Kompensation: "Rettungsversuch" nach vielen Fünfern bei Zentralmatura

Die Kompensationsprüfungen stehen wegen mangelnder Objektivität in der Kritik. In Salzburg fordert man, sie künftig schriftlich durchzuführen.

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(c) APA/ROBERT JAEGER

Wien. In Salzburg regt sich nach der Zentralmatura Unmut – und zwar wegen der Kompensationsprüfungen, die für viele Maturanten dieses Jahr der Rettungsanker waren. Im dortigen Landesschulrat zweifelt man an der Objektivität dieser Prüfungen, mit denen sich Schüler schriftliche Fünfer ausbessern konnten. Denn wie „Die Presse“ berichtete, waren die Erfolgschancen trotz gleicher Fragen je nach Bundesland höchst unterschiedlich: Während sich in Kärnten 84 Prozent der negativen Mathematikmaturanten verbesserten, schaffte das in Salzburg nur gut die Hälfte.

„Derzeit scheint das nicht der Gipfel der Objektivität zu sein“, sagt Roland Bieber vom Salzburger Landesschulrat. Er ortet hier eine gewisse Eigendynamik. „Aufgrund eines schlechten Ergebnisses in Mathematik wurde hie und da offenbar ein Rettungsversuch gestartet.“ Ähnliche Kritik kommt auch aus Oberösterreich: „Die Kompensationsprüfungen waren bei uns offenbar schwerer als bei den anderen“, meinte Landesschulratspräsident Fritz Enzenhofer ironisch.

Die Kompensationsprüfung ist der Nachfolger der früheren zusätzlichen Prüfung bei der mündlichen Matura, mit der man sich einen schriftlichen Fünfer ausbessern konnte. Sie wird an einem Extratermin abgelegt und, obwohl sie zur schriftlichen Matura gehört und die Fragen zentral vorgegeben sind, mündlich durchgeführt. Das wurde immer wieder als eine Art Schlupfloch kritisiert, für den Fall, dass das Niveau der Schüler für die zentrale schriftliche Klausur nicht reicht.

In Salzburg fordert man daher, auch diese Prüfung schriftlich durchzuführen. „Wenn man eine Zentralmatura abhalten will, dann muss das konsequent sein“, heißt es aus dem Landesschulrat. „Das könnte in Form einer schriftlichen Kompensation sein. In der derzeitigen Form sehe ich das nicht.“

Laut Ex-AHS-Direktorin Heidi Schrodt hat sich im Vergleich zu den früheren mündlichen Prüfungen kaum etwas geändert. „Es ist schon oft vorgekommen, dass der Lehrer die Prüfungsfrage beantwortet. Es war die Rolle des Vorsitzenden, darauf zu schauen. Das wird jetzt ähnlich sein.“ Mit der Zentralmatura steige aber der Druck: „Ich kann mir vorstellen, dass man mehr nachhilft, wenn das Ergebnis in der eigenen Klasse oder Schule besonders schlecht ausgefallen ist – weil es ja auch um das Renommee geht.“

 

Die Prüfung bügelt manches aus

Im Schnitt besserten sich in Mathematik zwei Drittel der negativen Maturanten in diesen Prüfungen Anfang Juni ihren Fünfer aus, in Englisch gelang das etwas mehr als der Hälfte, in Deutsch mehr als 80 Prozent. Dass hier überkompensiert worden sein könnte, weist das Ministerium zurück. Starke Verbesserungen habe es in den mündlichen Prüfungen immer schon gegeben. Immer schon seien da die Hälfte bis zwei Drittel der Fünfer ausgebessert worden. Und ein Vorteil gegenüber dem früheren Zusatz sei, dass die Kompensationsprüfungen zeitlich getrennt von der mündlichen Matura stattfänden.

Trotzdem dürfte man da und dort nicht ganz glücklich sein mit den Kompensationsprüfungen. Sektionschef Christian Dorninger rutschte bei der Präsentation der Maturaergebnisse am Montag sogar das Wort „Übergangslösung“ heraus, ohne das allerdings näher auszuführen. Im Büro von Sonja Hammerschmid (SPÖ) beeilte man sich auf Nachfrage klarzustellen, dass hier nichts geplant sei. Die Unterschiede zwischen den Bundesländern werde man sich aber anschauen. Auch aus dem BIFIE heißt es: Es werde sich nichts ändern. Chef Jürgen Horschinegg hält die Kompensationsprüfung für eine gute Lösung. Sie nehme der punktuellen Prüfung die Schärfe, manche Schüler würden sich mündlich leichter tun. Und auf Systemebene helfe die Prüfung eben auch, manches auszubügeln, was noch nicht funktioniert: „Wir stellen ein riesiges System um, und das kann einfach noch nicht überall gegriffen haben.“

 

Lehrer kritisieren schriftlichen Teil

Auch die Lehrervertreter ziehen die Prüfung in Zweifel: Nach Ansicht von AHS-Gewerkschafter Eckehard Quin wird entweder bei der Klausur oder bei der Kompensationsprüfung das Falsche abgeprüft. Anders sei nicht zu erklären, dass Maturanten plötzlich Dinge beherrschten, die sie kurz davor noch nicht konnten. „Wenn die Schüler das bei der schriftlichen Prüfung nicht können und bei der mündlichen können sie es sehr wohl, muss bei der schriftlichen irgendetwas nicht passen“, vermutet sein BHS-Kollege Roland Gangl den Fehler im schriftlichen Teil.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2016)

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