Studie: Wo eine Gesamtschule möglich ist

In knapp der Hälfte der Bezirke außerhalb Wiens ist die Einrichtung der Gesamtschule unter den paktierten politischen Vorgaben nicht möglich. Vorarlbergs Gesamtschulpläne platzen.

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Wien. Die SPÖ liebt sie. Die Bundes-ÖVP hasst sie. Und genau deshalb gibt es auch nach der grundsätzlichen Einigung auf eine Bildungsreform noch keine klare Entscheidung zum Nummer-eins-Streitthema Gesamtschule. Es gibt (vorerst) nur eine komplizierte Halblösung, aus der nicht eindeutig ablesbar ist, in welchen Regionen die Gesamtschule eingeführt werden dürfte und in welchen nicht. Das hat sich nun das Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (IBW) im Auftrag der Industriellenvereinigung angeschaut. Das Ergebnis, das der „Presse“ exklusiv vorliegt: In knapp der Hälfte (46 Prozent) der Bezirke außerhalb Wiens ist die Einrichtung der Gesamtschule nicht möglich. Auch Vorarlberg, das sich eine Gesamtschule im ganzen Bundesland wünscht, würde leer ausgehen: Nicht einmal ein einziger Bezirk könnte die Gesamtschule testen.

Denn die Regierung hat sich am 17. November des Vorjahres auf eine 15-Prozent-Grenze geeinigt. In keinem Bundesland darf die Gesamtschule demnach auf mehr als 15 Prozent der Schulstandorte einer Schulart (also AHS-Unterstufe oder Neuer Mittelschule) bzw. auf 15 Prozent aller Schüler einer Schulart ausgeweitet werden. Geht man, wie das IBW, davon aus, dass Modellregionen mindestens einen ganzen politischen Bezirk umfassen sollten, um zu vermeiden, dass Kinder in andere Schulen ausweichen, dann scheiden aufgrund der 15-Prozent-Grenze viele Bezirke automatisch aus (siehe Grafik). (Anmerkung: Bei Bezirken ohne AHS geht es um öffentliche AHS-Unterstufen).

 

21 Bezirke ohne Gymnasium

18 Bezirke – darunter etwa Bludenz, Salzburg Land und Neusiedl – eignen sich keinesfalls als Modellregionen. Denn würden diese Bezirke umgewandelt, dann wären automatisch mehr als 15 Prozent der Schüler eines Schultyps bzw. mehr als 15 Prozent der Standorte des jeweiligen Bundeslands betroffen.

Den Vorarlberger Gesamtschulplänen wird dadurch endgültig ein Riegel vorgeschoben. Es kann nämlich nicht einmal ein einziger Vorarlberger Bezirk eine Modellregion errichten. Rein theoretisch könnten Gesamtschulen in Vorarlberg lediglich abseits von Bezirksgrenzen eingerichtet werden. Oder es könnte, wie zuletzt bereits diskutiert, überhaupt eine Sonderlösung für Vorarlberg gefunden werden.

Unmöglich ist die Einrichtung einer Gesamtschule auch in fast allen Landeshauptstädten. Wien ist ohnehin ein Sonderfall. Denn hier können Schüler einer Gesamtschule besonders leicht ausweichen. Die Einführung eines Versuchs in nur einem Teil der Stadt ist also nicht wirklich sinnvoll. Bis auf St. Pölten überschreiten alle Landeshauptstädte die von der Koalition vorgegebene 15-Prozent-Marke.

Insgesamt wäre die Errichtung einer Gesamtschule laut IBW-Studie in drei Vierteln aller Bezirke theoretisch möglich – aber keinesfalls überall sinnvoll. In 21 österreichischen Bezirken gibt es etwa kein einziges Gymnasium. Die Gesamtschule dort auszutesten wäre wohl nur wenig zielführend. Weitere vier Bezirke liegen gerade noch unter der 15-Prozent-Grenze und sind somit Wackelkandidaten. Schlussendlich kommen 43 der 94 Bezirke außerhalb Wiens nicht als Gesamtschulregionen infrage. Damit bleibt in mehr als der Hälfte der Bezirke alles, wie es ist.

Mit der Auswahl möglicher Gesamtschulbezirke wird eine Zukunftsentscheidung für alle Regionen getroffen. Denn die Schaffung einer Modellregion in einem oder mehreren Bezirken eines Bundeslands bedeutet, dass den anderen Bezirken diese Möglichkeit nicht mehr offensteht. Und das für die nächsten zehn Jahre. Erst dann sollen nämlich die Modellversuche evaluiert werden.

In Stein gemeißelt ist die politisch paktierte 15-Prozent-Grenze, die der Gesamtschule offenbar engere Grenzen setzt als erwartet, aber ohnehin noch nicht. Die SPÖ hätte gern eine Lockerung. Die ÖVP ist zwar dagegen. Änderungen könnte es trotzdem geben. Wie aus Verhandlerkreisen zu hören ist, könnte die 15-Prozent-Grenze zumindest bei den Neuen Mittelschulen aufgeweicht werden.

AUF EINEN BLICK

Modellregionen. Die Gesamtschulversuche waren einer der großen Streitpunkte zwischen den Bildungsverhandlern. Paktiert wurde eine Obergrenze von je 15 Prozent der Schulen bzw. der Schüler eines Schultyps. Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) ließ aber bald anklingen, dass ihr das zu wenig sei. Auch das schwarz-grüne Vorarlberg – das komplett zur Modellregion werden will – drängt auf eine Aufweichung dieser Grenze.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.04.2016)

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