Liessmann: "Permanente Reformiererei ist irritirend"

Der Philosoph kritisiert, dass Lehrer mit Reformideen zugeschüttet werden. Dass Wissensvermittlung wenig Rolle spiele, sei ein Bankrott.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Sie greifen in Ihrem Buch sogenannte Bildungsexperten scharf an. Ist da ein kleines bisschen Selbsterkenntnis dabei? Immerhin melden Sie sich auch ganz gern zu Wort, wenn es um Bildung geht.

Konrad Paul Liessmann: Selbsterkenntnis ist ja immer eine Tugend des Philosophen, seit der Antike. Und ein bisschen Selbstironie ist natürlich auch dabei. Aber diese Experten melden sich mit überzogenen, realitätsfernen Ideen zu Wort, mit wohltönenden, aber hohlen Phrasen. Und sie richten mehr Schaden an, als sie Nutzen bringen.

Verstehen Sie sich selbst eigentlich auch als Experte?

Überhaupt nicht. Als Philosoph ist man ja per Definition kein Experte, sondern „Spezialist für das Allgemeine“. Ich verstehe mich einfach als kritischer Bürger, der aufgrund einer langjährigen Tätigkeit im Bildungssystem den einen oder anderen Einblick gewonnen hat.

Man gewinnt in Ihrem Buch den Eindruck, im Schulsystem könnte alles wunderbar sein – hätte man nicht angefangen, es zu reformieren. Haben Sie da ein verklärtes Bild der Vergangenheit?

Ich habe überhaupt kein verklärtes Bild der Vergangenheit und will auch nicht zurück. Die permanente Reformiererei ist aber irritierend und verunsichernd und oft schlicht kontraproduktiv. Wir brauchen eine Beruhigung. Es ist erschreckend, wie sehr modische Diskurse bestimmen, wie Unterricht gestaltet wird.

 

Manche würden jetzt sagen: „Was ist denn schlecht an ein bisschen Projektunterricht?“

Gar nichts: Ein bisschen wäre wunderbar. Aber es gibt den weisen Satz des alten Aristoteles: Auch das Gute wird zu einem Übel, wenn es im Übermaß passiert. Ich kritisiere, dass ideologisiert und verabsolutiert wird.

 

Genau das tun Sie also nicht.

Ich habe keine pädagogische Heilslehre zu verkünden. Mir geht es nicht um ein Entweder-oder, z.B. Projektunterricht oder Frontalunterricht. Darum geht es den anderen. Ein sinnvolles Wechselspiel: Darauf käme es an. Ähnliches gilt für die Kompetenzorientierung: Diese würde ich sofort zurückfahren und auf ein erträgliches Maß reduzieren.

 

Sie ist Ihnen ja ein besonderer Dorn im Auge. Dass man Wissen ohnehin nachlesen kann, findet nicht Ihre Zustimmung, oder?

Nein. Wer will, dass die Menschen dumm bleiben, suggeriert ihnen, dass sie ohnehin alles wissen können. Wissen hat immer mit Verstehen zu tun. Es ist nach wie vor eine zentrale Aufgabe von Schule, Wissen in diesem Sinn zu vermitteln. Es ist eine bildungspolitische Bankrotterklärung, wenn man sich davor drückt.

 

Wenn jeder vierte 15-Jährige nicht sinnerfassend lesen kann, ist Wissensvermittlung schwierig. Sehen Sie das nicht so?

Natürlich. Aber für dieses Problem gibt es nicht die eine Ursache. Manches wird gern ausgeblendet. Etwa die Bedeutung der Neuen Medien. Oder die Lese- und Schreibdidaktik. Diese ganzen Moden, die die armen Volksschullehrer mitmachen müssen! Dabei weiß man seit der Antike, wie man lesen lernt. Das muss man nicht ständig neu erfinden.

 

Viele Lehrer werden sich jetzt wohl bestätigt fühlen.

Sie sind sicher froh, dass sie einmal nicht mit noch einer Reformidee, noch einem Erlass, noch einer Handreichung zur Kompetenzorientierung, noch einem Fragebogen zugeschüttet werden, sondern in ihrer Tätigkeit ernst genommen werden.

 

Sie kritisieren auch die überhöhten Ansprüche vieler Experten. Was ist schlimm an Ansprüchen?

Mir geht es um diese dumme Superlativrhetorik. „Die weltbeste Schule“: Da stellt es mir alle Haare auf. Aber gerade ich beklage den inhaltlichen Anspruchsverlust in der Schule. Ich beklage zB., dass Maturanten in Deutsch keine Ahnung mehr von Literatur haben müssen, sondern drittklassige Texte „bearbeiten“ sollen, nur weil da irgendetwas von Mensch und Natur drinnensteht und sie damit irgendeine Kompetenz unter Beweis stellen sollen. Grauenhaft!

ZUR PERSON

Konrad Paul Liessmann (61) ist ein österreichischer Philosoph, der an der Universität Wien lehrt. Einer seiner Schwerpunkte ist Bildungsphilosophie und Bildungstheorie. Liessmann wurde in Villach geboren und studierte an der Uni Wien Germanistik, Geschichte und Philosophie. Liessmann wurde für das Jahr 2006 mit dem Titel Wissenschaftler des Jahres ausgezeichnet. Heute, Montag, erscheint sein aktuelles Buch, „Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift“. Zsolnay-Verlag, 190 Seiten, 18,40 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2014)

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