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Schultaschen: Training oder Überbelastung?

19.10.2008 | 18:13 |  CLAUDIA RICHTER (Die Presse)

Schwere Schultaschen sind gut für die Rückenmuskulatur, sagen deutsche Mediziner.

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Wien. Wie schwer darf die Last auf dem Rücken unserer Schulkinder sein? Der Schulranzen könne bis zu einem Drittel des kindlichen Körpergewichts wiegen, ohne gleich die Wirbelsäule zu ruinieren, meinen Autoren einer Studie an der Universität des Saarlandes. Das sei gefährlich, da gesundheitsschädigend, und mit irreparablen Haltungsschäden verbunden, meint hingegen eine österreichische Kinderorthopädin. Die gepackte Schultasche solle keinesfalls zehn bis zwölf Prozent des Körpergewichts überschreiten.

Die ominösen zehn Prozent, die überall kursieren, seien ein Mythos, kontern die deutschen Experten. „Diese Zahl ist wissenschaftlich keineswegs belegt. Die Empfehlung stammt wahrscheinlich aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Und sie bezog sich darauf, wie schwer der Tornister eines Rekruten auf Langzeitmärschen von mindestens 20 Kilometern sein durfte. Diese Zahl wurde offensichtlich kritiklos übernommen“, betont der Orthopäde Eduard Schmitt, Professor an der orthopädischen Universitätsklinik Homburg und ärztlicher Leiter des Kidcheck-Projekts (seit 1999 untersucht ein interdisziplinäres Ärzteteam Kinder und Jugendliche auf Haltungsschäden).

 

Keine einseitige Belastung

Nun überprüfte Kidcheck im Rahmen einer Studie an Sieben- und Achtjährigen, wie schwerere Schultaschen auf den Körper von Kindern wirken. Vorweg: Die Schulranzen wurden von den 60 an der Untersuchung teilnehmenden Mädchen und Buben, die mit leichten und schweren Taschen für 15 Minuten auf einen Hindernisparcours geschickt wurden, ausnahmslos am Rücken getragen. „Schultaschen, die einseitig über die Schulter gehängt werden, haben wir nicht überprüft. Aber die sind sicher ungünstig, von denen raten wir prinzipiell ab“, sagt Schmitt.

Nicht abgeraten wird indes von schwereren Schulranzen. Schmitt: „Bei bis zu einem Drittel des Körpergewichts ist kein Schaden zu erwarten.“ Denn – so hatte die Studie ergeben – das brächte weder eine merkliche Ermüdung der Muskulatur noch eine Überlastung mit sich, das würde einer gesunden kindlichen Wirbelsäule keineswegs schaden, dazu wirke das Gewicht viel zu kurz auf den Rücken ein.

Erst wenn das getragene Gewicht ein Drittel des Körpergewichts ausmachte, änderte die Wirbelsäule ihre Position und wurde instabil. Allerdings spannten sich jetzt die Muskeln merklich an, um den Körper zu stabilisieren. „Und diese Anspannung ist durchaus begrüßenswert“, betont Schmitt. „Denn ein kurzfristig getragener schwerer Ranzen stellt einen gewissen Trainingseffekt für die Rumpfmuskulatur dar.“ Und da inzwischen beinahe jedes zweite Kind so schwache Bauch- und Rückenmuskeln habe, dass es sich nicht dauerhaft gerade halten könne, müsse jedes Training zur Kräftigung willkommen sein.

Während sich der niederösterreichische Kinderarzt Karl Zwiauer („Unsere Kinder werden orthopädisch, muskulär und motorisch immer schwächer und schwächer.“) durchaus vorstellen kann, dass das Gewicht von Rucksack-Schultaschen „einen gewissen Trainingseffekt mit sich bringt“, hält Renata Pospischill, Kinderorthopädin am orthopädischen Spital Wien-Speising, gar nichts davon.

 

Wiener Orthopädin kontert

„Stellen Sie sich doch vor, ein Kind mit 25 Kilo Körpergewicht trägt ständig eine Schultasche mit acht, neun Kilo am Rücken. Das bringt vielleicht anfänglich eine Aktivierung der Muskulatur, aber auf die Dauer stellt das sicher eine schädliche Überlastung dar.“ Mit unangenehmen Folgen: Muskelverkürzungen und Fehlstellungen am Bewegungsapparat, Schmerzen, Rundrücken, Hohlkreuz.

Zu einem Hohkreuz könne schon eine falsch getragene Schultasche führen, auch wenn sie nicht zu schwer sei. „Wenn die Riemen falsch angezogen und zu locker sind, fällt die Tasche in den Rücken, stützt sich am Rand im Beckenbereich ab und fördert so die Entstehung eines Hohlkreuzes.“ Zu fest angezogene Riemen wiederum begünstigen einen Rundrücken. Pospischills Konklusion: „Mit leichten und richtig getragenen Schulranzen gehen Kinder sicherer und gesünder zur Schule.“

AUF EINEN BLICK

Uneinig sind Experten hinsichtlich des Gewichts von Schultaschen.

Schwerere Taschen schaden nicht, sie bringen für die Rumpfmuskulatur einen gewissen Trainingseffekt, meinen die einen.

Auf Dauer seien schwere Schulranzen gesundheitsschädigend und mit irreparablen Schäden verbunden, sagen andere.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2008)

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2 Kommentare
Gast: Gabi Stas
20.10.2008 20:50
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Schwere Ranzen - weitere Studien

Es gibt noch manch andere Studien, die die schweren Ranzen kritisch sehen. Eine gute Zusammenfassung findet sich bei der Metastudie der AOK Hessen +BAG Haltung und Bewegung (10/2007). Dort kommt man aufgrund von umfangreichen Literaturrecherchen von Studien zu folgendem Fazit:
"Die vorliegenden Studien dokumentieren, dass ein Ranzengewicht von 10% des Körpergewichts ohne nennenswerte Veränderungen bewältigt wird; schon
bei einem Gewicht von 15% kommt es jedoch zu signifikanten Veränderungen von Haltung und Bewegung. Die Empfehlung eines relativen Ranzengewichts
von 10 bis 12,5% erscheint damit realistisch."

Auch eine Studie der Uni Tübingen 2007 weist auf Zusammenhänge zwischen schweren Ranzen und Rückenproblemen hin:
"Ich halte das Gewicht der Schulranzen für maßgeblich bei Rückenschmerzen von Kindern", fasst Patrik Reize, Ärztl.Direktor Klinikum Stuttgart , das Ergebnis zusammen " (Quelle:ap 20092008)

Weitere Informationen und Links : www.schwereranzen.de

Gast: Gabi Stas
20.10.2008 20:30
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Schwere Schulranzen und gesunder Menschenverstand

Schon der gesunde Menschenverstand müsste uns doch sagen, dass ein Schulranzen, der 30 % des Körpergewichts wiegt, nicht gesundheitsfördernd sein kann !!
Die erste Meldung zur Kidcheckstudie (Uni Saarland) vom 20. Aug. 08 hat wohl auch nicht alles korrekt beschrieben. Denn auf kritische Nachfragen gab es in den Wochen darauf noch foldende Statements (s. Presseagentur ap bzw.Spiegel online 30.09.08 (http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,579357,00.html)
Dr. Ludwig, Leiter Kidcheck-Studie:
„Die Grenze von zehn Prozent sei nicht nur unbegründet, sondern sogar "hochgefährlich", sagt Ludwig. Denn einzelne, schwache Kinder könnten auch schon mit weniger überfordert sein. In diesen Fällen täusche eine solche Empfehlung eine falsche Sicherheit vor.“
Professor Niethard (Kidcheck)
"Logischerweise gibt es eine Obergrenze", räumt der Direktor Orthopädie Uniklinikum Aachen zwar ein. "Aber die Grenze kann man nicht generell mit den 10 Prozent festlegen, sie ist sehr individuell.

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