Baden/Wien. Der Schock sitzt tief am BG/BRG Baden in der Biondekgasse. Am Donnerstag sprang ein 13-jähriger Schüler aus dem Dachfenster der WC-Anlage im obersten Geschoß der Schule – und fiel 15 bis 20 Meter tief. Wenig später erlag er seinen Verletzungen. Grund für den Sprung, vermutet man, waren seine schlechten schulischen Leistungen. In mehreren Fächern dürfte er eine sogenannte „Frühwarnung“ – also die Mitteilung, dass ein „Nicht genügend“ droht – erhalten haben. Vor dem anstehenden Sprechtag, an dem seine Eltern davon erfahren hätten, wurde der Druck zu groß.
Es ist wohl ein tragischer Einzelfall, der sich in Baden zutrug. Die Selbstmordrate der Zehn- bis 15-Jährigen ist im Vergleich der Altersgruppen gering in Österreich (Details siehe Grafik), auch jene der 15- bis 20-Jährigen. Und doch werfen die Vorkommnisse die Frage auf, wie groß Leistungsdruck und Versagensangst bereits unter ganz jungen Schülern sein mögen. Und die Frage, ob und wie Schüler, wenn ihnen schlechte Noten oder gar die Klassenwiederholung droht, richtig begleitet werden. Denn eines ist klar: Die Angst, den eigenen Eltern das schulische Versagen zu beichten, ist bei den meisten groß. So gibt etwa ein Drittel jener Schüler, die in Niederösterreich die Dienste der schulpsychologischen Beratungsstelle nutzen, Lernschwierigkeiten als Grund an.
Lehrer müssen wachsam sein
Einen „Schuldigen“ gibt es, wenn es zum Schlimmsten kommt, zumeist nicht. Was es aber gibt, sind Wege, von schlechten Noten betroffene Schüler und ihre Eltern zu zu begleiten, bevor die Situation eskaliert. „Schlechte Noten fallen nicht vom Himmel, sondern entstehen am Ende eines Prozesses“, sagt etwa die Bildungspsychologin Christiane Spiel. Deshalb sei Transparenz enorm wichtig: Die Schüler sollten von Schulbeginn an wissen, wie ihre Noten entstehen und was sie für eine positive Beurteilung tun müssen. Ist die Transparenz gegeben, falle es den Schülern zumeist auch leichter, mit schlechten Ergebnissen umzugehen, sagt Spiel.
Den Lehrern kommt auch eine entscheidende Rolle zu, wenn es darum geht, schlechte Nachrichten zu kommunizieren. Sobald sie bemerken, dass Schüler Angst haben, ihren Eltern schlechte Testergebnisse mitzuteilen, sollten sie aktiv darauf reagieren, sagt Evelyn Freudenthaler, stellvertretende Leiterin der Schulpsychologie beim Landesschulrat für Niederösterreich.
Wann aber sollten Lehrer alarmiert sein? Es gebe „Warnsignale“, auf die sie achten könnten, sagt Mathilde Zeman, Chefin der schulpsychologischen Beratungsstelle des Wiener Stadtschulrats. Wenn Eltern etwa bereits bei einem „Befriedigend“ oder bei einem „Genügend“ überreagieren, sollte der Fall genauer beobachtet werden. Ebenso, wenn ein Schüler bereits zum wiederholten Mal durchzufallen droht oder mehreren Kindern aus einer Familie schlechte Noten drohen. Manche Eltern würden in eine regelrechte „Schockreaktion“ verfallen, so Zeman. Auch in diesem Fall solle man weitere Gespräche suchen.
Auch die Eltern sind gefordert
Dann geht es darum, die negativen Leistungen „zu entdramatisieren“ und mit Schülern und Eltern an Lösungen zu arbeiten, sagt Spiel. „Ein Nicht genügend ist unangenehm, darf aber nie zum Lebensdrama werden“, sagt Zeman. So könnten gemeinsam etwa Zeit- und Lernpläne erstellt werden, um den Schülern zu zeigen, dass sie ihre Noten sehr wohl noch verbessern können. Zeman sieht hier auch die Lehrerfortbildung gefordert: „Die Pädagogen müssen lernen und trainieren, kritische Gespräche mit Eltern zu führen.“
In letzter Konsequenz könne dem Schüler auch der Schulpsychologen helfen. Denn: Lehrer seien zwar Pädagogen, aber eben keine Psychologen, sagt Niederösterreichs Landesschulratspräsident Hermann Helm. Er wünscht sich daher mehr Psychologen im direkten Einsatz an den Schulen. Ein „niederschwellliges Angebot“, das die Schüler sicher annehmen würden, sagt auch Freudenthaler.
Auch die Eltern müsse man in die Pflicht nehmen, sind sich die Experten einig. Kommt das Kind mit schlechten Noten nach Hause, helfe auch das Schimpfen nichts mehr. Vielmehr sei es die Aufgabe der Eltern, während des Schuljahres immer präsent und informiert zu sein. Schlechte Noten seien dann keine Überraschung mehr.
Auch Eltern und Lehrern steht übrigens der Gang zum Schulpsychologen offen, wenn sie Unterstützung brauchen. Ob das Angebot von den Pädagogen angenommen wird? „Ja, von manchen“, sagt Zeman. „Dass alle, die Hilfe nötig hätten, diese auch annehmen, bezweifle ich aber.“
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