Pisa: "Reine Mädchenklassen sind sehr heikel"

Warum der Leistungsunterschied zwischen Burschen und Mädchen in Mathematik und Naturwissenschaften in Österreich weltweit am größten ist, und was das mit der „Pinkifizierung“ in Spielzeuggeschäften zu tun hat.

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Symbolbild. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Pisa lieferte einen eindeutigen Befund: In keinem Land der Welt klafft die Leistung von Mädchen und Burschen im Bereich Mathematik und Naturwissenschaften demnach weiter auseinander als in Österreich. In den Naturwissenschaften sind die Burschen den Mädchen mehr als ein halbes, in Mathematik ein ganzes Lernjahr voraus. Die Mädchen haben an diesen Bereichen auch weniger Freude und Interesse (siehe Grafik). Eine Erklärung dafür hat Pisa aber nicht – und auch kein Rezept.

Seither wird über beides – also über die Gründe für die Kluft und über die nötigen Maßnahmen, diese zu überwinden – diskutiert. Mathematiker Rudolf Taschner hat etwa reine Mädchenklassen vorgeschlagen. Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) hat die aber umgehend abgelehnt. Auch in der Forschung sind diese nicht unumstritten. „Reine Mädchenklassen sind sehr heikel. Sie machen die Kluft erst sichtbar und suggerieren, dass es zwei Sorten von Menschen gibt“, sagt Forscherin Ilse Bartosch im Gespräch mit der „Presse“. Auch geschlechtergetrennte Lerngruppen in Mathematik oder Naturwissenschaften sieht sie kritisch.

Zumindest etwas weniger skeptisch ist Silvia Kronberger vom Bundeszentrum für Geschlechterpädagogik und -forschung: „Monoedukativer Unterricht kann sinnvoll sein, aber entscheidender ist, dass die Pädagogen ein Sensorium für geschlechterbewussten Unterricht erhalten.“ Die Lehreraus- und Weiterbildung sei der wichtigste Hebel. In der Vergangenheit sei da „eindeutig etwas versäumt“ worden.

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Pädagogen würden oft „unbewusst stereotype Handlungen“ setzen. „Die wirken auf die Schüler wie tausend kleine Nadelstiche“, sagt Bartosch. Das Verhalten der Pädagogen präge also die Schüler. Deshalb müssten Lehrer in die Reflexion gehen. Wichtig sei, erklären beide Expertinnen, dass Lehrer im Bereich Naturwissenschaften und Mathematik etwa praxisbezogenere Beispiele aussuchen. Das komme den Mädchen entgegen. Andererseits muss in Deutsch besonders auf die Textwahl geachtet werden. Denn beim Lesen sind es wiederum die Burschen, die den Mädchen hinterherhinken.

Die Gründe für die Leistungskluft zwischen den Geschlechtern sind nur schwer auszumachen und nicht nur in der Schule zu suchen. Auch die Gesellschaft prägt. „Die Pinkifizierung läuft – da brauchen Sie sich nur die Spielzeuggeschäfte anzuschauen – vom ersten Lebenstag an“, sagt Bartosch. So verbindet man mit bestimmten Schulfächern und Berufen eben ein bestimmtes Bild. Diese gesellschaftlichen Stereotype aufzubrechen sei „ein Monsterprogramm“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2016)

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