Kinder sind neugierig. Sie freuen sich aufs Lernen. Wenn dann aber lustige Omis oder Onkel kommen und vom „Ernst des Lebens“ reden, der nun endgültig beginne, kann das kontraproduktiv sein. „Fehlt nur noch der Zusatz: Da musst du jetzt aber sehr brav sein“, warnt Christine Petsch, Schulpsychologin im Wiener Stadtschulrat. Die Vorbereitung auf die Volksschule sollten Eltern ganz anders angehen: mit Freude und feierlich.
Brigitte Cizek, Leiterin der Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik in Floridsdorf, rät zu Ritualen: „Nicht umsonst gibt es die Schultüte.“ Das Herausragende des neuen Lebensabschnittes und den Unterschied zu etwaigen jüngeren Geschwistern können Eltern aber auch verdeutlichen, indem der Taferlklassler ein kleines Taschengeld bekommt oder um zehn Minuten später schlafen gehen darf als die Jüngeren. „Das Kind übernimmt damit eine kleine Verantwortung“, sagt Cizek.
Mit dem Schlafengehen ist das allerdings so eine Sache. Petsch weiß aus langer Erfahrung, dass Eltern und Kinder vom Schulalltag oft überrascht werden. Sie rät zum behutsamen Training des neuen Rhythmus. „Sechs- und Siebenjährige brauchen einfach noch ausreichend Schlaf und sollten nicht abgestrudelt in die Schule kommen.“ Es sei kontraproduktiv, Erstklassler zu Schulbeginn mit Zusatzkursen zu überhäufen. „Sie sollen nicht vom Ballett zum Reiten und in die Musikschule hetzen wie kleine Manager“, so Petsch.
Dumme Sprüche und Vorurteile
Es sind auch nicht alle Kinder gleich entwickelt, wenn sie mit sechs Jahren in die Schule kommen. „Die Schulfähigkeit ist gegeben, wenn sich Kinder in Gemeinschaft Gleichaltriger die traditionellen Kulturgüter durch planmäßiges Arbeiten aneignen können“, erklärt Christiane Spiel, Bildungspsychologin an der Universität Wien. Ein Erstklassler muss einen Auftrag erfüllen können, ohne dass er allein und direkt angesprochen wird. In der Familie lernt ein Kind das kaum.
Deswegen haben es alle, die vom Kindergarten in die Schule kommen, leichter. „Kinder haben ein natürliches Interesse am Umgang mit Gleichaltrigen“, sagt Spiel. „Man tut ihnen also nichts Böses, wenn man sie in einen Kindergarten gibt.“ Völlig unüberlegt seien Vorbehalte, man nehme ihnen damit die Kindheit. „Kinder sind neugierig. Sie haben Freude daran, etwas zu erfahren“, so Spiel. Auch Petsch wendet sich gegen elterliche Vorurteile. „Der Kindergarten wird zu wenig ernst genommen, wenn es heißt: Das ist ja nur Spielen.“ Kindergärten seien eine wichtige Vorbereitung auf die Schule. Und: „Auch in der Schule ist ein wesentlicher Faktor des Lernens das Spiel.“
Sprachkompetenz erwerben
Die Vorbereitung auf die Schulzeit ergibt sich nicht nur im Umgang mit Gleichaltrigen. Obwohl das natürlich wichtig ist: „Kinder erfahren, dass man Geborgenheit, Nähe und Zuwendung auch für andere Kinder empfinden kann“, meint Cizek. Größte Bedeutung hat der Kindergarten aber für Kinder mit Defiziten, die aus biologischen, genetischen oder sozialen Gründen nicht so weit entwickelt sind wie Gleichaltrige. „Das sollte so früh wie möglich kompensiert werden“, sagt Spiel.
Bei der Sprachkompetenz geht es nicht etwa nur um die prinzipielle Kenntnis des Deutschen, was speziell Zuwandererkinder betrifft. „Der Wortschatz ist sehr stark schichtspezifisch. Akademiker verwenden mehr Worte und differenzieren Begriffe feiner“, sagt Spiel. Und es gebe eine „pragmatische Sprachkompetenz“ – das Wissen, wie man Sprache einsetzt.
Doch auch für Kindergartenkinder gibt es in der Schule noch genügend Herausforderungen – allein durch die neuen Bezugspersonen. Dass das fremde Umfeld leichter zu erobern ist, wenn Freunde aus dem Kindergarten in dieselbe Klasse kommen, ist nicht gesagt. „Für manche Kinder ist das angenehm“, glaubt Petsch. „Manche sind aber auch froh über neue Freunde.“ Einen Startvorteil haben „vorgeschulte“ Kinder jedoch auch hier. Um in die Schule gehen zu können, braucht es die grundsätzliche Bereitschaft, sich von den Eltern zu lösen.
Schreibtisch ohne Kuscheltiere
Was können Eltern also tun, um ihre Kinder auf den Schulanfang vorzubereiten? „Keine Angst vor der Schule machen! Zeigen, wie viel Freude es macht, etwas zu können! Zu vermitteln, dass jeder einmal Fehler macht! Damit bereitet man das Kind darauf vor, dass es nicht nur Lob erhalten wird und führt es so an ein konstruktives Lernen heran“, so Spiel. Oder einfach einen eigenen Schreibtisch einrichten: „Aber bitte ohne 1000 Kuscheltiere“, so Petsch.
■Ein paar Tipps, um Kinder für die Schule zu wappnen: Freude am Lernen wecken; den neuen Lebensrhythmus üben; Konzentration und Beharrlichkeit fördern; nicht nur loben; für ausreichend Schlaf sorgen.
■Der Kindergarten ist die optimale Vorbereitung auf die Schule: Er trainiert den sozialen Umgang mit Gleichaltrigen und gleicht bereits früh Defizite aus.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2008)

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