Leseschwäche: Der Tag, an dem die Hölle ausbrach

Der Film "Rosi, Kurt und Koni" zeigt drei Menschen, die vom System im Stich gelassen wurden: Schule, Sachwalterschaft, Jugendamt. Ob sie nach der Schulpflicht schreiben und lesen konnten, interessierte nicht.

Was heißt das? Wenn Vater und Sohn versuchen, einen Behördenbrief zu lesen und zu verstehen, ist Kurt auf Hilfe angewiesen.
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Was heißt das? Wenn Vater und Sohn versuchen, einen Behördenbrief zu lesen und zu verstehen, ist Kurt auf Hilfe angewiesen.
Was heißt das? Wenn Vater und Sohn versuchen, einen Behördenbrief zu lesen und zu verstehen, ist Kurt auf Hilfe angewiesen. – Stadtkino

Freitagmittag. Plötzlich kein Geld mehr für den Einkauf. Keine 50 Euro für das Essen am Wochenende. Von einer Minute auf die andere kein Geld von der Bank. Ein Rechtsanwalt hat es verboten. Rosi weiß nicht warum. Das Konto ist in Ordnung. Rosi kann nichts mehr entscheiden. Ein Sachwalter tut es. Das ist der Tag, an dem für Rosi „die Hölle hereingebrochen ist.“

Vater und Sohn verabschieden sich. Der Teenager muss zurück in eine betreute Wohngemeinschaft. Das Jugendamt hat es so entschieden. Kurt hatte um das Sorgerecht gekämpft und es dann doch nicht bekommen. Weil er zu „schlicht“ sei, seinen Sohn zu fördern. Hat das Jugendamt geschrieben. Der Sohn hat den Brief vorgelesen. Obsorge schon, Sorge für den Buben nicht. Kurt versteht das nicht.

Mit 42 Jahren den Hauptschulabschluss machen, eine Schlosserlehre bei der ÖBB beginnen. Dort, wo er seit der Zeit nach der Pflichtschule als Hilfsarbeiter arbeitet. Koni hat Glück. Die Brüder konnten ihn nach dem Tod der Eltern doch nicht entmündigen lassen. Jetzt hat er sein Ziel, eine Berufsausbildung zu machen, erreicht.


Nicht aufgeben. Der Film „Rosi, Kurt und Koni“ von Regisseurin Hanne Lassl (siehe Interview rechts), der am 13. März in den Kinos anläuft, ist kein Film über Analphabetismus. Er erzählt von drei Menschen, die vom „System Österreich“ im Stich gelassen wurden. Man könnte auch sagen: die an der Gleichgültigkeit oder Kälte des Systems oder einzelner Systemträger gescheitert sind – könnte man, kann man aber nicht. Denn jeder dieser drei Menschen hat das Bemühen um Selbstbestimmung und ein Leben in Würde nicht aufgegeben. Nicht einmal das Bemühen um Lesen und Schreiben.

Ausgeliefert einem System, das sie nicht durchschauen können und konnten: Rosi jenem der zwangsweisen Entmündigung, Kurt den für ihn unergründlichen Wegen der Jugendwohlfahrt, Koni einem Justizsystem, das sich nach einer Schlägerei offenbar nicht die Mühe machte, die Ursachen seiner Aggressionen zu hinterfragen. Und alle drei wurden von einem Schulsystem ihrem Schicksal überlassen, in dem sie abgeschrieben wurden. Es kümmerte sich niemand darum, ob sie es nach Ende der Pflichtschuljahre als funktionale Analphabeten verlassen – oder nicht. Ob sie vielleicht doch nur krasse Leseschwächen hatten, schwere Formen von Legasthenie also, die mit entsprechender Förderung und adäquatem Bemühen hätten beseitigt werden können.

Wie könnte es sonst sein, dass Rosi, Kurt und Koni im Erwachsenenalter sehr wohl nachholen konnten, was ihnen als Kindern und Jugendlichen vorenthalten wurde? Dass Rosi, Anfang 50, wie in einer rührenden Szene im Film zu sehen ist, geschminkt und aufgeregt vor ein Publikum tritt und einen selbst geschrieben Text verliest? Und dass Koni mithilfe eines Freundes mit 42Jahren den Schulabschluss geschafft und sich für eine Lehre qualifiziert hat? Dass Kurt jetzt sehr wohl mit dem Computer arbeiten kann?

Rosi hatte sich lang mithilfe einer Bekannten durchs Leben geschlagen – ein Leben, in dem sie vor ihrer Hochzeit unendlich lang ihre Unterschrift üben musste. Seit dem Tod ihres Mannes war Rosi auf diese Frau angewiesen. Immer wieder sitzt sie stundenlang neben ihr, die Liste um Liste Ordnung in Rosis Existenz zu bringen versucht. Rosi macht Fehler, entscheidet unvernünftig – wie viele andere auch. Aber Rosi verliert dadurch die Unterstützung der Bekannten. Diese ist am Ende ihrer Geduld.


Reden statt schreiben. Ein Vormund sollte die Kontrolle über Rosis Leben übernehmen. Es war gut gemeint, aber Rosi weiß nicht, was es bedeutet. Sie erfährt es am Amt. Nein, das will sie nicht. Nur noch Taschengeld? Keine Entscheidungsfreiheit mehr? Nicht mehr über das eigene Leben bestimmen können? Das durchschaut sie, lehnt einen Sachwalter ab – bis zu jenem Freitag, an dem die Bankangestellte ihr mitteilt, sie dürfe auf Anweisung eines Anwalts kein Geld mehr ausgehändigt bekommen. Jemand hatte ohne ihr Wissen einen Antrag auf Besachwaltung gestellt, jemand hatte diesem ohne Verständigung stattgegeben. Oder doch nicht? Hat man ihr ein Papier zur Unterschrift vorgelegt, das sie nicht lesen konnte?

Plötzlich nützt alles Bemühen nichts mehr, waren alle Anstrengungen umsonst. Ab sofort gibt es nur mehr Taschengeld, von einem Fremden bestimmt, wie viel. Hat sie doch einen Brief bekommen, dessen Sinn sie nicht erfassen konnte? Das Amt musste wissen, dass Rosi nicht lesen kann. Ein Anruf, eine mündliche Verständigung– wahrscheinlich nicht vorgesehen.

Das mit den Briefen ist überhaupt so eine Sache. Rosi wird zu einer ärztlichen Untersuchung bestellt. Sie versucht mit Mühe, den Sinn des Schreibens zu entziffern. Wieso Urologie, was hat das mit ihr zu tun? Es ist aber die neurologische Abteilung. Sie verpasst den Termin. Alles ist für sie irgendwie unerklärlich, mysteriös. Man hätte sie auch anrufen können. Reden statt schreiben. Vormund, Amt, Arzt hätten sich koordinieren können.


Führerschein nachgeholt. Kurt hat sein Leben im Griff – irgendwie. Sogar den Führerschein hat er erworben, indem er dreimal am Tag die Kurse besucht und alles auswendig gelernt hat. Seit 17 Jahren spielt es für seine Arbeit im Supermarkt offensichtlich keine Rolle, dass seine Lese- und Alltagsmathematikkompetenz, wie es technokratisch heißt, weit unterdurchschnittlich ist. Als das Jugendamt der Mutter das Sorgerecht für den Sohn entzieht, weil sie zu „schlicht“ sei, kämpft Kurt darum. Er erledigt den Haushalt und mithilfe des Sohns den Rest – bis das Schreiben des Jugendamts eintrifft.

Irgendwer in der Behörde ist zu dem Schluss gekommen, dass auch Kurt aufgrund seiner „Schlichtheit“ nicht in der Lage sei, den Sohn entsprechend zu fördern. Also bleibt er in der betreuten Wohngemeinschaft.

Der Film zeigt die schleichende Entfremdung zwischen Vater und Sohn, die Sprachlosigkeit zwischen ihnen. Immer, wenn Kurt in dem Film den Sohn nach einem Besuch zurück in die WG bringt, in die leere eigene Wohnung zurückkehrt, drängt sich die Frage auf: Was ist für einen Teenager wichtiger – die Versorgung durch die Bürokratie oder durch einen Elternteil, der versucht, alles richtig zu machen? Wer hat wirklich das Recht, zu entscheiden, wenn offensichtlich keine Vernachlässigung vorliegt?

Auch Koni landet in der Sonderschule. Als er sie verlässt, kann er weder schreiben noch lesen. Das System entlässt ihn in ein Leben, das vorerst bestimmt ist von Gewalt in der Familie und anderswo. Mithilfe seiner Mutter gelangt er in eine andere Stadt und an eine Hilfsarbeiterstelle bei den Österreichischen Bundesbahnen. Was es bedeutet, den Sinn von Wörtern nicht zu erkennen, kann man erahnen, als Koni, der ÖBBler, hilflos vor einem Fahrscheinautomaten steht.


Hilfe versagt. Das Justizsystem hat ihm auch Hilfe versagt. Gewalt, sie kannte er aus seiner Jugend, Aggression durch Hilflosigkeit auch. Irgendwie konnte er die Entmündigung durch seine Brüder abwehren. Koni hatte eben Glück. Ein Kollege nimmt sich seiner an, hilft nachzuholen, was das System versäumt hat. Es ist immer ein einzelner Mensch, der hilft – ohne System.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2015)

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