Hanne Lassl: "Wie toll ist es, als Erwachsener Versäumtes nachzuholen?"

Regisseurin Hanne Lassl erzählt, wie die Arbeit am Film "Rosi, Kurt und Koni" die Protagonisten gestärkt und verändert hat.

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Hanne Lassl – (c) Stadtkino

Ihr Film „Rosi, Kurt und Koni“ zeigt das Leben von Außenseitern. Sie interessieren sich für Menschen außerhalb der Gesellschaft. Warum?

Hanne Lassl: Da sie oft viel mehr Kraft haben. Wie toll ist das denn, wenn man, wie in diesem Fall, alle Kraft einsetzt, um als Erwachsene Versäumtes nachzuholen – wie lesen und schreiben? Außenseiter haben die interessanteren Geschichten. Vielleicht mag ich sie aber auch deshalb, weil ich mich selbst am Rand der Gesellschaft fühle. Das Bürgertum interessiert mich nicht wirklich.


Wir reden von Analphabeten, aber sie können nur unzureichend schreiben und lesen. Was genau bedeutet unzureichend?

Die Definition würde mich auch interessieren. Analphabetismus als solchen gibt es in Österreich kaum. Menschen, die Buchstaben nicht kennen, gibt es nicht. Aber solche, die nicht verstehen, was sie lesen, schon. Ausreichend ist vielleicht, wenn du der Norm entsprichst, unzureichend, wenn nicht. Die Frage ist aber doch: Was genau ist die Norm und was passiert mit dir, wenn du ihr nicht entsprichst?


Was sagt das über unser Schulsystem?

Alles beginnt mit dem Kind. In Österreich ist man mit der Sonderschule schnell bei der Hand. Schwächere Kinder werden dort hineingesteckt. Dann sind sie das erste Mal ausgegrenzt, werden gehänselt, ausgelacht. Aber auch hier geht es um die Norm. Eine Lehrkraft hat 20 bis 25 Kinder zu betreuen. Da geht es um das Mittelmaß. Wer mehr Aufmerksamkeit braucht, wird abgeschoben.

 

Alle drei Protagonisten in Ihrem Film hatten jemanden, der ihnen half, als Erwachsene das zu lernen, was sie in der Schule nicht gelernt hatten. Wovon hängt es ab, ob jemand Hilfe sucht oder nicht? Braucht es immer die eine empathische Person?

Ja. Sie alle haben immer eine Person gehabt, die ihnen schließlich geholfen hat. Die drei und viele andere, mit denen ich auch gesprochen habe und die dann doch nicht mitgemacht haben, haben aber auch den Willen gehabt, da herauszukommen. Dabei geht es immer um Freiheit, die Freiheit, doch tun zu können, was man will. Koni zum Beispiel will reisen. Das kann er ohne Englisch nicht. Daher lernt er es nun.

 

Freiheit und Selbstvertrauen?

Um Selbstvertrauen geht es ganz besonders. Wie fühlt man sich denn als Kind, wenn man immer weiß, man schafft es nicht? Wenn da niemand ist, kein Experte, der dir hilft? In der Sonderschule beginnt dann der traurige Weg.

 

In dem Film geht es auch um das Verhalten der Bürokratie. Hat es verständnisvolle Beamte gegeben?

Beamte machen einfach ihren Job.


Aber reicht das? Braucht es nicht in den Ämtern Personen, die sich besonders einsetzen?

Es ist oft auch schwierig, weil sich die Betroffenen schämen, ihre Leseschwäche zuzugeben. Ich kenne jemanden, der auf Arbeitslosengeld verzichtet, nur weil er sich vor den Formularen am Arbeitsamt fürchtet.


Wie hat der Film Rosi, Kurt, Koni verändert?

Sehr. Das hätte ich nie geglaubt. Sie sind alle drei immer stärker geworden, haben plötzlich Selbstvertrauen gewonnen. Sie sind trotz ihrer Schwächen an die Öffentlichkeit gegangen. Sie müssen sich nicht mehr verstecken. Man interessiert sich für ihre Geschichten. Sie werden gehört. Es geht auch um Teilhabe an der Gesellschaft. Kurt hat das bei einer Diskussion so schön gesagt: „Jeder Mensch hat seine Schwächen. Und das ist meine.“

 

Isolation ist ein großes Thema?

Ja, sie haben oft niemanden. Kurt hat seinen Sohn, Koni seinen Kollegen bei der ÖBB. Rosi hat niemanden. Aber für Rosi war es am Ende ein Glück, dass sie trotz Sachwalter allein war. Sie muss sich jetzt selbst um ihre Dinge kümmern. Sie merkt plötzlich, dass sie es kann.


Was wollen Sie mit dem Film erreichen?

Dass über dieses Tabu geredet wird. Dass Richter, Lehrer, die Öffentlichkeit merken, was da eigentlich los ist.

Steckbrief

Hanne Lassl
ist gebürtige Oberösterreicherin.
In der Filmbranche ist sie seit 1999 meist als Produktionsleiterin tätig. Sie managte Dokumentationen wie „Das große Museum“ und „Die verrückte Welt der Ute Bock“. „Rosi, Kurt und Koni“ ist ihr erster Film.
Er kommt am 13.März in die heimischen Kinos.
Privat

Hilfe

Das Alfa-Zentrum der Volkshochschulen bietet Alphabetisierungskurse für Erwachsene in Deutsch als Erstsprache an. Es betreibt auch eine Beratungsstelle, bei der man anonym anrufen kann.

Die Nummer des Alfa-Telefons:

O800 244 800

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2015)

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