Bildungsexpertin Koenne: Jahresarbeitsmodell für Lehrer

Bildungsexpertin Christa Koenne empfiehlt ein Jahresarbeitsmodell für Lehrer, um den Gordischen Knoten in den Verhandlungen zum Lehrerdienstrecht zu lösen.

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Christa Koenne
Christa Koenne – (c) Michaela Bruckberger

Die Presse: Regierung und Gewerkschaft streiten über das Ausmaß der Unterrichtsverpflichtung sowie über die Anwesenheitszeit der Lehrer in der Schule. Wer hat recht?

Christa Koenne: Recht hat hier niemand. Das Ganze ist ein Gordischer Knoten geworden. Und Gordische Knoten kann man nicht dadurch lösen, dass der eine dort anzieht und der andere da. Und aufknüpfen kann man ihn auch nicht.

Wie kann man das Problem lösen?

Wir brauchen eine Lockerungsübung. Die Woche ist der falsche Zeitraum, um Lehrerarbeit zu bestimmen. Das Schuljahr ist so unterschiedlich in seinen Wochen: Da gibt es Skikurse, da sind die Ferien, da sind Schularbeiten und Maturazeiten. Deshalb haben andere Länder die Wochenarbeitszeit längst hinter sich gelassen.

Also was braucht es?

Wir müssen eine Jahresarbeitszeit für Lehrer definieren. Sobald wir von der Jahresarbeitszeit sprechen, wird die Frage, wer in der derzeitigen Diskussion recht hat oder nicht, unwichtig. Es ginge dann endlich darum, wie das Schuljahr zeitlich für die Lehrer und auch für die Schüler anders und sinnvoll gestaltet werden kann.

Bleiben wir bei den Lehrern: Wie könnte ein Ganzjahresarbeitsmodell ausschauen?

Was ich von Schweden weiß, muss man einfach anders an das Thema Arbeitszeit herangehen. Dort haben sie etwa gesagt, dass Schüler ein Recht auf Unterricht haben. Sie haben also etwa das Recht, eine bestimmte Anzahl an Chemiestunden zu erhalten. Das ist ein anderer Zugang, der dazu führt, dass die Wochenarbeitszeit aufgegeben wird. Es muss nicht alles im gleichen Rhythmus gemacht werden. Dadurch entfällt auch so viel Unterricht.

 

Das heißt, dass es nicht jede Woche den gleichen Stundenplan geben soll.

Genau. Heutzutage macht das ja der Computer. Das sollte zu einer Managementaufgabe gemacht werden, die jeder Schulleiter erledigen kann. Die Wochen dürfen dann nicht gleich ausschauen.

Es wird also fachliche Blocks geben?

Ja. Man muss von diesen läppischen Ein-Stunden-Fächern weggehen. So lernt doch sowieso kein Mensch. Das gibt es nur deshalb, weil es früher so eingeführt wurde.

 

Gäbe es dann eigentlich die neun Wochen Sommerferien noch?

Nein. Die neun Wochen Ferien wären anders aufgeteilt. Die Schule in Schweden ist zum Beispiel das ganze Jahr lang bespielt. Da gibt es das ganze Jahr lang etwas, was die Schüler tun können. Die Schüler können im Sommer etwa einmal ein Chemiesymposium besuchen. Bei uns liegt die Schule unentwegt brach.

 

Das heißt, dass sich Lehrer auch flexibler Urlaub nehmen können?

So ist es. Meine schwedischen Lehrerkollegen kommen mich etwa im Mai besuchen. Nicht weil die Schule zu ist, sondern weil sie sich frei genommen haben. Das ist auch für die Gewerkschaft interessant. Es ist für die Lehrer ebenfalls ein Vorteil, wenn sie nicht nur in der teuren Zeit auf Urlaub gehen können. Wann und wie der Lehrer seine Gesamtjahresarbeitszeit erledigt, das ist etwas, das die Schule mit den Lehrern und Schülern ausmachen muss. Dabei braucht die Schule eine gewisse Autonomie.

 

Glauben Sie, dass Sie mit diesem Vorschlag bei der Regierung bzw. bei der Gewerkschaft auf offene Ohren stoßen?

Ich glaube schon. Das ist ja nicht nur meine Idee. Da gibt es bereits viele Erfahrungswerte. Diese Umstellung haben auch schon andere Länder geschafft. Wir müssen bedenken: Je länger wir trödeln, desto mehr Ärger wird erzeugt. Es braucht so bald als möglich einen radikalen Schnitt, ab dem es eine Jahresarbeitszeit gibt.

Zur Person

Die Bildungsexperten Christa Koenne (70) ist an mehreren Universitäten wissenschaftlich tätig und war Mitglied der Vorbereitungsgruppe für die neue Pädagogenausbildung. Früher unterrichtete die mittlerweile pensionierte AHS-Direktorin Mathematik, Chemie
und Physik.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2013)

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