Schulabbruch – und wie es dann weitergeht

Schule. Eine Studie der Wirtschaftsuniversität beschäftigt sich mit Ursachen und Folgen des Schulabbruchs. Dafür wurden Jugendliche fünf Jahre lang begleitet.

Wien. Jährlich brechen in Österreich 53.000 Jugendliche die Schule ab. Insgesamt sind 7,3 Prozent der heute 18- bis 24-Jährigen betroffen. Das ist eine große Zahl und auch eine volkswirtschaftliche Herausforderung – die EU-Kommission spricht von 1,8 Millionen Euro, die ein einzelner Schulabbrecher an Kosten verursacht. Dahinter stehen aber auch Einzelschicksale, deren nähere Betrachtung aufschlussreich sein kann.

Die Abteilung für Bildungswissenschaft der Wirtschaftsuni hat die Lebenswege von 17 Jugendlichen, die einen Schulabbruch hinter sich hatten, fünf Jahre begleitet. So sollten mögliche Motive und Ursachen des Schulabbruchs und die jeweiligen Bewältigungsstrategien sowie die entscheidenden Faktoren für einen gelungenen oder misslungenen Wiedereinstieg erforscht werden. Jeder wurde zumindest fünfmal interviewt.

Am Ende stehen interessante Geschichten, die die vielfältigen Gründe für Schulabbrüche zeigen. Unter den Hauptfaktoren für einen Schulabbruch sind demnach schlechte Noten oft einhergehend mit Schulangst, Mobbing und Probleme innerhalb der Familie. Durch den Abbruch erleben die Jugendlichen oft eine Exklusion vom Arbeitsmarkt, eine Erosion sozialer Beziehungen und Zukunftsängste bis hin zur Resignation.

Kein Fall ist wie der andere. Aber es gibt Gemeinsamkeiten. In der Studie wurden Typen identifiziert. „Die Presse“ zeigt einen Ausschnitt aus sechs Geschichten.

Simon wird in der dritten Klasse des Gymnasiums zum Mädchenschwarm. Er ist cool. In dieser Phase sinken seine schulischen Leistungen, dabei ist er überdurchschnittlich intelligent. Auch die disziplinären Probleme nehmen zu. Die Rebellion gegen das System Schule beginnt.

Die Mitschüler bewundern Simon zuerst dafür. Doch später betrachten sie ihn als Loser. Sie haben ihn nur als Instrument für ihre rebellischen Fantasien benutzt, sich selbst aber wieder auf das Lernen konzentriert. Simon dagegen nahm die Rebellion ernst. Ihm wird das Verlassen der Schule sogar nahegelegt. Das macht er nicht sofort. Zuerst wiederholt er die fünfte Klasse. Im zweiten Anlauf scheitert er an einer Biologieprüfung – eine Knock-out-Prüfung, wie er sagt. Er bricht die Schule ab und versucht den Wiedereinstieg an einer HLW (Höheren Lehranstalt für Wirtschaftliche Berufe). Das klappt nicht.

Dann folgt seine „Sturm und Drang“-Zeit. Simon jobbt hin und wieder und verzichtet bewusst auf staatliche Unterstützung. Seinen Schulabbruch bereut er nicht. Er ist stolz, diesen Weg gegangen zu sein. Nach einem Praktikum will eine IT-Firma seinen Vertrag verlängern. Simon lehnt ab. Das Argument: Ein Nine-to-five-Arbeitstag würde seine Kreativität hemmen.

Mit zwölf Jahren steht Sabine erstmals vor der Eingangstüre der Schule und schafft es nicht, diese zu öffnen. Ihre (Schul-)Angst ist zu groß. In der Volksschule – einer alternativpädagogischen Schule – war noch alles in Ordnung. Die Probleme beginnen im Gymnasium.

Die Angst vor den neuen Lehrern macht Sabine zur Schulschwänzerin. Sie baut ein immer größeres Lügengebäude auf. Für das scheue Mädchen eine große Belastung. Unterstützung erhält sie weder von den Lehrern („In keiner Schule hat mich jemals irgendein Lehrer gefragt, ob ich Probleme habe“) noch von ihren Eltern („Das war so eine Situation, in der sich sicher niemand irgendwie ausreichend gekümmert hat“). Die Eltern müssen ihre Aufmerksamkeit auf einige leibliche und viele weitere Pflegekinder aufteilen. Sabine entwickelt sich zu einer protestierenden Pubertierenden und bleibt sitzen. Ein Erlebnis, das ihre Schuldistanzierung verstärkt. Nach einem Schulwechsel und einer weiteren Klassenwiederholung bricht sie die Schule ab.

Sie beginnt eine Friseurausbildung und bricht sie wegen einer Allergie ab. Dann holt sie die Matura an einem Abendgymnasium („Schule für Versager“, wie sie sagt) nach. Mittlerweile studiert sie an der Uni Wien. Berufswunsch hat sie aber noch keinen.

Selbstbewusst, eloquent, höflich: Peter ist Sohn einer Unternehmerfamilie, die Wert legt auf Leistung, Erfolg und Anerkennung. Er besucht zunächst eine AHS-Unterstufe. Mit dem Wechsel an die HAK beginnen die Probleme. Peter hat mit den Anforderungen zu kämpfen, er kann sich in der Schule nicht gut konzentrieren. Er beginnt, die Schule zu schwänzen, geht unter der Woche weg, worunter die Noten wiederum leiden. Die Eltern sind enttäuscht. Unterstützung fruchtet aber nicht. Letztlich will Peter raus aus der Schule.

Er probiert es mit einem Job als Bankkaufmann, wird aber nach einem halben Jahr nicht verlängert. Es folgen Jobs in Unterhaltungs- und Freizeitbranche. Peter leidet darunter, dass er in seiner Familie die Ausnahme ist: der Einzige, der die Schule abgebrochen hat, der keine Ausbildung hat, der nicht studiert (hat). Mit den vermittelten Werten und Vorstellungen lässt sich sein schulischer und beruflicher Weg schwer vereinbaren.

Peter hätte gern einen guten Job, er hat Ansprüche, was seine Zukunft angeht: Haus mit Garten, hohen Lebensstandard. Dass er sein Ziel vom „Chef-Sein“ nur mit größeren Mühen verwirklichen könnte, blockiert ihn. „Ich bin halt jemand, ich möchte gleich irgendwo eine wichtigere Position haben.“

Frank sitzt im Bett, zugedeckt mit einer schwarzen Decke, er reibt sich den Schlaf aus den Augen, als er seine Geschichte erzählt. Die ganze Nacht hindurch hat er an seinem Computer Ego-Shooter-Spiele gespielt. Frank ist sukzessive in eine fiktionale Welt ausgewichen.

Ein Grund dafür mag die frühe Scheidung der Eltern sein, die Frank nicht gut verkraftet hat. Schule? Dort sei er seit der dritten Hauptschulklasse kaum mehr gewesen. Frank ist Legastheniker, schon in der Volksschule erlebt er Misserfolge: Die vierte Klasse muss er wiederholen. Nach einem Umzug tut sich Frank in der neuen Schule schwer, er findet keinen Anschluss, beginnt zu schwänzen, das wird chronisch. Interventionen des Jugendamts bleiben erfolglos. Psychologen diagnostizieren psychische Störungen. Frank weigert sich weiter, zur Schule zu gehen. Er wird zunehmend von Ängsten dominiert. Die Mutter, inzwischen fast die einzige Bezugsperson, steht dem verzweifelt und hilflos gegenüber. Was er brauchte, vermutlich eine längere Therapie, kann sie nicht bieten.

Kurse zum Nachholen seines Schulabschlusses, zu denen die Mutter ihn motivieren will, verweigert er kurzfristig. Er weicht der Realität aus. Sperrt sich in seinem Zimmer ein und spielt Computerspiele.

Übergewicht, dicke Brillengläser, Lernbehinderung – zugleich gutmütig und hilfsbereit: Markus ist in der Schule ein leichtes Opfer für Mobbing. Mitschüler schikanieren ihn – was aber weder Lehrer noch Eltern bemerken. Er wiederholt die vierte Klasse Hauptschule. Dass er letztlich sogar mit einem positiven Zeugnis abschließt, ändert aber nichts an seinem negativen Selbstbild. Markus isoliert sich, er flüchtet sich in Computerspiele.

Markus fehlt es an Vorbildern, die Mutter ist gelernte Schneiderin, der Vater ist Hilfsarbeiter bzw. arbeitslos und später sogar obdachlos. Auf Betreiben des Stiefvaters beginnt er eine Schnupperlehre als Installateur, die er aber rasch abbricht. Doch was er stattdessen machen könnte, weiß er nicht recht. Wünsche für eine berufliche Zukunft hatte und hat er nicht. Markus probiert es als Gärtner, als Schlosser, als Bürokaufmann, bricht Ausbildungen oder Beschäftigungsmaßnahmen aber jedes Mal ab – einmal wegen Unterforderung, einmal wegen Überforderung. Einmal, weil er seine erkrankte Freundin pflegt.

Inzwischen ist Markus in einer Beschäftigungsmaßnahme. Dort wird Kunsthandwerk hergestellt und verkauft. Er fühlt sich wohl in der Gruppe. Und die Arbeit? „Die ist nicht so wichtig. Die mache ich nur, weil mir fad ist.“

Dass er „zu dumm“ sei, ist Christians große Angst. Zwar will er nach Abschluss der Hauptschule gern an ein Gymnasium wechseln, gibt aber dem Drängen seiner Eltern nach und besucht eine Handelsschule. Der Wunsch seiner Eltern – Christian stammt aus einem Arbeiterhaushalt, seinen Vater beschreibt er als ungebildet – ist, dass er einen Beruf erlernt.

An der Handelsschule ist Christian unglücklich, er entdeckt das Nachtleben und hat Probleme mit den Lehrern. Schließlich muss er wiederholen, bricht die Schule ab und beginnt eine Lehre zum Bürokaufmann. Rückblickend beschreibt er die Lehrzeit als „das Beste, was ihm passierte“. Er bekommt gute Noten, findet Freunde.

Mit neuem Selbstbewusstsein schmiedet er neue Pläne: Er will die Matura nachholen und besucht berufsbegleitend ein Abendgymnasium. In dieser Zeit quälen ihn stets Zweifel an seiner Intelligenz. Christian konzentriert sich voll auf Arbeit und Lernen, im letzten Jahr entwickelt er stressbedingt eine Essstörung. Nach bestandener Matura nimmt er sich eine Auszeit und beginnt ein Studium an der Uni Wien, nebenher arbeitet er 20 Stunden. Sein großer Wunsch ist es, Lehrer zu werden. Bildung ist für ihn ein Wert an sich geworden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2014)

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