Sprachförderung: „Deutschpflicht in Pause ist schädlich“

Erziehungswissenschaftlerin Ursula Neumann erklärt, weshalb jeder Lehrer ein Sprachlehrer sein soll und der „polemische Begriff“ Ghettoklassen zu undifferenziert ist.

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(c) Die Presse (Fabry)

Die Presse: Im Jahr 2015 wurden 9000 Flüchtlinge in Österreichs Schulen aufgenommen. Wie lang wird es dauern, bis sie gut Deutsch sprechen?

Ursula Neumann: Den Grundwortschatz, den man braucht, um dem Unterricht folgen zu können, werden die Kinder in ein bis zwei Jahren lernen. Es hängt natürlich davon ab, ob die Kinder alphabetisiert sind und welche Schrift sie gelernt haben. Um die Bildungssprache zu beherrschen, braucht man vier bis sechs Jahre.

 

Sollen diese Kinder gleich in Regelklassen aufgenommen oder in separaten Deutschklassen unterrichtet werden?

Entscheidend ist, wie viel Deutsch die Kinder hören. Wenn in separaten Klassen nur der Lehrer Deutsch spricht, kann das zu wenig sein. Das würde für die Einschulung in Regelklassen sprechen. Doch da gibt es auch Nachteile. Wenn Kinder in das deutsche Sprachbad eintauchen, ohne dass es eine systematische Vermittlung des Deutschen – also der Grammatik, des Wortschatzes und so weiter – gibt, dann hören sie Deutsch, verstehen aber zu wenig.

Lernen Kinder also nicht automatisch Deutsch?

Im Kindergartenalter funktioniert das noch. Ab dem sechsten Lebensjahr reicht das Sprachbad aber nicht mehr aus.

 

In Österreich wurden separate Klassen als Ghettoklassen verunglimpft. Zu Unrecht?

Es gibt furchtbare Formen von Ghettoklassen, bei denen der polemische Begriff gerechtfertigt ist. Ich spreche von Klassen, die in einem Behelfsbau auf der anderen Seite des Schulhofs angesiedelt sind. Im schlimmsten Fall haben sie auch noch andere Pausenzeiten, damit die anderen Kinder gar nicht in Berührung mit ihnen kommen.

 

In Wien gibt es Deutschklassen, die Kinder, die nicht Deutsch können, maximal ein Jahr lang besuchen müssen. Spricht etwas gegen diese Praxis?

Gegen eine separate Beschulung für maximal ein Jahr ist nichts zu sagen. Allerdings sollten die Kinder mit anderen in Berührung kommen, etwa bei Kursen im Ganztagsbetrieb. Wichtig ist, dass die Lehrer eine eigene Ausbildung für Deutsch als Zweitsprache haben. Es reicht nicht, wenn es ihre einzige Qualifikation ist, Deutsch zu sprechen. Der Unterricht muss auf mehrsprachige Kinder eingestellt werden.


Es heißt, jeder Lehrer – egal welches Fach er unterrichtet – müsse auch ein Sprachlehrer sein. Ist das nicht zu viel verlangt?

Jeder angehende Lehrer sollte die sprachlichen Aspekte seines Fachs lernen. Das ist nichts Zusätzliches. Das ist Teil des Fachs. Denn wenn etwa Mathematik in einer bestimmten Ausdrucksweise verfasst ist, dann ist es die Aufgabe des Lehrers, den Text verständlich zu machen, damit die Kinder letztlich die Mathematik verstehen. Es gibt Studien, die zeigen, dass Lehrer diese Aufgabe akzeptieren, dass sie aber nicht wissen, wie sie den Kindern helfen können. Es geht nicht darum, dass Lehrer die Sprache vereinfachen, sondern darum, den Kindern Hilfsmittel bereitzustellen.

Oberösterreich hätte gern eine Deutschpflicht auf Schulhöfen. Was halten Sie davon?

Ich halte es nicht nur für großen Blödsinn, sondern auch für diskriminierend und schädlich. Blödsinn ist es, weil Kinder auf dem Schulhof ohnehin nicht das Deutsch lernen, das sie im Unterricht brauchen. Schädlich ist es, weil man den Schülern zeigt, dass man ihnen einen Teil ihrer Persönlichkeit, nämlich eine andere Sprache zu sprechen, verbieten kann. Ein Verbot kann allenfalls auf einer sozialen Ebene wirken. Denn man kann durch Sprache Gesprächspartner ein- beziehungsweise ausschließen.

 

Heißt das, für den sozialen Zusammenhalt kann Deutsch auf dem Schulhof gut sein?

Man kann jemandem zeigen, dass er unerwünscht ist, indem man sagt: „Geh weg“, oder man spricht in einer fremden Sprache weiter. Es ist also ein bewusster Affront.


Burgenlands Landeshauptmann, Hans Niessl, hat zuletzt gesagt, nicht der Schulhof, sondern die Eltern seien das Problem. Sie sollten mit den Kindern Deutsch sprechen. Was halten Sie davon?

Da würde ich sehr davon abraten. Man weiß aus der Forschung, dass es nicht darum geht, dass die Eltern das Kind mit ihrem Wissen unterstützen können, sondern dass sie Interesse an dem zeigen müssen, was die Kinder in der Schule machen. Das ist förderlich. Egal welche Sprache sie sprechen.

 

Zusammengefasst sagen Sie, dass Eltern zu Hause mit den Kindern die Muttersprache sprechen sollten, auf dem Pausenhof darf in der Muttersprache gesprochen werden, und in der Freizeit passiert das sowieso. Dann bleibt der Unterricht die einzige Möglichkeit, Deutsch zu lernen.

Das, was Sie plakativ sagen, ist eine typisch einsprachige Sicht. Die Welt ist für zweisprachige Kinder nicht einsprachig. Was die Kinder tun, ist zu mischen. Sie sprechen mit der Mutter die eine und mit den Geschwistern eine andere Sprache. Die Gelegenheiten, Deutsch zu verwenden, sind reichlich.

ZUR PERSON

Ursula Neumann (geb. 1949) ist Professorin i.R. für Erziehungswissenschaften an der Uni Hamburg. Sie wird morgen, 28. Jänner, auf Einladung von BildungGrenzenlos an der Uni Wien über das Thema Sprachförderung referieren (18.00 Uhr, Hörsaal 34). [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2016)

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