Thomas, 18 Jahre, Schüler an einem Gymnasium in Nordrhein-Westfalen, wird schon seit vier Jahren im Rahmen eines Forschungsprojekts Begabtenförderung begleitet. „Versteht mich die Person wirklich?“, schreibt er zum Abschluss seiner Gymnasialzeit und schließt gleich eine weitere Kritik an: „Wenn eine Person sagt, ich weiß, wie du tickst, dann traue ich der nicht.“ Gemeint sind damit seine Lehrer, im Speziellen die für die Begabungsförderung zuständige Expertin.
Sechsjähriges Forschungsprojekt
Im deutschen Bundesland hatte man in den vergangenen sechs Jahren Schulversuche zur Begabtenförderung durchgeführt, die Ergebnisse wurden in einem Arbeitskreis des dreitägigen Hochbegabtenkongresses, der am Samstag in Salzburg abgeschlossen wurde, präsentiert. Was freilich alles von dem Expertenjob gefordert wird, führt die Schweizer Referentin Salomé Müller-Opplinger vor Augen: Die Speziallehrkraft muss das Lehrerkollegium „weiterbilden“, die Kolleginnen und Kollegen sensibilisieren, Wissen und Kompetenzen vermitteln, die Diagnostik zur Erfassung der Hochbegabten beherrschen, aktiv in regionalen Arbeitsgruppen mitarbeiten, Netzwerke bilden, Öffentlichkeitsarbeit betreiben, eine Begabten-Homepage führen, beraten und über die Gabe der Gesprächsführung verfügen, Kritik entgegennehmen können, mit Eltern stets im Kontakt stehen – und natürlich mit den begabten Schülern gemäß dem letzten wissenschaftlichen Forschungsstand arbeiten.
Das alles sei zu viel, meldet sich da eine Begabtenförderin aus dem Arbeitskreis, über die gesammelten Kompetenzen werde sie in den zwei, drei Jahrzehnten bis zu ihrer Pensionierung nicht verfügen. Da musste auch Müller-Opplinger einlenken. Auch sie würde wohl all diesen Anforderungen nicht entsprechen, aber sie arbeite mit einer zweiten Experten zusammen, da könne man sich ergänzen. Dennoch, das Problem ist damit eindrucksvoll aufgezeigt: Auch Experten können nicht allen geforderten Kompetenzen entsprechen.
Vor allem junge Lehrer sind oft gänzlich unvorbereitet, wenn sie auf Begabte treffen, weiß Ernst Hany von der Universität Erfurt. Diese auffälligen Schüler werden beiseitegeschoben, sind doch alle anderen ebenfalls eine enorme Belastung. Soll es also besondere Erfordernisse für den Pädagogenberuf geben? Ja, sagt Hany, und verweist auf Finnland mit seinem strengen Auswahlverfahren vor Beginn eines Lehrerstudiums.
Zurück zur Sicht der Schüler. „Zwischen Feind und Begleiter“, so betitelte die deutsche Lehrerin für Begabtenförderung Silvia Greiten ihre Präsentation der Umfrage aus Nordrhein-Westfalen. Der 18-jährige Thomas überrascht wiederum mit einer Aussage: „Sie sind ein Feind“, so schreibt er über einen Begabtenstützlehrer. Die Experten wundert das nicht weiter, wird doch das Begriffspaar Schule/Lehrer stets verallgemeinert und in einen Topf geworfen. Und die Schule bleibt als Feindbild übrig. Aber es gab in der deutschen Studie auch andere „Unfreundlichkeiten“ seitens der begabten Schüler. „Lehrer wissen selbst nicht weiter“ oder „Sie planen eine Förderstruktur, die gar nicht zu mir passt“ oder „Ich will nicht ständig Zusatzaufgaben erhalten, ich will auch einmal in Ruhe gelassen werden“. Und vielleicht auch einmal eine schlechte Note erhalten.
Die Rollenkonflikte der Lehrer, die sich ja im Kollegenkreis behaupten und ihre besondere Methodik verteidigen müssen, diese Konflikte sind den Schülern durchaus bewusst. Die Hinwendung zu den Schülern und die besondere Betreuung rufen natürlich auch Anerkennung hervor. „Es ist wichtig, dass mir jemand aufmerksam zuhört“, sagt einer von ihnen.
Undisziplinierte Lehrer bevorzugt
Überrascht waren die Pädagogen bei der unterschiedlichen Einstellung zu männlichen und weiblichen Begabtenförderern. „Männer sind weniger diszipliniert, Frauen arbeiten diszipliniert“, lautet eine von mehreren ähnlich gehaltenen Aussagen. Diese Schüler hätten selbst keine so ausgeprägte Lerndisziplin, interpretiert dies Silvia Greiten, sie bevorzugten die Undisziplinierten, daher sollten in diesem Punkt Lehrerinnen „etwas männlicher auftreten“.
Ernst Hany sieht in Deutschland und Österreich das ungelöste Problem in der Gesamtschuldiskussion. Da die gesellschaftliche Forderung nach einem weitgehenden Integrieren aller Schüler, dort der Anspruch auf eine spezielle Förderung. „Ich persönlich sehe beide Anliegen, aber in einigen Fällen muss es spezielle Angebote geben.“ – Angebote, die über eine bloße Zusatzförderung hinausgehen.
In welchem Alter soll der Schwerpunkt der Begabtenförderung liegen? Hany hält sich mit einer exakten Antwort zurück. Musiker und Sportler müssen schon im Vorschulalter gefördert werden, sonst bleiben sie „ewige Talente“. Mathematiker und Physiker erreichen aber erst zwischen 24 und 28 Jahren ihren wissenschaftlichen Zenit, da kann die Begabtenförderung auch etwas später einsetzen. „Aber in vielen Bereichen ist die Sache mit 15, 16 Jahren schon gelaufen“, sagt Hany.
Einer Salzburger Volksschuldirektorin ist dies entschieden zu spät, sie plädiert für eine Begabtenförderung im Vorschulalter. „Gebt mir acht, da kommt etwas Furchtbares!“, habe eine Kindergärtnerin sie gewarnt. Es kam aber anders. „Wir haben ein bisschen an der Fassade des Buben gekratzt – und dann haben wir den größten Schatz vor uns gehabt.“
■Seit 1999 besteht als einzige öffentliche Plattform in Salzburg das Österreichische Zentrum für Begabtenförderung und Begabtenforschung (özbf). Es wurde als Verein gegründet und wird finanziell vom Unterrichtsministerium und vom Wissenschaftsministerium getragen. Präsident ist der frühere Salzburger Landesschulratspräsident (und frühere ÖVP-Bildungssprecher) Gerhard Schäfer.
Impulsgeber. Das özbf unterstützt Initiativen zur Förderung von Begabten und Hochbegabten. Vom 6. bis 8. November richtete es den Kongress 2008 Begabt begabend verausgabt? mit dem Spezialthema Begabte(n)förderer im Lichte vielfältiger Herausforderungen aus, an dem 600 Interessierte teilnahmen. Die Presse war als Kooperationspartner in diesen Kongress eingebunden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2008)

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