Die teuerste Schule Österreichs

155 Schüler aus aller Welt besuchen die St. Gilgen International School, die nach der Pleite unlängst vom Elternverein übernommen wurde. Ein Besuch am Wolfgangsee.

Auch die Lederhose ist Teil der Schuluniform: Gregory, Jessica, Conny, Plamena und Laurin, trotz Regen im Hof der St. Gilgen International School.
Schließen
Auch die Lederhose ist Teil der Schuluniform: Gregory, Jessica, Conny, Plamena und Laurin, trotz Regen im Hof der St. Gilgen International School.
Auch die Lederhose ist Teil der Schuluniform: Gregory, Jessica, Conny, Plamena und Laurin, trotz Regen im Hof der St. Gilgen International School. – Bernadette Bayrhammer

Die asiatischen Touristen, die bei strömendem Regen in Plastikmontur durch St. Gilgen stapfen, haben irgendwie ja recht: Das Örtchen am Ufer des Wolfgangsees ist sogar bei Schlechtwetter noch idyllisch. In Rufweite der Kirche eine Villa, umgeben von modernen Glasbauten: die ehemalige Sommerresidenz der Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach, die seit acht Jahren die St. Gilgen International School beherbergt.

Es ist eine englischsprachige Privatschule, die unlängst aus eher unglücklichen Gründen durch die Medien ging: Trotz eines Schulgelds von bis zu 66.000 Euro pro Jahr war die teuerste Schule Österreichs pleite. Das bleibt sie, auch nachdem der Elternverein die Schule übernommen und die Kosten auf maximal 54.500 Euro für die ältesten Internatsschüler heruntergesetzt hat.

Vor allem aus österreichischer Perspektive sei das teuer, räumt Tom Walsh ein, gebürtiger Ire und nach zahlreichen Stationen in internationalen Schulen nun Direktor in St. Gilgen. Mit internationalen Schulen sei der Preis aber vergleichbar. Wenn man Schulen in der Schweiz betrachte, sogar günstig. „Die Gebühren sind da, und sie sind nicht billig. Aber man bekommt auch eine Menge dafür“, sagt Walsh: kleine Klassen, inspiriertes Personal, individuelle Unterstützung, eine gewaltige Auswahl an Aktivitäten am Berg, auf dem See, in der Natur. Um nur einiges zu nennen.


Venedig, Forschen, Feuer. Mit sichtlichem Stolz führt Walsh durch die um die Villa gruppierten modernen Gebäude. Eine Handvoll Neun- und Zehnjähriger zeigt mit ihrer Lehrerin Aleisha House voller Stolz die Tagebücher der Venedigwoche, die sie mit einem „National Geographic“-Fotografen dokumentiert haben. Ein Stockwerk darunter bekommt ein Schüler Einzelförderung in Englisch. Treppauf hier, treppab da gelangt man ins Labor, wo 14-Jährige gerade versuchen, bestimmte Enzyme in kleinen Leberstückchen nachzuweisen. In die Mathematikklasse der 16-Jährigen, die an ihren Statistikprojekten feilen. In die Bibliothek, wo ein paar Schüler ausnahmsweise ohne die dunkelblaue Uniform unterwegs sind: Sie kommen gerade vom Feuermachen im nahe gelegenen Wald, ein wöchentlicher Fixpunkt.

„Ich mag es, dass hier die Eigeninitiative gefördert wird“, sagt der 16-jährige Gregory aus Russland. „Man findet immer jemanden, der sich in dem Bereich auskennt, für den man sich gerade interessiert“, sagt Jessica (16) aus Fuschl am See. Der Brite Conny schätzt die Aktivitäten, von Bergsteigen über Tennis bis Kajakfahren. Plamena aus Bulgarien den Umgang zwischen Lehrern und Schülern: „Wir sind auf Augenhöhe.“ Das hat Laurin (16) im öffentlichen Gymnasium vermisst, wo es zuvor ein bisschen hakte. „Ich erlebe hier viel mehr Respekt.“


Ein Drittel aus Österreich. Wie Laurin – Sohn von Elternvereinschef Gert Fahrnberger – kommt ein Drittel der Schüler aus Österreich. Die übrigen sind durchmischt. Man begegnet vielen Schülern aus dem Osten: Litauen, Ukraine, Russland, vielen englischsprachigen Schülern. Es gibt Schüler aus Katar, aus China. „Manche Eltern arbeiten bei Red Bull oder Porsche, sind mobil und suchen eine Schule, die das auch ermöglicht“, sagt Fahrnberger, selbst IT–Unternehmer. Für viele ist zentral, dass ihre Kinder auf Englisch unterrichtet werden. Und andere entfliehen so miesen Schulsystemen.

Der eine oder andere entspricht dem Klischee, das man von Schülern an Eliteschulen hat: sehr gut situierte Herkunft, eigener Fahrer inklusive. Ungefähr zehn Prozent der 155 Schüler haben dagegen ein Stipendium, wie Jessica, die sich nach der Hauptschule in Fuschl bewarb. Fahrnberger will die Zahl der Stipendien steigern, wie auch die Anzahl der Schüler generell, Platz ist für 250. Dann könne und werde man das Schulgeld weiter reduzieren: Die Schule ist nach der Übernahme durch die Eltern eine Non-Profit-Einrichtung. „Wir wollten, dass dieser wundervolle Ort weiter besteht“, sagt Fahrnberger.


Ein Teil der Dorfgemeinschaft. Dass die Schule mitten im Dorf liegt – und nicht, wie manche es erwarten würden, an einem abgelegenen Ort, exklusiv eben –, ist kein Zufall, sondern Programm. „Uns ist wichtig, dass wir ein positiver Beitrag zur Dorfgemeinschaft sind“, sagt Schuldirektor Tom Walsh. Der Schulchor singt beim St. Gilgener Weihnachtsmarkt, die vier Internatsgebäude sind ehemalige Hotels. Gegessen wird in Restaurants im Dorf, eine ehemalige Werkstatt nutzt die Schule als Atelier.

Und noch etwas: Was die Uniform angeht, haben die Schüler die Wahl zwischen dem klassischen Dunkelblau – und Dirndl bzw. Lederhose. Die zehnjährige Hannah aus England hat sich heute etwa für das Kleid entschieden. Und Laurin Fahrnberger, der hoch und heilig beteuert, nichts vom Fototermin gewusst zu haben, war nach der Lederhose, Stutzen inklusive.

Laurin fehlt noch ein bisschen bis zum International Baccalaureate, mit dem die Schüler in St. Gilgen abschließen, einer Art internationaler (und international anerkannter) Zentralmatura, die ein Türöffner für das Studium an ausländischen Universitäten ist. Aus den vier Jahrgängen, die die Schule in St. Gilgen bisher abgeschlossen haben, sind Schüler an Eliteuniversitäten wie Oxford oder St. Andrews gelandet, andere an öffentlichen österreichischen Universitäten: an der Medizin-Uni Graz, der Wirtschaftsuni oder der Universität Wien zum Beispiel.

Die schule in St. Gilgen

Im Jahr 2008 wurde die St. Gilgen International School vom Architekten Alexander Serda gegründet.

Nach der Pleite im April 2016 gründeten die Eltern eine Stiftung und übernahmen den Schulbetrieb. Die Schule wird nun als Non-Profit-Organisation geführt.

Als Preis für die Liegenschaft wurden 35 Millionen Euro kolportiert.

155 Schüler
zwischen neun und 18 Jahren – rund ein Drittel aus Österreich – besuchen derzeit die Schule. Platz ist für rund 250 Schüler.

40 Pädagogen lehren in St. Gilgen. Die meisten von ihnen sind englischsprachig.

Bis zu 54.500 Eurokostet ein Schuljahr mit Internat. Vor der Übernahme durch die Eltern lag der Preis bei 66.000 Euro.

Bei 29.000 Euro für die neun- bis elfjährigen Schüler ohne Internat startet das Schulgeld.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2016)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Kommentar zu Artikel:

Die teuerste Schule Österreichs

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen