Im Jugendstraflager der Eliten

LOKALAUGENSCHEIN. Das traditionsreiche deutsche Privatinternat Salem formt Jugendliche zur Bildungselite der Zukunft. Das fast 100 Jahre alte Erziehungskonzept scheint heute aktueller denn je.

Plus est en vous. Es steckt mehr in euch. Es ist dieser Leitsatz, unter dem der deutsche Pädagoge Kurt Hahn gemeinsam mit Prinz Max von Baden, dem letzten Reichskanzler des Deutschen Kaiserreichs, im Jahr 1920 am Bodensee den Grundstein für ein Eliteinternat legen sollte: 90 Jahre später ist die Schule Schloss Salem zur Institution geworden – die „einzige deutschsprachige Schule von Weltrang“, pflegt man sich zu loben.

Bis heute steht die Privatschule in der Tradition ihres Gründers. Seine sieben Salemer Gesetze und eine Vielzahl teils altertümlicher Regeln strukturieren das Leben in den weitläufigen Gängen der früheren Reichsabtei. Der Alltag der 700 Schüler, die hier und an drei anderen Standorten in der Umgebung auf die Reifeprüfung vorbereitet werden, folgt Hahns Konzept der „Erlebnispädagogik“.

Bildung bedeutet in Salem nicht nur Unterricht, sondern auch Erziehung. Leben und lernen bilden eine Einheit, das gilt nicht nur für die Schüler, sondern auch für die Lehrer. Einige leben als Erzieher mit den Jugendlichen in den Schlossflügeln und treten als eingeschworene Gemeinschaft sogar gegeneinander in Wettkämpfen an.

Mit seinem elaborierten Regelwerk und einem komplizierten System an Ehrenämtern und demokratischen Einrichtungen zur Schülermitbestimmung erweckt Salem den Eindruck eines Staats im Staat. Irgendwo zwischen der obligatorischen Harry-Potter-Romantik, die neuerdings jedem Internat nachgesagt wird, und dem Flair eines Jugendstraflagers für Privilegierte.

Die Schüler haben einen straffen Tagesplan, der um sechs Uhr 30 mit dem Morgenlauf beginnt. Es folgen Unterricht (vernetzte Lehrerteams lehren teils fächerübergreifend für Kleingruppen) und am Nachmittag verpflichtende Lernstunden, Hilfsdienste (etwa bei der Feuerwehr), Sport oder Arbeitsgruppen. Wer das Gelände verlässt, braucht eine Genehmigung. Um 22 Uhr erlischt das Licht in den Mehrbettzimmern. Wer Regeln übertritt, erhält Strafpunkte, die zum Ausschluss führen können. Seit es unangekündigte Drogen- und Alkoholtests gibt, gehören auch Partyexzesse, die Salem vor wenigen Jahren in Verruf brachten, der Vergangenheit an.

 

Bodyguards und Boatpeople

Für Jugendliche muss das Leben in Salem beschwerlich sein. Und doch wirken die Schüler erfrischend normal, wenn sie (unter Aufsicht der Pressesprecherin) begeistert von ihrem Alltag erzählen: Es sei die Gemeinschaft, das Soziale, das Salem so besonders mache, sagt die 16-jährige Maria Rieder aus Salzburg, die nach einem Aufnahmetest vor einem Jahr an die Schule wechselte. Auch sie gehört der „gehobenen Mittelschicht“ an, die sich 30.000 Euro Schulgeld im Jahr leistet. Von manchen Kindern verrät die Schulleitung nicht einmal den richtigen Namen, einige haben aus Angst vor Entführungen die eigenen Bodyguards am Gelände.

Die Liste berühmter Absolventen ist lang: Der britische Prinz Philipp und die spanische Königin Sophia haben hier ihre Schulzeit verbracht, ebenso wie die Kinder von Autor Thomas Mann oder der Industriellenfamilie Oetker. Für die soziale Durchmischung sorgt eine große Anzahl an Leistungs- und Sozialstipendien. Erst vergangenes Jahr hat eine Tochter indonesischer Boatpeople in Salem maturiert.

Auch Maria Rieder will in zwei Jahren ihren Abschluss machen. Einen Abschluss, bezeichnend für das Auseinanderdriften des Systems: Mit einem Zeugnis aus Salem hat Rieder die Eintrittskarte zu Top-Unis, die anderen verwehrt bleiben. Die Erlebnispädagogik hat damit (trotz der unterstellten Nähe zur NS-Ideologie) den Sprung ins neue Jahrtausend geschafft. Und das auf den ersten Blick verstaubte Salem könnte mehr denn je auch dem staatlichen Schulsystem als Vorbild dienen: Kreativität, Sozialkompetenz und Leistungsbereitschaft sind jene Salemer Tugenden, die Personalchefs nachfragen.

Das wissen auch die selbstbewussten Schüler: Man erhalte „gute akademische Bildung verbunden mit Gemeinschaftssinn“, formuliert es Rieder. Denn, so offensichtlich es sein mag: Als Elite will man sich in Salem nicht bezeichnen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2009)

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