Gesamtschuldebatte: "Die Schulform verändert wenig"

Bildungsforscher Stefan Hopmann über die "windschiefe" Gesamtschuldiskussion und darüber, dass manche Eltern ihre Kinder notfalls auch ins Ballettgymnasium schicken würden.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Politisch wird immer mehr am Gymnasium gerüttelt – gerade tut das die Industrie (siehe unten). Wie sieht es mit der Zukunft dieser Schulform aus?

Stefan Hopmann: Sie bleibt bedroht.

 

Dabei wird von vielen Seiten argumentiert, das Gymnasium sei die erfolgreichste Schulform.

Die ganze Diskussion ist windschief. Schulformen als solche sind weder erfolgreich noch nicht erfolgreich. Das ist ein völliger Unsinn. Wenn ich den sozialen Hintergrund berücksichtige, ist das Gymnasium nicht besser als die Neue Mittelschule. Primär spiegeln Leistungstests wie PISA die gesellschaftliche Verteilung von kulturellen und sozialen Ressourcen.

 

Kann man so etwas überhaupt über die Schule verändern?

Über Schulformen wenig. Die Schulform bildet die Unterschiede ab, aber sie schafft sie nicht her. Was man im besten Fall erreichen kann ist, dass es für die Schüler am unteren Rand nicht katastrophal endet. Aber niemand kann ressourcenstarke Familien daran hindern, das auszuspielen.

Das Gymnasium ist für manche quasi die Verdinglichung von Ungerechtigkeit. Zu Unrecht?

Historisch war es das. Bei Maria Theresia war das Gymnasium als Gesamtschule des Bürgertums konzipiert. Es hat dafür gesorgt, dass die Bürgerkinder nicht mit den Schmuddelkindern auf einer Schulbank sitzen mussten. Die Arbeiterbewegung hat das bekämpft. Aber nicht mit einer neuen Idee von Schule, sondern mit der Forderung nach gleichem Zugang zur bürgerlichen Bildung. Und sie führen immer noch den Kampf der Zwanzigerjahre: den Kampf um bürgerliche Bildung für alle.

 

Was kann das Gymnasium werden? Eine kleine Eliteschule?

Wenn ich das Gymnasium einschränke, etwa, indem die Unterstufen der Realgymnasien abgeschafft werden und nur noch spezialisierte Formen AHS bleiben, wie der Salzburger Landeschef Wilfried Haslauer einmal vorgeschlagen hat, wird das keine Eliteschule. Es ist dann immer noch die Gesamtschule des Bürgertums. Akademikereltern wählen zuerst den Schultyp und dann die Ausrichtung. Die würden ihr Kind auf die Ballettschule schicken, wenn das das einzig verfügbare Gymnasium ist.

Würde es dann auch mehr Privatschulen geben?

Für jeden öffentlichen Platz, den ich schließe, würden zwei private hochkommen. In den USA ist inzwischen die Mehrheit der Kinder, die auf eine öffentliche Schule gehen, unter der Armutsgrenze. Wenn die öffentliche Schule mir nicht das Extra gibt, nach dem ich suche, sind diese Eltern auch bereit, die Hälfte des Familieneinkommens zu investieren.

 

Kann man den Eltern das denn vorwerfen?

Nein. Das finde ich legitim. Das tue ich doch selbst mit meinen Enkeln. Denn Bildung ist das Einzige, was man vererben kann. Also ist die Frage nach Gymnasium oder nicht die falsche. Man muss fragen: Wie müssen alle Schulen aufgestellt sein, damit sie die, die sie nun einmal bekommen, bestmöglich versorgen?

 

Tun die Gymnasien das derzeit?

Viele verfahren immer noch so wie im 19. Jahrhundert: Ein Schüler kann mithalten oder nicht. Jede Schule müsste eine klare Auflage haben, kein Kind abgeben zu dürfen, das sie einmal genommen hat. Man muss in einer guten Schule lernen können, was es für die Schule braucht. Es kann nicht sein, dass ein Kind davon abhängig ist, wie gut Mama in Mathematik ist oder Opa in Deutsch.

 

Wären Schulen dann nicht umso restriktiver bei der Aufnahme?

Ich würde die Aufnahme überhaupt anders regeln: Weg mit den ganzen Vorgaben, welche Noten man haben muss. Wir haben das einmal untersucht. Wenn sich Kind, Eltern und Lehrer zusammensetzen, kommen die in über 90 Prozent zu einem Konsens.

 

Wie könnten sich die Gymnasien aus dem politischen Würgegriff befreien?

Die Gymnasien müssen viel deutlicher Programmschulen sein und mit Kultivierung arbeiten. Im Gegensatz zur Qualifizierung, die meint, dass ich gewisse Dinge beherrsche, meint das ein Kultivieren des Lernens, der Gemeinschaftlichkeit, der Fähigkeit, mit anderen etwas anzufangen, durchzuführen und zu Ende zu bringen. Das ist der Bereich, in dem Schule mehr Wirkung hat.

 

Sagen Sie, Leistung und klassisches Lernen seien unwichtig?

Nein, Leistung bleibt wichtig. Aber es gibt überhaupt keinen empirischen Beleg dafür, dass die gegenwärtige Qualifizierungshysterie etwas bringt. Immer geht es um mehr Leistung, um mehr Kompetenzorientierung: Da steckt die Fantasie dahinter, man könne diese Schraube beliebig anziehen. Das geht aber gar nicht. Man vergisst übrigens 80 Prozent dessen, was man in der Schule gelernt hat, eh sofort wieder – ohne, dass es schädliche Nebenwirkungen hätte.

ZUR PERSON

Stefan Hopmann (60) ist Professor am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien. Seine These im Streit um Gymnasium versus Gesamtschule: Es kommt nicht auf die Struktur an, sondern darauf, was in der Schule passiert. Hopmann ist auch ein scharfer Kritiker der PISA-Studien. [ Bruckberger ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2014)

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