Wien. Raumnot, Wanderklassen, Zweckentfremdung von Sondersälen – es wird eng in manchen Wiener AHS. Und Schuld daran ist Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl mit dem Versprechen, dass jeder Wiener Schüler in seiner Wunschschule aufgenommen wird.
Das finden zumindest Direktorenverbands-Vorstand Johann Brandl, AHS-Elternvereinssprecher Johannes Theiner und die Schüler des Gymnasiums Geringergasse (11. Bezirk), die sich mit einem Hilferuf an die Öffentlichkeit wandten. Raumsituation und Unterricht würden immer schlechter, weil die Schule mehr Kinder aufnehmen müsse, als dort Platz hätten. Ähnliche Beschwerden kamen aus der Boerhaavegasse (3. Bezirk) und dem Akademischen Gymnasium (AKG, 1. Bezirk).
Im Gespräch mit der „Presse“ geht Brandsteidl in die Gegenoffensive – und stellt so manchem AHS-Direktor die Rute ins Fenster. Schließlich hätten jene Schulen, an denen es nun Aufregung gebe, schon früher Platzprobleme gehabt. „Das hat mit der freien Schulwahl nichts zu tun. Das AKG hat 600 Schüler, heuer haben sie 13 Kinder mehr aufgenommen als sonst. Das kann nicht das Problem sein.“ Einige Schulleiter hätten diese Frage bloß zum Aufhänger für Beschwerden genommen; auf diese habe sie auch schon reagiert. Im Fall des AKG wurden die Zeichen- und Werksäle in ein benachbartes Gebäude ausgelagert, in der Geringergasse wurde ein Pausenraum zugemauert und so als Klassenraum nutzbar gemacht.
Direktoren-Sprecher Brandl gibt zu, dass die Lage sich bereits gebessert habe. Außerdem entwickle eine Arbeitsgruppe im Stadtschulrat, in der auch Direktoren- und Elternsprecher vertreten sind, derzeit ein neues Aufnahmeverfahren für das kommende Jahr. Auch Stefan Böck, Direktor der überbelegten AHS Parhamerplatz (Hernals) hofft auf neue Aufnahmekriterien. „In der Form wird es die Wunschschule nicht mehr geben. Das hat mir die Frau Stadtschulratpräsidentin versprochen.“
Rudert Brandsteidl also zurück? „Nein. Wir werden sicher keine Kinder mehr an Schulen verschieben, in die sie nicht wollen“, so die bestimmte Antwort. In den vergangenen Jahren hätten hunderte Kinder zu ihrer Schule pendeln müssen. Damit sei Schluss. Mögliche Ausnahme: Wenn die Arbeitsgruppe ein Modell entwickle, bei dem Schüler nicht quer durch Wien fahren müssten. „Prinzipiell stehe ich auf Seiten der Kinder, die sich ihre Schule aussuchen wollen, nicht auf Seiten der Direktoren.“ Und Brandsteidl legt nach: Jene Direktoren mit zu wenigen Schülern sollten über die Gründe nachdenken, statt auf dem alten Modell, bei dem ihnen Schüler zugewiesen wurden, zu beharren. „Die Schülerzahl ist eine Frage der Qualität!“
Reformresistente Gymnasien
Eine Meinung, die Brandl nicht teilt. „Es kann auch Mundpropaganda mitspielen oder wie gut die Infrastruktur ist. Da sind die Voraussetzungen bei Wiener Schulen sehr unterschiedlich.“ Seitenhieb Brandsteidls: „Die Schülerzahlen der Diefenbachgasse (dort ist Brandl Direktor, Anm.) sind konstant niedrig.“ Unterstützung bekommt Brandl von Elternvereinssprecher Theiner. Er hält die Kriterien, nach denen Eltern sich für eine Schule entscheiden, für „nicht durchschaubar“. Deshalb strebe die Arbeitsgruppe eine Rationalisierung der Schulwahl und bessere Beratung der Eltern an.
Während an den Gymnasien noch heftig diskutiert wird, haben die Kaufmännischen Schulen (HAK) gestern, Donnerstag, eine Neuerung angekündigt: Ab September werden alle Wiener HAK ein mittleres Management einrichten. Dort eingesetzte Lehrer sind weisungsberechtigt und koordinieren Lehrziele in den Fachgruppen oder leiten Projekte zu Schulentwicklung und Qualitätssicherung. Brandsteidl hält das Modell für eins zu eins auf die AHS übertragbar. „Wenn sie sich nicht wehren würden.“
In Wien wurden in diesem Schuljahr erstmals alle Kinder an ihrer Wunsch-AHS auf-genommen auch bei Platznot. Bisher wurden überzählige Schüler an andere AHS geschickt, hunderte Kinder aus Bezirken mit wenigen Schulen mussten täglich durch halb Wien pendeln.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2008)
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