06.09.2010 10:28 | Meine Presse Merkliste0

Dividieren, um die Gesellschaft zu einen

13.01.2008 | 17:57 |  REGINA PÖLL (Die Presse)

Schule anders. Im südindischen Mathur lernen Jugendliche dank eines Salzburger Vereins sogar am Abend. Sie sind oft die Ersten ihrer Familie, die lesen können und Jobs bekommen.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

MATHUR. Die elfjährige Gogila aus dem südindischen Dorf Mathur leistet freiwillig „Überstunden“. Wenn sie sich bewusst macht, dass sie nicht nur in die örtliche Schule gehen darf, sondern anschließend auch zur Lernbetreuung ins nahe „Haus des Lernens“, dann freut sie sich. Schule und Lernen bis in die Abendstunden? Das zaubert ein Lächeln auf das Gesicht des hübschen Mädchens im bunten Sari. Dass Schule unter Jugendlichen „out“ oder „fad“ für sie sein könnte, kann sich Gogila gar nicht vorstellen: Sie ist dankbar, dass sie auch spätabends noch Tamil, Englisch, Mathematik oder Umweltkunde „nachlernen“ darf, wenn sie in ihrer Klasse mit 70 Schülern tagsüber einmal etwas nicht verstanden hat.

Wie oft denn 6 in 999 geht, fragt die Schülerin der sechsten Schulstufe ihre Lehrerin im „Haus des Lernens“. Diese Aufgabe bereitet ihr noch Kopfzerbrechen. Die Antwort: „Du schreibst 999 und schaust, wie oft 6 in der ersten Zahl 9 Platz hat. Nur ein Mal, und es bleibt ein Rest von 3, und so geht es weiter ...“ Wieder und wieder wird geübt, dann fällt die Hausübung leichter. Möglich gemacht hat den Besuch von Gogila und 76 anderen Jugendlichen im Lernzentrum die Salzburger Privatinitiative „Cope“ um Obfrau Christine Sontag, eine Ergotherapeutin und diplomierte Philosophin. Der Verein hat ein Netzwerk bis Spanien geknüpft, in Indien gibt es weitere Leiter des Projekts. Ab 2006 stellte „Cope“ dank privater Spenden vor allem aus Österreich zunächst eine Fachkraft.


Auf dem Boden sitzen

Inzwischen sind es zwei Lehrerinnen, die nach Schulschluss in Mathur die Kinder und Jugendlichen aus den niedrigsten Kasten oder ohne Kaste und aus den ärmsten Familien der Region beim Lernen unterstützen. In Mathur leben nur Hindus. Bedarf nach Hilfe von außen besteht weiter. Auch das – bislang sehr einfache – Lernmaterial wird über den Verein mit Spenden finanziert: Das „Haus des Lernens“ (in Tamil: „Arivaham“) hat ein Klassenzimmer, in dem zwei große Tafeln hängen. Es gibt zwei Lehrerpulte, elektrisches Licht, gutes Trinkwasser und Toiletten. Die Schüler sammeln sich auf dem Boden.

Von 9.20 bis 16.30 Uhr waren die Mädchen und Buben bereits in der örtlichen Panjayat Union Middle School, wo Kinder jeweils von Juni bis April eines Schuljahres die erste bis achte Schulstufe besuchen können. Der Großteil bricht allerdings ohne Abschluss ab, der Rückhalt durch die Familie oder das Geld dafür fehlt. Wer die Schule weiter besuchen möchte, muss ins fünf Kilometer entfernte, nächste Dorf gehen, wo aber höhere Schulgebühren anfallen.

Auch dafür leistet „Cope“ finanzielle Hilfe: entweder für den Besuch der Schule bis zur zwölften Schulstufe oder für eine Berufsausbildung nach der Panjayat-Mittelschule. 25 Jugendliche wurden auf diese Weise bereits Mathematiklehrerin, Rezeptionist, Koch, Elektriker, Krankenschwester, Kindergärtnerin, Textilfachkraft oder Lehrerin. Die hohe Drop-out-Rate unter den Schülern soll sinken, die Jugend eine Berufsperspektive bekommen, so das Ziel des Vereins.

Obfrau Sontag findet: „Schulbildung ist mehr als Lesen und Schreiben lernen.“ Wenn Menschen die Möglichkeit erhalten, die Schule zu besuchen, „dann verändern sie ihre Gesellschaft“. Im Lernzentrum wird daran gearbeitet, dass sich unterschiedliche Kasten besser verstehen. Benachteiligte würden durch Bildung „ermächtigt“, sagt Sontag.

Wer aus der örtlichen Schule ins Arivaham kommt, darf ab 17.15 Uhr zuerst dort spielen, hilft beim Haus reinigen und Pflegen des Gartens. Danach waschen sich die Mädchen und Buben ihre Hände und Füße und besuchen das betreute Lernen, das nach rund zwei Stunden um 20 Uhr endet. Für sie ist es eine neue Art der Bildung: Tagsüber in der Schule mussten sie still sein und viel auswendig lernen. Jetzt dürfen sie Fragen stellen und sich untereinander austauschen. So soll ihr Wissen gefestigt und vertieft werden.


Ausweg aus der Armut

In Mathur, in Tamil Nadu (Südindien) 20 Kilometer von Tiruchirappalli gelegen, können nur sehr wenige lesen und schreiben. Nur drei von 2000 Bewohnern haben eine abgeschlossene Berufsbildung. Die meisten verdingen sich mit Niedrigst-Einkommen als Tagelöhner auf dem Feld oder Bau. Hunger und Gewalt in den Familien sind keine Seltenheit.

In der Schule und im „Haus des Lernens“ sucht der Nachwuchs Auswege: indem er zum Beispiel klassische tamilische Gedichte, die direkte und indirekte Rede im Englischen, die Grundrechenarten oder Näheres über Sauberkeit im Haushalt lernt – so intensiv es eben geht. Auch Geschichte, Geografie und Staatsbürgerkunde sowie Biologie, Chemie und Physik stehen auf dem Programm.

Knapp 20.000 Euro sind bereits ins Arivaham geflossen. „Cope“-Obfrau Sontag verweist auf die nächsten Vorhaben: Das Angebot soll um niederschwellige Berufstrainings für Motorradmechanik, Schneiderei und Computernutzung ergänzt werden. Auch Alphabetisierungskurse für Erwachsene sowie Schulungen in der Gesundheitsvorsorge und Familienplanung sind geplant. Nähere Auskünfte:

www.cope.in, info@cope.in

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2008)

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Artikel kommentieren Kommentar BookmarkBookmarken bei [Was ist das?]

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

1 Kommentare
Gast: Friedrich
14.01.2008 12:45
0 0

unterstützen!

Solche Initiativen sollte man auf jeden Fall unterstützen! Einfach toll!!

Schlagzeilen Bildung