letztes. Das Jahr, in dem sie lernen, dass sie das unterste Glied der Bildungskette sind.
Die Jugendlichen wirken deplaciert in ihrer kindlich dekorierten Klasse. An den Fenstern Halloween-Dekoration. An der Wand ein Baum aus Karton, dessen Blätter Nettigkeiten tragen: Höflichkeit, Ehrlichkeit, sich vertragen. Lehrerin Angela Reichl spricht in dieser letzten Stunde des Tages über Restaurants. „Der Kellner ist der, der das Essen bringt. Der, der das Essen macht, ist der Koch. Das kannst du in einer Doppellehre lernen.“ Sie seufzt. Ein Mädchen aus dem Vorjahr habe es geschafft, eine Lehre in einer Bank zu machen, erzählt sie und wartet auf ehrfürchtige Blicke, die nicht kommen. „Glauben Sie, ich könnte in eine HAK gehen?“, fragt eine Schülerin, provokant Kaugummi kauend. „Ja“, sagt die Lehrerin. Wenn sie sich anstrengen würde, könnte sie alles schaffen. Die Floskel wird mit wenig Überzeugung vorgebracht. Jedes Jahr versuchen nur zwei, drei Schüler einer Klasse den Wechsel an eine weiterführende Schule.
„Strickfehler im System“
Die polytechnischen Schulen gelten in Österreich als Problemschulen. Seit sie 1962 eingeführt wurden, stehen sie in der Kritik. Sie sind ein einjähriger Lückenfüller zwischen dem Ende der Hauptschule und dem Ende der Schulpflicht. Für alle anderen Schulen ist ein positives Hauptschulzeugnis vonnöten, das „Poly“ muss auch die schlechtesten Schüler aufnehmen. Zahlreichen Kritikern gilt dies als verlorenes Jahr: Der grüne Bildungssprecher Harald Walser etwa warnt vor der Gefahr, dass die polytechnische Schule zur „Sackgasse“, wird, ÖVP-Bildungssprecher Werner Amon spricht von „Poly-Flüchtlingen“ in anderen Schulen. Auch die OECD empfiehlt dringend Reformen. SPÖ-Landeshauptfrau Gabi Burgstaller wiederum will die Handelsschulen abschaffen. Viele Jugendliche würden dort nur auf das Ende der Schulpflicht warten – ein Vorwurf, der auch dem Poly gemacht wird. Für Vorarlbergs ÖVP-Schullandesrat Siegi Stemer ist das neunte Schuljahr insgesamt ein „kleiner Strickfehler im System“.
Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) verhandelt derzeit die „Reform und Aufwertung der neunten Schulstufe“, heißt es. Einzelheiten will das Unterrichtsministerium nicht bekannt geben. Doch auch vor knapp zwei Jahren schon versprach Schmied baldige Ergebnisse für eine „Reform und Aufwertung“ des neunten Jahres. Fazit: Zufrieden ist eigentlich niemand. Doch ernst zu nehmende Lösungsvorschläge gibt es bisher auch nicht.
Für die Zukunft der Kinder in der Wintzingerodestraße spielen diese Diskussionen keine Rolle, sie kämpfen auf anderem Terrain: „Ihr habt keine Ahnung, wie bös es da draußen ist“, erklärt Angela Reichl im Fach „Berufskunde“. „Wenn ihr arbeitet, könnt ihr nicht verschlafen, da müsst ihr pünktlich kommen.“ Das Mädchen mit dem Kaugummi winkt ab: „Ich will eh nicht arbeiten gehen.“ Sie solle sich ordentlich hinsetzen, sagt Reichl, langsam etwas verärgert, und schaltet den Overhead ein. „Nicht schreiben“, meckern die Schüler, die meisten von ihnen nehmen dennoch brav die Stifte zur Hand und notieren eine Liste von Lehrberufen.
Arzt ist kein Lehrberuf
Erklären muss Reichl freilich auch, was nicht darunter fällt: Arzt etwa, oder Lehrerin. Dinge, die viele Volksschüler schon wissen, werden in einige Hefte eingetragen. Dabei handelt es sich hier um das Projekt „Fachmittelschule“: Die Kinder, die in diesen Klassen sitzen, haben alle ein positives Hauptschulzeugnis, damit ist das Niveau etwas höher als in einer durchschnittlichen Poly-Klasse.
Im Jahr 2012 ist die Schülerzahl zwar insgesamt um 0,8 Prozent zurückgegangen, doch niemand hatte so hohe Verluste wie das Poly: Es kommt nur noch auf 16.500 Schüler, das ist ein Minus von 8,9 Prozent innerhalb eines Jahres. Dabei haben die Einrichtungen ein interessantes Konzept: Neben den Hauptfächern Deutsch, Mathematik und Englisch wird eine Fachorientierung angeboten. Schüler können zwischen Bereichen wie Handel/Büro, Dienstleistungen oder Metall/Elektro wählen und bekommen in schuleigenen Werkstätten, Lehrküchen oder Haarstudios erste Eindrücke zu den Berufssparten. Aber: Nicht nur die Schülerzahl geht zurück, sondern auch das Niveau, wie Elisabeth Kiefl erzählt, die Direktorin in der Wintzingerodestraße. Viele Schüler würden das letzte Jahr einfach absitzen. Kern des Unterrichts seien nicht die Inhalte der einzelnen Fächer. Sondern Umgangsformen, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit. „Die Schüler können die Dinge des Alltags wie Grüßen nicht“, sagt Kiefl. In der Berufspraxis würden manche nach der Mittagspause einfach nicht mehr kommen. Das seien die Dinge, an denen sie scheitern würden, ihre Eltern hätten sie ihnen nie beigebracht. „Die Kinder, deren Eltern sich ordentlich um sie kümmern, kommen nicht zu uns. Trotzdem sei die Schule weit besser als ihr Ruf“, so Kiefl. Das bestätigen auch Experten. Die politische Diskussion zur Zukunft des Poly schiebt Kiefl beiseite: „Wir werden abgeschafft, seitdem es uns gibt. Aber: Totgesagte leben länger.“
Dem Mädchen mit dem Kaugummi jedenfalls scheint die Zukunft keine besonders großen Sorgen zu machen. Auf der Rückseite ihres lachsfarbenen T-Shirts steht in Großbuchstaben „Maybe not“.
Polytechnische Schulen stehen als „Restschulen“ in der Kritik, seit es sie gibt. Das Niveau ist niedrig, die Schülerzahl sinkt rapide. Auch Schüler ohne Hauptschulabschluss werden zugelassen. Sie sollen im letzten Jahr der Schulpflicht auf einen Lehrberuf vorbereitet werden. Das Unterrichtsministerium spricht schon seit Jahren von einer Reformierung der neunten Schulstufe. Konkrete Pläne sind jedoch nicht bekannt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2012)
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