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Wenn Ex-Junkies an Schulen erzählen

11.01.2009 | 18:52 | ANDREAS WETZ (Die Presse)

Eine ehemals Drogensüchtige berichtet Schülern über die selbst erlebten Schattenseiten ihrer Drogenprobleme. Lehrer und Jugendliche finden das gut – die Stadt Wien weniger.

Wien. Wenn man Nadja ins Gesicht sieht, während sie über ihr Leben erzählt, will man ihr eigentlich nicht glauben. Die Mittzwanzigerin entspricht äußerlich nämlich so gar nicht dem Klischee von Menschen, die sich jahrelang Gift in die Venen gedrückt haben. Trotzdem spricht die junge Frau im Businesskostüm von Drogensucht, Selbstmordversuchen und dem Erwachen in eigenem Erbrochenen. Nadja hat das, wovon sie redet, selbst erlebt.

Inzwischen ist sie „clean“, erfolgreich berufstätig und möchte ihr Wissen über das Leben in der Drogenwelt gemeinsam mit anderen Aussteigern im Rahmen des Projekts „Getaway“ weitergeben: an Eltern von Süchtigen, an Lehrer, Schüler. Die ersten Termine hat sie bereits hinter sich.

Die Meinungen dazu sind unterschiedlich. Das Thema ist kontrovers. Können einstige Straßenkinder potenziell gefährdete Jugendliche tatsächlich vor dem Absturz in die Drogensucht bewahren? Während die, die sie gehört haben, schwärmen, sehen Fachleute derartige Vorträge kritisch.

 

Kritik: Mangelnde Qualifikation

„Bevor Nadja das erste Mal zu uns kam, hatte ich ehrlich gesagt schon ein bisschen Bauchweh“, beschreibt Angela Ransdorf von der Wiener Sir-Karl-Popper-Schule ihre Gefühle. Die Lehrerin, die sich schon länger mit Suchtprävention im Unterricht beschäftigt, hatte Bedenken, ob ein Bericht einer ehemals Drogensüchtigen jene Schüler, die vielleicht einmal „etwas probieren“ möchten, nicht auch noch dazu ermutigen könnte. Jedoch: „Ihre zwei Besuche haben sich ausgezahlt“, zieht Ransdorf heute Bilanz. Sie würde sie sogar wieder einladen. Sinnvoll sei eine derart unverblümte Konfrontation mit dem Thema jedoch nur, wenn man vorher und nachher im Unterricht darüber spreche. Und: „Unter der sechsten Klasse Gymnasium würde ich den Vortrag nicht empfehlen.“

Nadja, die zum Schutz ihrer Privatsphäre bei öffentlichen Auftritten diesen Decknamen verwendet, nimmt sich nämlich kein Blatt vor den Mund, beschreibt das Leben einer Süchtigen in Details, die Zartbesaitete gar nicht so genau wissen wollen. Sie berichtet davon, dass ein heiles Elternhaus (wie bei ihr) nicht vor Abstürzen schützt, wie Frauen ihre Sucht mit dem Verkauf des eigenen Körpers finanzieren, und warum es trotz aller Gegenmaßnahmen der Behörden im wahrsten Sinne des Wortes ein Kinderspiel ist, am „Platz“, dem Karlsplatz, zu illegal gehandelten Ersatzdrogen (siehe Artikel unten) zu kommen.

Anders als Schüler und Lehrer können Suchtexperten mit dieser Art der Konfrontation wenig anfangen. „Wir beurteilen das kritisch“, sagt Michael Dressel, Drogenkoordinator der Stadt Wien. Dennoch wolle man das Konzept genau prüfen und erst dann endgültig entscheiden, ob es förderwürdig ist oder nicht. Was die Mitarbeiter der Wiener Drogenhilfe stört, ist, dass Nadja ohne pädagogische Ausbildung auftritt. Dressel: „Zweifellos einzigartige Erfahrungen in der Drogenszene qualifizieren noch nicht dazu, auch mit Jugendlichen arbeiten zu können.“ Dazu gebe es professionell ausgebildete Pädagogen und Sozialarbeiter. Im schlimmsten Fall können Vorträge wie Nadjas sogar dazu führen, dass labile Jugendliche ein verstärktes Interesse an Drogenkonsum bekommen.

Nadja sieht das anders. Im Gegensatz zu Sozialarbeitern, die über Dinge sprechen würden, die sie nur in der Theorie erlernt hätten, erzähle sie von Ereignissen, die sie selbst erlebt habe. „Jugendliche wissen über Drogenkonsum viel mehr, als die sogenannten Experten meinen“, glaubt sie. Von beschönigenden Worten hält sie nichts. Anders als die Sozialarbeiter spricht sie von Junkies, nicht von Suchtkranken. „Ich beschreibe die Dinge, wie sie sind, versuche aber, sie dabei nicht zu bewerten.“

 

Angehörige für alternative Ideen

Und betreibt damit Psychohygiene für sich selbst. Aus „Getaway“ (siehe Kasten), das sie derzeit mit einer zweiten ehemals Süchtigen betreibt, soll langfristig ein Verein werden, der abseits behördlich organisierter Präventionsarbeit über das Thema aufklärt. „Ich will, dass Ex-Junkies die Chance bekommen, einen Teil des Schadens, den sie angerichtet haben, wiedergutzumachen.“ So wie der Münchner Alexander Golfidis etwa, der als „Heroin Schuster“ in Deutschland überregionale Bekanntheit erlangt hat und ebenfalls gerne von Schulen eingeladen wird.

Josef Rohaczek vom Wiener „Elternkreis“ prophezeit Nadja eine schwere Zukunft. Der Obmann des Selbsthilfevereins für Angehörige von Süchtigen musste selbst erfahren, wie schwer es ist, Initiativen zu bilden, die nicht der Meinung der offiziellen Drogenpolitik der Stadt entsprechen. Deshalb hat der „Elternkreis“ Nadja auch seine Unterstützung bei ihrer Arbeit angeboten. Rohaczek: „Wir finden die Idee gut. Und wir sehen nicht ein, warum nicht auch Angebote mit anderen Zugängen als den üblichen eingesetzt werden sollten.“


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