NMS: Mehr Chancen, mehr Scheitern

Die Durchlässigkeit in Richtung Matura ist für NMS-Schüler größer als für Hauptschüler, die Probleme nach dem Wechsel auch. Wichtiger als der Schultyp ist der -standort.

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THEMENBILD: NEUE MITTELSCHULE – (c) APA/HERBERT NEUBAUER

Wien. Man könnte sagen, dass sich für Nicht-Gymnasiasten die Selektion auf dem Weg zur Matura um ein Jahr nach hinten verschoben hat: Schüler einer Neuen Mittelschule (NMS) schaffen eher den Aufstieg in eine höhere Schule als Hauptschüler – sie scheitern dort aber auch etwas öfter. Letztlich sind mit der NMS trotzdem mehr 15-Jährige auf dem Weg in Richtung Matura. Das zeigt die aktuelle Statistik-Austria-Analyse jener 232 Schulen, die (2008 und 2009) als erste auf NMS umgestellt wurden.

Während an den Hauptschulen von 100 Schülern nur 36 den Umstieg in eine höhere Schule geschafft haben, waren es an denselben Standorten nach der Umstellung 46 Schüler (siehe Grafik). Im ersten Jahr an AHS-Oberstufe oder BHS tun sich NMS-Schüler schwerer – am Ende bleiben aber mehr übrig: Während 26 Ex-Hauptschüler es in die nächste Klasse schaffen, sind es 32 frühere NMS-Schüler. Wie viele von ihnen wirklich die Matura schaffen, bleibt abzuwarten: Die ersten NMS-Absolventen maturieren frühestens im Juni.

 

Sehr motivierte Schulen?

Ein Ziel der Neuen Mittelschule ist demnach also erreicht – worüber Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) gleich jubelte: Die Chancen auf eine maturaführende Schule sind größer als früher, die Durchlässigkeit hat sich verbessert. Zumindest, wenn man sich die analysierten Jahrgänge ansieht, die freiwillig auf die NMS umstellten und daher – wie Schulforscher Ferdinand Eder im „Presse“-Gespräch sagt – womöglich besonders motiviert waren. Eder will daher auch (noch) nicht von einer Verschiebung der Selektion sprechen, wie das Statistik-Austria-Chef Konrad Pesendorfer tut.

Dass auch die Probleme der NMS-Schüler nach dem Wechsel in eine höhere Schule größer sind, könnte zu neuen Debatten über die ohnehin oft kritisierte NMS führen. Pesendorfer spielt auf eine mögliche Diskrepanz zwischen Noten und Leistung an. Mit der siebenteiligen Notenskala versuche man eine Bewertung analog zu jener der AHS, beim Lernstoff bestehe aber offenbar doch ein Unterschied. Schulforscher Eder meint, dass viele Lehrer unsicher seien, nach welchen Standards sie beurteilen sollen. Man müsse analysieren, was diese Noten wert seien.

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(C) DiePresse

Insgesamt sieht Eder diese ersten Daten aber positiv: Seine persönliche Erklärung sei, dass Schüler in der Neuen Mittelschule auch dazu ermutigt würden, sich selbst etwas zuzutrauen. „Das andere ist, dass dann die Realität zuschlägt. Aber wenn es jemand erst gar nicht probiert, ist der Misserfolg sowieso gegeben.“ Laut Pesendorfer sei womöglich früher nur die „Elite“ der Hauptschüler an höheren Schulen gelandet und der Umstieg daher besser gelungen.

 

Null Schüler steigen auf

Entscheidender als der Schultyp – NMS oder Hauptschule – ist für einen (erfolgreichen) Wechsel in eine AHS-Oberstufe oder in eine BHS wie HAK oder HTL aber die konkrete Schule. „Die Unterschiede zwischen den einzelnen Standorten sind sehr groß“, sagt Regina Radinger von der Statistik Austria. Es gebe Schulen, von denen es in manchen Jahren nicht ein einziger Schüler an eine höhere Schule schaffe – und andere, an denen 90 Prozent nach der vierten Klasse an eine höhere Schule wechseln.

Massiv sind die Unterschiede zwischen Stadt und Land – jedenfalls in Hauptschulen und NMS: Während es am Land zuletzt rund 82 Prozent der (deutschsprachigen) Hauptschulabsolventen bzw. 79 Prozent der NMS-Absolventen erfolgreich in die zehnte Schulstufe schafften, waren es in der Stadt nur 59 bzw. 53 Prozent. Bei Absolventen von AHS-Unterstufen ist die Diskrepanz mit 89 Prozent in der Stadt und 92 Prozent am Land geringer.

Ein interessantes Detail: Schüler mit einer anderen Umgangssprache als Deutsch schneiden bei dieser Analyse durchwegs schlechter ab – mit einer Ausnahme. Jene, die eine AHS-Unterstufe am Land besucht haben, sind sogar erfolgreicher als die deutschsprachigen. Sie schaffen es zu 94,4 Prozent in die zehnte Schulstufe.

AUF EINEN BLICK

Die Neue Mittelschule. 2008 stellten die ersten Hauptschulen auf das neue Modell um. Seit Herbst 2015 laufen alle ersten Klassen als NMS. Inhaltlich ähnelt der Lehrplan dem des Realgymnasiums. In der dritten und vierten Klasse wird auf einer siebenstufigen Notenskala ausgewiesen, ob Schüler nur Basiswissen oder Wissen auf AHS-Level erreicht haben. Wer in Deutsch, Mathematik und Englisch vertieftes Wissen erreicht, darf in eine höhere Schule wechseln.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2016)

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