Schulautonomie: Eltern fürchten größere Klassen

Eltern- und Direktorenvertreter warnen angesichts des geplanten Schulautonomiepakets vor einem versteckten Sparpaket und sehen „ein bewusstes und absichtliches Zerstören demokratischer Strukturen“ in den Schulen.

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Themenbild: Schule – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Der Gesetzesentwurf zum sogenannten Schulautonomiepaket, das Direktoren mehr Macht geben soll, liegt zwar noch gar nicht vor. Die Kritik daran ist dennoch bereits unüberhörbar. Am Montag hat die Lehrergewerkschaft eine Plakataktion gegen die Reform gestartet. Gestern, Mittwoch, haben Eltern und Direktoren ihrem Unmut Luft gemacht.

Dass sich Lehrer-, Eltern- und Direktorenvertreter gegen den Ausbau der Schulautonomie, die mehr Freiheit für den einzelnen Schulstandort bringen soll, auflehnen, erscheint ungewöhnlich. „Wir sind nicht gegen Schulautonomie, sondern gegen dieses Paket“, verteidigt Gernot Schreyer, der Präsident des Bundesverbands der Elternvereine an mittleren und höheren Schulen, die Ablehnung. Hinter dem derzeit in Verhandlung befindlichen Paket vermutet Schreyer ein „Sparpaket“ und ein „bewusstes und absichtliches Zerstören demokratischer Strukturen“.

 

„Ist Kreissäge nicht gefährlich?“

Besonders kritisch sehen die Elternvertreter die Aufhebung der Klassenschülerhöchstzahl bzw. der Teilungszahlen. Bisher gab es dazu konkrete gesetzliche Vorgaben. Künftig sollen darüber die Direktoren entscheiden – und zwar, ohne Lehrer, Eltern und Schüler (also den Schulgemeinschaftsausschuss) einbeziehen zu müssen. Das sei, so die Kritik, undemokratisch.

Die Eltern warnen davor mit drastischen Beispielen: „Ist in Zukunft ein Messer oder eine Kreissäge nicht mehr gefährlich?“, fragt Susanne Schmid, die stellvertretende Elternverbandspräsidentin, und spielt damit auf möglicherweise größere Gruppen im Fach Kochen oder im Werkstättenunterricht in berufsbildenden höheren Schulen (BHS) an. Das Vertrauen in die Planungsfähigkeiten der Direktoren dürfte auf Elternvertreterseite nicht allzu groß sein.

Doch auch die Schulleiter selbst sind, was die Aufhebung der Klassenschülerhöchstzahl betrifft, skeptisch: „Damit wird der Klassenkampf im Konferenzzimmer freigegeben“, sagt der Obmann des Verbands der Direktoren der Tourismusschulen, Jürgen Kürner, der gemeinsam mit anderen BHS-Direktoren an der Pressekonferenz teilnahm. Kürner weiter: „Ich befürchte, dass sich Sparmaßnahmen dahinter verbergen könnten.“ Die knappen finanziellen Ressourcen könnten, so die Befürchtung, zu dauerhaft größeren Klassen führen. Geringe Schulbudgets würden den Gestaltungsspielraum der Direktoren einengen. Es gebe nur „Scheinautonomie“, sagt Schreyer.

Auch die geplanten Schulcluster werden kritisch gesehen. Dabei soll ein Direktor bis zu acht Schulen mit bis zu 2000 Schülern gemeinsam leiten können. „Soll ich als Mutter, wenn ich mit dem Direktor sprechen will, künftig 70 Kilometer zum Herrn Clusterleiter fahren?“, fragt Elternvertreterin Schmid rhetorisch und antwortet gleich selbst: „Das ist unmenschlich.“ Es müsse an jedem Standort einen Ansprechpartner geben.

 

„Keine Änderung gebraucht“

Generell hätte man „keine Änderung gebraucht“, sagt Schmid. Die Schulen seien schon jetzt autonom. Das versuchten die drei anwesenden BHS-Direktoren mit Beispielen zu beweisen. Sie alle hätten schon in der Vergangenheit selbst inhaltliche Schwerpunkte gesetzt und die 50-Minuten-Einheit teilweise ausgehebelt. Auch die Lehrer hätten sie „schon immer selbst ausgesucht“. „Wir leben Autonomie. Es ist nicht so, dass wir die jetzt erfinden müssten“, sagt Johann Wiedlack, Obmann des HTL–Direktorenverbands.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2017)

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