Frühes Englischlernen ist überschätzt

Symbolbild Schule
Symbolbild Schule / Bild: (c) Clemens Fabry 

Im schulischen Kontext gilt für den Zweitspracherwerb nicht: je früher, desto besser. Viel mehr zählen Motivation, Erstsprachenkenntnisse und wie intensiv unterrichtet wird. Wer spät mit Englisch startet, holt schnell auf.

 (DiePresse.com)

"Mich hat das Ergebnis selbst überrascht. Ich dachte, dass ein guter früher Fremdsprachenunterricht klare Vorzüge aufweisen würde“, sagt Simone Pfenninger. Die Schweizerin zog im September nach Österreich, um am Fachbereich für Anglistik und Amerikanistik der Uni Salzburg weiter am Thema Fremdsprachenerwerb und Alter zu forschen. Ihr Team der Universität Zürich nutzte ein einmaliges Zeitfenster, als in der Schweiz die Umstellung des alten Modells für Englischunterricht auf ein neues erfolgte. So saßen im Jahr 2009 in Schweizer Schulen 13-Jährige, die bereits fünf Jahre in der Volksschule Englisch hatten, und in der Nebenklasse 13-Jährige, die nun erstmals Englischunterricht erhielten. „Europa hat es verpasst, dieses Setting systematisch für Forschung zu nutzen. Unsere Studie ist die einzige im deutschsprachigen Raum, die verglichen hat, welche langfristigen Auswirkungen ein früher gegenüber einem späten Lernbeginn hat“, sagt Pfenninger.

Im ersten Testlauf lagen die Frühlerner klar vorn, als nach sechs Monaten mündliche und schriftliche Englischkenntnisse geprüft wurden. In puncto Vokabular, Hör- und Lesefähigkeiten übertrafen die meisten Frühlerner ihre Kollegen, die erst mit 13 begonnen hatten. „Doch die Unterschiede haben sich schnell ausgeglichen“, sagt Pfenninger. „Die Spätlerner kamen kurz vor dem Abitur, mit 18 Jahren, auf das gleiche Niveau wie die Schüler, die in der Volksschule Englisch hatten.“ Die Forscher suchten nun nach Antworten, warum Frühlerner ihren Vorsprung nicht halten und Spätlerner so schnell aufholen.

Mythos verursacht den Trend

Analysiert wurden Faktoren wie Motivation, Lernstrategien, Kenntnisse in der Erstsprache – also Lese- und Schreibefähigkeiten in Deutsch. Aber auch das Umfeld: Welchen Einfluss haben Lehrpersonen, Klassengröße, Motivation der Klassengemeinschaft, Lehrmittel und Intensität des Unterrichts? „Es zeigt sich, dass die Intensität besonders wichtig ist: Je mehr Kontaktstunden pro Woche, umso bessere Resultate werden erzielt. „Das Alter beim Lernbeginn hat viel weniger Einfluss“, sagt Pfenninger.

Sie widerlegt damit den Mythos, der in Europa im Trend liegt und dazu führt, dass Kinder im frühestmöglichen Alter in Englischklassen gesteckt werden. „Alle verlegen den Englischunterricht in immer niedrigere Schulstufen“, sagt Pfenninger. So hatten Schüler in Österreich in den 1970er-Jahren ab der Mittelschule Englisch, in den 1980ern ab der dritten Volksschulklasse und seit den 1990ern ab der ersten Volksschule. „Wissenschaftlich kann man nicht bestätigen, dass ein schulischer Zweitsprachenerwerb im jüngeren Alter von Vorteil ist“, so Pfenninger.

Sie vermutet wirtschaftliche und bildungspolitische Gründe für den Frühlern-Trend: „Da es als modern gilt, immer früher Englisch anzubieten, erhoffen sich Schulen wohl einen Wettbewerbsvorteil“. Jedenfalls gelte für den Sprachunterricht nicht das Motto des Erlernens eines Instruments oder des Radfahrens, nämlich so früh wie möglich immer ein bisschen zu üben. „Man kommt mit ein, zwei Wochenstunden bei jungen Schülern auch über längere Zeit auf keinen grünen Zweig“, so Pfenninger.
Vor allem für die Motivation der Jugendlichen sei es besser, später mit dem Unterricht zu starten, dafür mit möglichst vielen Stunden pro Woche. „Und ein Grund, warum Spätlerner so gut aufholten, war, dass ihre Deutschkenntnisse nach der Volksschule besser waren“, sagt Pfenninger. Sowohl für Einheimische als auch für Kinder mit Migrationshintergrund lohnt es sich, die Erstsprache, also die, in der man erstmals schreiben und lesen lernt, gut zu beherrschen, um eine solide Grundlage für die Zweitsprache zu haben.

„Der Spracherwerb im natürlichen Umfeld ist nicht mit dem in der Schule zu vergleichen“, sagt Pfenninger. Kommt man als Kind in ein neues Land oder wird von den Eltern zweisprachig erzogen, so gilt tatsächlich: je früher, desto besser. „Beim Spracherwerb in der Zielkultur geht es quasi ums Überleben. In der Schule kann man diese diese idealen Lernumstände nicht imitieren.“

Wie lernen alte Menschen?

Eine Mischung aus natürlichem und künstlichem Spracherwerb ist Immersionsunterricht, das Unterrichten verschiedener Fächer auf Englisch. Hier plant Pfenninger in Salzburg Studien, die Schüler von zweisprachigen Privatschulen mit Kindern vergleichen, die Englisch „nur“ vom Englischlehrer lernen. Auch das andere Ende der Alterspyramide findet Pfenninger spannend: Tests mit sehr alten Personen sollen zeigen, ob der Spruch „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ belegbar ist, oder ob alte Menschen im schulischen Kontext genauso gut Englisch erlernen.

Lexikon

Bei Zweitspracherwerb hat das Alter bei Lernbeginn wenig Einfluss. Die Langzeitstudie zeigt, dass Schüler, die erst mit 13 Jahren Englischunterricht hatten, im Alter von 18 Jahren auf dem gleichen Niveau waren  wie Schüler, die in der Volksschule fünf Jahre Englisch hatten. Motto der Forschung: „Es kommt beim Fremdsprachenlernen nicht auf das Wann an, sondern auf das Wie.“

Das Buch „Beyond Age Effects“ von Simone Pfenninger und David Singleton erscheint Anfang 2017 im britischen Verlag Multilingual Matters.


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