Brandsteidl: "Wir können Maßnahmen verbessern, aber die Kinder nicht austauschen"

Die Bundespolitik hinke der Schulrealität hinterher, und Staatssekretär Kurz habe seine Ideen von Wien abgeschaut, so Stadtschulratspräsidentin Brandsteidl (SPÖ).

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Susanne Brandsteidl – (c) APA HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)

Die Presse: Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) hat das Wiener Modell – Schüler mit mangelnden Deutschkenntnissen nicht einzuschulen – lange abgelehnt. Hat Schmied die Lage verkannt?

Susanne Brandsteidl: Wir sind in Wien sehr nahe an der Schulrealität. Wir sind da pragmatischer im Umgang mit Problemen.

Hinken die Diskussionen auf Bundesebene der Realität also oftmals hinterher?

Ja. Ich habe das Gefühl, dass meine Rolle eine andere ist als jene der Politiker auf Bundesebene. Meine Aufgabe ist es zu schauen: Was brauchen die Schulen, was brauchen die Schüler, die Eltern, die Lehrer? Daher haben wir schon 2008 unser Fördermodell entwickelt: Die Kinder werden schon im Kindergarten gefördert. Und wenn sie danach noch nicht schulreif sind, auch ein Jahr in der Vorschule.

 

War Ministerin Schmied vorschnell, als sie ein Förderjahr in der Vorschule als „Ghettoklasse“ bezeichnete?

Ich mische mich in diese bundespolitische Diskussion nicht ein. Tatsache ist aber, dass die Ministerin es nun gutgeheißen hat.

 

Beim Thema Sprachförderung schienen Sie in den vergangenen Monaten eher in Staatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) einen Verbündeten zu haben als in der Ministerin.

Integrationsstaatssekretär Kurz hat viele gute Vorschläge gemacht. Viele davon werden in Wien aber ohnehin schon lange praktiziert.

Hat der Staatssekretär also bei Ihnen Anleihen für seine Vorschläge genommen?

Das kann man so sagen.

 

Das Gesetz verbietet es, die Schulreife eines Kindes allein von den Deutschkenntnissen abhängig zu machen. Bewegen Sie sich mit Ihrer Praxis nicht auf rechtlich unsicherem Terrain?

Nein. Denn auch wir machen die Einschulung nicht allein von den Deutschkenntnissen der Kinder abhängig. Sprache ist lediglich ein Mitkriterium für die Schulreife.

 

Das heißt, dass ein Kind, das aus geistiger und motorischer Sicht schulreif ist und kein Wort Deutsch spricht, trotzdem eingeschult wird?

Diese Einzelfälle gibt es. Der Großteil dieser Schüler, die für nicht schulreif erklärt werden, hat aber nicht nur sprachliche Probleme. Es sind Kinder, die absolut nicht gefördert wurden, die noch nie eine Schere gehalten haben und die sich nicht einmal die Hauspatschen anziehen können.

Mit den Vorschulklassen ist das Integrationsproblem in den Schulen aber noch lange nicht gelöst. Die meisten Schüler stoßen im Laufe der Schullaufbahn ins System hinzu.

Das ist richtig. Das wahre Problem sind die Seiteneinsteiger, die mit elf, zwölf Jahren nach Wien kommen und nicht alphabetisiert sind. Da gibt es Kinder, die so Traumatisches erlebt haben, dass sie nicht ruhig auf einem Sessel sitzen können. Für diese Kinder haben wir spezielle Maßnahmen.

 

Die ausreichend sind?

Wenn der Bund hier noch 30 oder 50 Lehrer zur Verfügung stellen würde, würde ich mich freuen. Aber im Wesentlichen sind die Fördermaßnahmen in diesem Bereich ausreichend.

Sie sagen also grundsätzlich: Bei der Sprachförderung funktioniert das Wiener Modell. Das ist absurd. Immerhin zeigen alle Bildungstests – national oder international –, dass die Wiener Schüler besonders schlecht sind.

Erstens haben wir dieses System der Sprachförderung erst seit einigen Jahren. Die Schüler, die getestet wurden, sind also noch gar nicht auf diese Weise gefördert worden. Zweitens: Wir können die Fördermaßnahmen zwar verändern und verschärfen, aber nicht die Kinder austauschen. Wir haben bildungsferne Schichten wie jede Großstadt.

Was wollen Sie tun, damit diese künftig besser abschneiden?

Da hilft gute Vorbereitung auf die Tests. Klar ist aber: Wir werden in Wien immer andere soziale Schichten haben.

 

Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Schüler immer schlechter abschneiden müssen als andere.

Es gibt einen sehr klaren Zusammenhang zwischen dem Schulerfolg mit dem Bildungshintergrund der Eltern, dem sozialen Status und – jedenfalls teilweise – auch dem Migrationshintergrund.

 

Andere Länder zeigen aber, dass man das durchaus entkoppeln kann, Kanada etwa.

Sie entkoppeln den Schulerfolg vom Migrationshintergrund. Aber nicht vom sozialen Status.

 

Hat man als öffentliche Institution Schule nicht die Verantwortung, genau das so minimal wie möglich zu halten?

Das versuchen wir auch. Nicht nur Wien, sondern Österreich insgesamt ist hier nicht sehr erfolgreich. Aber kompensatorische Bildung ist das Ziel.

 

Was tun?

Die Ganztagsschule ist das einzig Richtige. Ich halte es nicht für sinnvoll, dass Kinder, die zu Hause nicht gefördert werden, am Nachmittag zu Hause sind. Sie sollten vielmehr den ganzen Tag in die Schule gehen.

 

Sollen Eltern dabei nicht auch noch wählen dürfen, ob ihre Kinder ganztägig in der Schule sind?

Nein. Ich bin für eine verpflichtende Ganztagsschule für alle. Montag bis Freitag von acht bis 16 Uhr – mit der Betreuungsmöglichkeit bis 18 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2013)

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