Eltern meiden Schulen mit hohem Migrantenanteil

Die Schulwahl verstärkt bereits ab der Volksschule die soziale Spaltung der Gesellschaft. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle deutsche Studie. Ähnliche Tendenzen gibt es auch in Österreich.

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(c) Clemens Fabry

Berlin/Wien. Gerade Eltern aus der Mittelschicht wollen das Beste für ihr Kind – und verschlechtern dadurch bisweilen ungewollt die Bedingungen für Kinder mit Migrationshintergrund. Das Problem: Viele Eltern, die ihren Kindern einen guten Start ermöglichen wollen, schicken sie auf Volksschulen mit einem geringen Ausländeranteil. So lautet das Fazit einer aktuellen Kurzstudie des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR).

In Berlin gehe bereits rund ein Drittel der migrantischen Volksschüler auf Schulen, in denen die meisten Mitschüler ausländischer Herkunft sind, heißt es in der Studie. Sechs von sieben deutschen Schülern besuchen dagegen Schulen mit mehrheitlich deutschstämmigen Kindern. Das sei nur teilweise dadurch zu erklären, dass in bestimmten Bezirken eben mehr Migrantenfamilien leben als in anderen, heißt es in der Studie. Es sei auch die Schulwahl durch die Eltern, die die soziale Spaltung verschärfe. Denn üblicherweise wird die Schule in den meisten deutschen Bundesländern zwar von den Behörden zugewiesen – die Eltern können sich aber darüber hinwegsetzen.

Für die Studie hat der SVR Daten von 108 Berliner Volksschulen und den entsprechenden Wohnbezirken ausgewertet. Ergebnis: In jeder fünften ist der Ausländeranteil doppelt so hoch wie der unter den Kindern im Bezirk. Sprich: Eigentlich sollten mehr deutsche Schüler diese Schulen besuchen. Umgekehrt ist auch der Anteil deutschstämmiger Kinder in jeder vierten Volksschule höher als er statistisch gesehen sein sollte. Eltern würden Schulen mit hohem Migrantenanteil oft meiden, weil sie diese mit schlechten Lernmöglichkeiten und problematischem Umfeld assoziieren. Und nicht zuletzt, weil ihnen fundierte Informationen über die Qualität von Schulen fehlen.

Für die verbliebenen (Migranten-)kinder bedeute die Segregation schlechtere Lernchancen: Viele von ihnen seien bereits aufgrund ihrer sozialen Herkunft benachteiligt, mangelhafte Deutschkenntnisse der Mitschüler würden den Spracherwerb erschweren.

Tendenz auch in Österreich

Nicht nur in Berlin gibt es das Phänomen, heißt es in der Studie: Die Ergebnisse seien beispielhaft für die Lage in westdeutschen Großstädten. Auf Österreich kann man die Ergebnisse zumindest teilweise umlegen. „In österreichischen Ballungszentren findet man dasselbe Muster wieder“, sagt der Soziologe Kenan Güngör. Zumal die Schulwahl in Städten wie Wien, Graz oder Salzburg (zumindest theoretisch) frei ist, Kinder also nicht automatisch der am nächsten gelegenen Volksschule zugewiesen werden. Detailauswertungen gibt es für Österreich aber nicht.

Erzwingen könne man eine stärkere Durchmischung übrigens nicht, sagt der Migrationsforscher Heinz Fassmann. Vielmehr solle das kompensiert werden, was in den Augen der Eltern der Nachteil der von ihnen gemiedenen Schulen sei: die Lernmöglichkeiten, etwa durch mehr Mittel, bessere Ausstattung oder mehr Lehrer. So könne die Attraktivität der Schulen für die Mittelschicht steigen.

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