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„Legasthenie ist keine Krankheit“

04.01.2009 | 18:28 |  ALEXIA WEISS (Die Presse)

Lehrer sollten eine Legasthenie/ Dyskalkulie bei der Benotung berücksichtigen. Das Schulsystem stellt eher eine Förderung betroffener Kinder in den Vordergrund.

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WIEN. In Julias Texten tanzen oft die Buchstaben durcheinander. Jan wiederum hat so seine Probleme mit Zahlen. Wie Julia und Jan leiden viele Schülerinnen und Schüler unter Legasthenie (Schreibschwäche) oder Dyskalkulie (Rechenschwäche). Bis zu 15 Prozent eines Jahrgangs sind davon betroffen. Wie aber geht das Schulsystem mit diesen Kindern um? Wie wird gefördert? Wird bei der Benotung Rücksicht auf die Schwäche genommen?

Mathilde Zeman, Leiterin der Wiener Schulpsychologie, betont dazu: „Es ist wichtig zu wissen – weder Legasthenie noch Dyskalkulie ist eine Krankheit.“ Durch eine Krankheitszuweisung würde das betroffene Kind nur stigmatisiert. „Es handelt sich um Kinder, die eine Lernschwierigkeit haben, die einen bestimmten Namen hat.“

Das Schulsystem versuche dieser Lernschwierigkeit durch Förderung zu begegnen, so Zeman. Früher sei dies in Legasthenikerkursen passiert, dazu habe das betroffene Kind den Klassenraum für die Dauer der Kursstunde verlassen. Heute passiere dies durch den Einsatz eines Team- oder Stützlehrers, der sich eine Zeit lang ganz gezielt mit dem betroffenen Kind befasse. Manche Eltern würden noch zusätzlich mit dem Kind arbeiten.

Auch Astrid Kopp-Duller, Präsidentin des Ersten Österreichischen Dachverbands Legasthenie, streicht hervor: „Diese Kinder sind nicht schwach, gestört, krank oder gar behindert. Sie finden lediglich mit den angebotenen Unterrichtsmethoden nicht das Auslangen, das Schreiben, Lesen oder Rechnen ausreichend zu erlernen.“ Das Gros dieser Kinder brauche schlicht andere pädagogisch-didaktische Ansätze. Der Dachverband bilde seit zwölf Jahren Trainer aus, die genau diese Ansätze anwenden.

 

Warten hilft nicht

Weitaus weniger Kinder bräuchten darüber hinaus eine psychologische Betreuung. Wichtig sei daher eine Abklärung, welcher Weg im einzelnen Fall der richtige ist. Testen lassen können Eltern ihr Kind im Verdachtsfall sowohl bei den schulpsychologischen Beratungsstellen der Landesschulräte als auch durch einen Legasthenietrainer (siehe auch Link: www. legasthenietrainer.com).

Wichtig ist Kopp-Duller: „Es hilft kein Warten, denn eine Legasthenie löst sich leider ohne gezielte Hilfe nie in Wohlgefallen auf. Wird die Problematik ignoriert, sind zumeist psychische Erkrankungen der Kinder die Folge, die unbedingt vermieden werden sollten.“ Zum Umgang der Lehrer mit Legasthenie beziehungsweise Dyskalkulie an Österreichs Schulen meint Kopp-Duller, dass dieser „sehr unterschiedlich“ sei.

 

Kein Freibrief für Fehler

Jeder Lehrer pflege seinen persönlichen Umgang damit. Pädagogen, die die Materie kennen, brächten Verständnis auf und berücksichtigten die Schwäche auch bei der Beurteilung. Andere ließen die Legasthenie oder Dyskalkulie nicht gelten. „Es gibt auch kein Gesetz in Österreich, das speziell für legasthenische Kinder entwickelt wurde, lediglich Erlässe oder Handreichungen, wie man mit den Kindern im Unterricht umgehen soll.“

Zeman betont, Legasthenie und Dyskalkulie dürften jedenfalls „kein Freibrief“ sein, um ohne Konsequenzen Fehler machen zu dürfen. Die Schulpsychologin verweist aber auf die gesetzliche Regelung, wonach für die Leistungsbeurteilung nicht nur der schriftliche Ausdruck, sondern beispielsweise auch die mündliche Mitarbeit miteinbezogen werden müsse. Dazu sagt Kopp-Duller: „Tatsächlich gibt es viele interessierte Lehrer, die bei der Notengebung darauf Wert legen, dass einerseits natürlich das Bemühen nach ständiger Verbesserung der schriftlichen Leistungen da ist, die aber auch mündliche Leistungen gewichten, sodass eine insgesamt positive Note entsteht.“

Gibt es dennoch Probleme mit einem Pädagogen, rät Kopp-Duller den betroffenen Eltern, zunächst den Lehrer aufzuklären und ihn dazu zu bringen, „nicht ständig Kritik zu üben, sondern motivierend zu unterstützen“. Falsch sei es allerdings, „den Lehrer dazu zwingen zu wollen, dem Kind zu helfen“.

 

Viel Geduld und Verständnis

Dafür seien Stützlehrer oder Legasthenietrainer zuständig. „Auch wird es problematisch, wenn manche Eltern und auch Kinder glauben, eine Legasthenie oder Dyskalkulie wäre der Grund dafür, sich beim Schreiben, Lesen, Rechnen nicht mehr bemühen zu müssen. Viele bauen auf die Mitleidsschiene, was aber schließlich irgendwann zum Problem wird, denn jeder Mensch sollte doch in irgendeiner Form lesen, schreiben und rechnen können.“

Daher lautet Kopp-Dullers Appell: Wenn die nötigen Voraussetzungen geschaffen würden, könne jedes Kind die Kulturtechniken erlernen. Es brauche nur den für ihn geeigneten didaktischen Weg. „Und viel Geduld und Verständnis“ – von Eltern- wie von Lehrerseite.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2009)

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4 Kommentare
komajo
12.01.2009 06:43
0 0

Keine Krankheit?

Die Menschen sind nur gleich an Würde. Sie unterscheiden sich aber in Aussehen, Intelligenz, Geschlecht und vielem anderen, was zu bedenken ist. Ob Hoch- oder extreme Minderbegabung krankhaft ist, ist der Streit um den Bart des Kaisers.

f.j.neffe
10.01.2009 15:02
0 0

Legastöhnie - Folge von Lehrschwäche

Wenn die Kinder "in den angebotenen Unterrichtsangeboten" ihrer Lehrer "nicht das Auslangen" finden, scheint es mir bedenklich, die Lösung des Problems "Stützlehrern" zuzuschieben, die das Problem gar nicht verursacht haben, und die Verursacher ihre "Unterrichtsangebote" weiter so unpassend durchziehen zu lassen.
Es könnte ja durchaus sein, das die Legastöhnie doch eine Krankheit ist, aber nicht der Kinder sondern der Pädagogen! Der Verdacht drängt sich durchaus auf, wenn ich die häufige Sturheit und menschliche Unzulänglichkeit des täglichen Unterrichtsvollzugs untersuche.
Die Lehrerin H.Prem, die "nie einem Legastheniker begegnet ist" und in ihrem 3-Länder-Schulversuch beste Ergebnisse erzielte, sagte stets: "Legasthenie ist keine Lernschwäche sondern eine Lehrschwäche." Dem kann ich mich als Ich-kann-Schule-Lehrer nur anschließen. Wir werden nicht Geduld aber Verständnis für die Lehrer brauchen, die mit den Talenten anders umgehen lernen müssen. Herzlich grüßt
Franz Josef Neffe

Gast: Buntspecht
05.01.2009 07:53
0 0

Es gefällt mir, wenn die Presse echten Schulproblemen Raum gibt.

Als ehemalige Grundschullehrerin bin ich sehr erstaunt, dass man in den 90er Jahren noch Mühe hatte, Verständnis für einen Legastheniker zu finden. War das vielleicht in Ostösterreich so? In Oberösterreich hat man bereits in den 70er Jahren intensiv die Lehrer der Pflichtschulen mit dem Thema befasst und Kurse und Materialien für die praktische Hilfe angeboten.
Es gibt auch Kinder, die im Vorschulalter nicht malen wollen, keineswegs ungeschickt oder beeinträchtigt erscheinen. Gerne würde ich einmal Fachleute zu diesem Thema hören.
mfg
R. Fruhstorfer

Antworten Gast: Kontrahent
05.01.2009 15:18
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Re: Es gefällt mir, wenn die Presse echten Schulproblemen Raum gibt.

das Kind will nicht malen, na sowas, Diagnose: das Kind ist völlig normal nicht nur weil sonst nicht ungeschickt und beeinträchtigt, wieso soll jedes Kind gern malen wollen, viele wollen das, manche aber nicht, vielleicht sollte man überhaupt aufhören alle Menschen über eine Kamm zu scheren

irgend etwas wird das Kind schon interessieren und Seele baumeln lassen soll ja auch in Ordnung sein, statt malen, oder


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