Welche Faktoren Schüler scheitern lassen

Elf Prozent der österreichischen Schüler sind so leistungsschwach, dass sie sich „in einer modernen Gesellschaft nicht vollständig zurechtfinden“.

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Jeder zehnte Schüler ist ein Risikofall – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Es ist schwer vorstellbar, wurde aber gerade erneut bewiesen: Elf Prozent der österreichischen Schüler sind so leistungsschwach, dass sie sich „in einer modernen Gesellschaft nicht vollständig zurechtfinden“. Das ist das Ergebnis einer gestern, Mittwoch, veröffentlichten OECD-Auswertung, bei der die Pisa-Resultate aus dem Jahr 2012 noch einmal genauer untersucht wurden.

Etwa jeder zehnte Schüler zählt demnach in allen drei Testgebieten, also in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften, zu den Schülern mit Leistungsschwächen. Konkret handelt es sich um rund 9500 Jugendliche des Altersjahrgangs der 15- bzw. 16-Jährigen. Sie können mithilfe klarer Anweisungen und unter Heranziehung nur einer einzigen Informationsquelle zwar zumindest zum Teil simple Schlüsse ziehen. Es ist ihnen aber nicht möglich, etwas komplexere Aufgaben selbstständig zu lösen.

Mit einem Risikoschüleranteil von elf Prozent liegt Österreich immerhin knapp besser als die OECD-Länder im Durchschnitt (zwölf Prozent). Das gelingt aber nicht in allen Fächern. Beim Lesen schneidet Österreich – trotz kleiner Verbesserungen gegenüber der ersten Pisa-Studie 2000 – unterdurchschnittlich ab. In Österreich sind 19,5 Prozent schwache Leser, OECD-weit sind es 18 Prozent. In den Naturwissenschaften gab es ebenso eine minimale Verbesserung. 16 Prozent der Schüler gehören in Österreich zu den Schwachen, in der OECD sind es 18 Prozent. Der Anteil der Schwachen in Mathematik ist praktisch konstant geblieben. 19 Prozent haben Leistungsschwächen. OECD-weit sind es sogar 23 Prozent.

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(C) APA

Die OECD geht in der Studie den Gründen für die Leistungsschwächen nach. DEN Risikofaktor gibt es laut Untersuchung zwar nicht. Vielmehr sei es „eine Kombination und Anhäufung verschiedener Hindernisse und Benachteiligungen, die Schüler ihr ganzes Leben lang begleiten“ und die Wahrscheinlichkeit eines schwachen Abschneidens erhöhen. Genau untersucht wurde das im Bereich Mathematik. Nun steht fest, welche Faktoren das Risiko zu scheitern erhöhen.


Sozialstatus: Der Sozialstatus ist (mit-)entscheidend. In Österreich fallen 34 Prozent der Schüler aus einem Haushalt mit geringem Einkommen bzw. geringer Bildung unter die Leistungsschwachen – vergleichsweise waren es nur sechs Prozent aus finanzkräftigeren bzw. besser gebildeten Familien. Laut OECD ist das Risiko, schwache Leistungen zu erbringen, bei benachteiligten Kindern siebenmal so hoch. „Viele Länder haben es über die Zeit hinweg geschafft, den Einfluss des Sozialstatus zu verringern“, heißt es in der Studie.

Migrationshintergrund: Auch der Migrationshintergrund gilt als Risikofaktor. OECD-weit erzielen Schüler ohne Migrationshintergrund 34 Punkte mehr bei Pisa-Tests als Schüler mit Migrationshintergrund. Das entspricht einem Leistungsunterschied von einem Schuljahr. Der Anteil der Leistungsschwachen ist wiederum unter den Jugendlichen mit Migrationshintergrund deutlich höher – um 14 Prozentpunkte. Der Unterschied ist nicht allein durch den Migrationshintergrund erklärbar. Oft hängt er auch mit einem niedrigen Sozialstatus zusammen. Doch selbst wenn man andere Einflussfaktoren herausrechnet, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Migranten zu Risikoschülern werden, 1,6-mal höher.

Familie: Auch der familiäre Hintergrund spielt eine Rolle. Kinder von Alleinerziehern zählen häufiger zur Risikogruppe. In Österreich ist dieser Zusammenhang aber deutlich geringer als in anderen Ländern.

Wohnort: In der Mehrheit der Staaten ist ein starkes Stadt-Land-Gefälle feststellbar. Im OECD-Schnitt zählen 29 Prozent der Schüler, die auf dem Land die Schule besuchen, zu den Risikoschülern. In der Stadt sind es nur 21 Prozent. Ein Unterschied, der sich in Österreich so nicht feststellen lässt.


Geschlecht: Feststellbar ist auch ein Unterschied zwischen den Geschlechtern. Als einziger Faktor ist dieser aber je nach Fach unterschiedlich ausgeprägt. Für Buben ist das Risiko, zu den schwachen Schülern zu zählen, beim Lesen und in den Naturwissenschaften höher. Für Mädchen ist das Risiko hingegen in Mathematik 1,1-mal höher.

Kindergartenbesuch: Der Besuch eines Kindergartens prägt. 41 Prozent der Schüler, die nie einen Kindergarten besucht haben, zählen zu den Leistungsschwachen. Das trifft hingegen nur auf 20 Prozent jener zu, die zumindest ein Jahr im Kindergarten waren. Wer nie einen Kindergarten besucht hat, hat eine 3,3-mal so hohe Wahrscheinlichkeit, Risikoschüler zu werden.

Klassenwiederholungen: Größter Risikofaktor für schlechtes Abschneiden ist das Sitzenbleiben: Wer eine Klasse wiederholt, hat selbst unter Berücksichtigung anderer Einflussfaktoren das 6,4-fache Risiko auf eine Einordnung als Leistungsschwacher. Sitzen bleiben macht die Situation also noch schlimmer. Laut Studie hat das mit der niedrigeren Erwartungshaltung der Lehrer und der Schwierigkeit, in der neuen Klassengemeinschaft Fuß zu fassen, zu tun.

AUF EINEN BLICK

Risiko. Elf Prozent der heimischen Schüler haben ernsthafte Schwächen im Lesen, im Rechnen und in den Naturwissenschaften. Das sind 9500 Schüler des entsprechenden Altersjahrgangs der 15- bis 16-Jährigen. Sie finden sich in einer modernen Gesellschaft laut OECD nicht vollständig zurecht.

Auswertung. Die OECD hat für die aktuelle Auswertung den Pisa-Test von 2012 noch einmal unter die Lupe genommen und auch Risikofaktoren herausgearbeitet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2016)

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