Ganztagesschule: "Teil der Eltern wird überzeugt werden wollen"

Sonja Hammerschmid (SPÖ) sieht Ganztagsschulen als Mehrwert für Schüler, Eltern und auch für Lehrer. Sie will Direktoren die Freiheit geben, weniger Lehrer einzustellen und im Gegenzug Geld zu kassieren.

Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) stellt Lehrern eigene Büros statt überfüllter Lehrerzimmer in Aussicht.
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Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) stellt Lehrern eigene Büros statt überfüllter Lehrerzimmer in Aussicht.
Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) stellt Lehrern eigene Büros statt überfüllter Lehrerzimmer in Aussicht. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Die Regierung will die Zahl der Ganztagsschulen bis 2025 fast verdoppeln. Wie kann man Standorte dazu motivieren, dass sie sich freiwillig von Halb- zu Ganztagsschulen umwandeln?

Sonja Hammerschmid: Ich habe bei meinem Besuch in Hamburg zuletzt gesehen, was möglich ist. Dort wurden innerhalb von drei Jahren 80 Prozent der Grundschulen freiwillig zu Ganztagsschulen umgestellt. Wir peilen bis 2025 an, den Anteil der Kinder in Ganztagsschulen auf 40 Prozent zu heben. Das können wir mit einem wirklich guten Angebot und mit intensiver Elternarbeit schaffen.

 

Muss man Eltern also erst zur Ganztagsschule motivieren?

Ja und nein. Manche Eltern – denken wir an die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und an alleinerziehende Mütter – werden das Angebot gern annehmen. Ein Teil der Eltern wird aber wohl erst überzeugt werden wollen.

 

Sie haben erst kürzlich gesagt, dass Ganztagsschulen nicht nur einen Mehrwert für Schüler und Eltern, sondern auch für Lehrer haben. Welchen?

Es war an der Ganztagsschule in Hamburg beeindruckend zu sehen, wie unterrichtet wird, wie committed die Lehrer sind. Eine Pädagogin hat mir dort gesagt, dass sie extra irgendwo aus Deutschland umgezogen ist, um an der Schule zu unterrichten. Es ist für Pädagogen eine wirkliche Befriedigung, wenn man pädagogische Konzepte erstellen kann, bei denen man sieht, was man bewirken kann.

 

Dennoch wird sich mit der Ganztagsschule der Arbeitstag von vielen Lehrern völlig verändern. Sie müssen dann vermehrt auch am Nachmittag in der Schule sein. Das wird nicht allen gefallen.

Die Entscheidung, sich zur Ganztagsschule zu wandeln, wird am Standort getroffen. Ganztagsschulen werden dann eben vermehrt die Pädagogen anziehen, die voll hinter dem Konzept stehen.

 

Die Frage ist, ob genügend Pädagogen hinter dem Konzept stehen. Immerhin wünscht sich die SPÖ verschränkte Ganztagsschulen, in denen sich Unterricht und Freizeit abwechseln. Die können aber nur mit der Zustimmung von zwei Dritteln der Eltern und Lehrer entstehen. Muss diese Bestimmung gelockert werden?

Wir haben immer betont, dass wir hier die Vielfalt zulassen wollen.

 

Also keine Lockerung?

Die Standorte können sich frei entscheiden, ob sie eine verschränkte, offene oder gemischte Ganztagsschule werden wollen.

 

Die Lehrergewerkschaft hat stets beklagt, dass die räumlichen Voraussetzungen für einen ganztägigen Unterricht gar nicht gegeben sind. Gibt es mit der Investition der 750 Millionen Euro dann genügend Platz an allen Schulen?

(lacht) Von allen haben wir nie gesprochen. Wir versuchen, den Anteil der Kinder an Ganztagsschulen von 20 auf 40 Prozent zu heben. Natürlich werden infrastrukturelle Maßnahmen ein Teil sein.

 

Und an diesen Standorten gibt es dann Büros für alle Lehrer?

Natürlich. Wenn ein Standort das haben will und es Teil des Konzepts ist, dann wird das mit ein Teil eines Ausbaus sein können.

 

Sie haben in Hamburg eine Schule besucht, in der Lehrer, Sozialpädagogen und Erzieher gemeinsam unterrichten. Warum gibt es so ein Unterstützungssystem in Österreich nicht?

Wir wurden in Hamburg in dem bestätigt, was wir in der Bildungsreform vorhaben: den Schulstandorten mehr Autonomie zu gewährleisten. Die Direktoren sollen künftig selbst entscheiden, was sie brauchen, um den schulischen Alltag bestmöglich gestalten zu können.

 

An den Neuen Mittelschulen sind teilweise zwei Lehrer im Unterricht eingesetzt. Wäre stattdessen der Einsatz von Psychologen und Sozialarbeitern denkbar?

Im Autonomiepaket wollen wir das stärker öffnen.

 

Theoretisch könnte statt eines zweiten Mathematiklehrers also ein Sozialarbeiter in der Klasse stehen?

Im Zuge des Autonomiepaketes muss das denkbar sein.

 

Das klingt sehr gut. In der Praxis ist das aufgrund des Kompetenzwirrwarrs zwischen Bund, Ländern und Gemeinden nicht möglich. Unterschiedliche Berufsgruppen werden aus unterschiedlichen Töpfen bezahlt.

Es wird wichtig sein, dass sich die Schulleiter darüber Gedanken machen, was sie brauchen. Der Rest wird an uns liegen zu lösen. Wenn wir wirklich die beste Bildung für jedes Kind in den Fokus nehmen, dann müssen wir uns zusammensetzen und darüber reden, wie wir das sinnvoll entbürokratisieren.

 

Die Schulverwaltung muss also erneut diskutiert werden?

Die werden wir diskutieren.

 

Wann, wie, wo?

Mit dem Koalitionspartner – schnellstmöglich.

 

Das hat man bei der Bildungsreform offenbar verpasst.

Sich jetzt Gedanken zu machen, warum was wie verhandelt wurde, ist vergeudete Zeit.

 

In Hamburg geht die Autonomie so weit, dass sich Direktoren dazu entscheiden können, einen Lehrer weniger einzusetzen und dafür 57.000 Euro aufs Schulkonto zu bekommen. Kann sie auch in Österreich so weit gehen?

Würde ich mir schon wünschen.

 

Das wird die Lehrergewerkschaft mit einem Raunen aufnehmen.

Sie können ja selbst entscheiden. Da werden sich Direktoren und Pädagogen sicher etwas überlegen.

ZUR PERSON

Sonja Hammerschmid (SPÖ) ist seit Mai Bildungsministerin. Die 48-Jährige ist Molekularbiologin. Sie war von 2010 bis zuletzt Rektorin der Veterinärmedizinischen Universität. Im Jänner 2016 stand mit ihr erstmals eine Frau an der Spitze der Universitätenkonferenz. Sie wurde schon einmal für einen Posten in der Politik gehandelt – damals interessierte sich aber die ÖVP für Hammerschmid.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2016)

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