Junge Lehrer nutzen eher deutsche Begriffe

Deutsch. Begriffe wie Junge setzen sich bei Schülern durch. Die Lehrer an den Neuen Mittelschulen sprechen mehr Umgangssprache als in Volksschulen.

Wien. Jüngere Lehrer verwenden in der Schule eher die Umgangssprache als ältere, und sie benutzen auch eher bundesdeutsche Begriffe – Junge statt Bub oder Kartoffeln statt Erdäpfel – als ihre Kollegen. Das zeigt ein Forschungsprojekt an der Uni Wien, das bei der Tagung „Deutsch in Österreich“ präsentiert wurde und über dessen Zwischenergebnisse „Die Presse“ bereits mehrfach berichtet hat. Insgesamt verwenden die Lehrer demnach bei Vorträgen meistens die österreichische Standardsprache. Schimpfen tun sie allerdings schon fast zur Hälfte in der Umgangssprache – einer etwas salopperen Ausdrucksweise zwischen Standardsprache und Dialekt – oder sogar im Dialekt. Generell verwenden die Lehrer an Hauptschulen und an Neuen Mittelschulen mehr Umgangssprache als an Volksschulen und Gymnasien. Das ist an und für sich kein Problem, findet der Sprachwissenschaftler Rudolf de Cillia. Die Varianten der deutschen Sprache müssten aber bewusster thematisiert werden. Die vorrangige Aufgabe der Schule sei es zwar, die Normen einer korrekten Standardsprache zu vermitteln – aber nicht ausschließlich das. „Es geht darum, dass Kinder und Jugendliche lernen, sich authentisch auszudrücken. Man muss den Schülern auch vermitteln, dass jede Sprachform – Standardsprache, Umgangssprache, Dialekt – legitim ist, wenn sie der Situation angemessen ist.“ Geht es nach den Forschern, sollten sich Lehrer (und Schüler) auch mit den Varietäten des Standarddeutschen auseinandersetzen. Dass es nicht nur ein einziges korrektes Deutsch gibt, sondern verschiedene, gleichermaßen richtige Varianten, sei Lehrern vielfach nicht bewusst: Gut die Hälfte der befragten Pädagogen glaubt, dass die bundesdeutsche Variante der österreichischen überlegen ist.

Die Verwendung ist offenbar eine Generationenfrage – nicht nur zwischen den Lehrern. Bei den Schülern haben sich einige bundesdeutsche Begriffe indessen schon durchgesetzt. Wie „Die Presse“ berichtete, verwenden fast 70 Prozent von ihnen eher das Wort Junge als Bub. Acht von zehn sagen eine – und nicht ein – Mail, und mehr als die Hälfte bestellt eine Cola. Den Erhalt des österreichischen Deutschs sieht de Cillia nicht grundsätzlich gefährdet. „Schüler verwenden die Varietät, die sie durch die Eltern, die Schule und die Medien vermittelt bekommen.“

 

Im Westen Probleme bei Referaten

Die Schüler verwenden laut der Studie auch mehr Dialekt und Umgangssprache als ihre Lehrer. Dabei gibt es je nach Region Unterschiede. Schüler in Ostösterreich setzen stärker auf die Standardsprache. Die Lehrer haben in Westösterreich dagegen sogar beobachtet, dass es für manche Schüler eine Herausforderung ist, ein Referat in der Standardsprache zu halten. Interessant ist Vorarlberg: Hier spielt Umgangssprache kaum eine Rolle. Ähnlich wie in der Schweiz wechseln die Schüler dort meist zwischen den beiden Extrempolen Standarddeutsch und Dialekt.

Ähnlich wie bei den Lehrern wechselt auch bei den Schülern die Verwendung des Dialekts je nach Kontext. Vor allem, wenn sie untereinander sprechen, verwenden sie Dialekt. Am seltensten nutzen sie ihn in ihren Referaten. „Wichtig wäre ein reflexiver Umgang mit Varietäten und situativen Normen im Unterricht und dass alle Schüler Sicherheit in der Verwendung der Standardsprache erlangen“, sagt die Sprachwissenschaftlerin Jutta Ransmayr. (APA/beba)

AUF EINEN BLICK

Österreichisches Deutsch. In dem FWF-geförderten Projekt untersuchen Sprachwissenschaftler um Rudolf de Cillia und Jutta Ransmayr von der Universität Wien die Rolle des österreichischen Standarddeutschs in der Schule. Befragt wurden dafür österreichweit rund 160 Lehrer und 1200 Schüler. Die Studie wurde bei der Tagung „Deutsch in Österreich“ präsentiert, die gestern in Wien begonnen hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2016)

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