„Testeritis“: Österreichs Schüler im Dauer-Testlauf

Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) kündigte einen neuen Bildungstest an. Bei den Lehrern stößt das auf Kritik. Sie beklagen die „Testeritis“. Welche (inter)nationalen Tests müssen Schüler tatsächlich durchlaufen?

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. „Jetzt sind sie endgültig durchgeknallt“: So las sich die erste öffentliche Reaktion des obersten Lehrervertreters, Paul Kimberger, auf den jüngsten Vorschlag der Bildungsministerin. Sonja Hammerschmid (SPÖ) hat angekündigt, als Reaktion auf die schlechten PISA-Ergebnisse einen neuen Test in der Volksschule einführen.

Konkret sollen Tafelklassler eine Bildgeschichte nacherzählen. Die Lehrer sollen sie dabei aufnehmen. Das Tondokument soll mit Hilfe eines Computerprogramms, also eines Algorithmus, analysiert werden. Und zwar von den Lehrern selbst (und nicht vom Bildungsinstitut, Bifie, wie ursprünglich vom Ministerium kommuniziert). Das Programm liefert Diagnose und Therapieempfehlungen für die Kinder. Alles automatisch.

Für Kimberger klingt das, wie er zur „Presse“ sagt, nach einem „Faschingsscherz“. Lehrer wüssten auch ohne derartige Tests, welche Schüler Defizite haben. Die „Testeritis“, der „inflationäre Einsatz von Tests“, würde den Schülern und Lehrern nicht helfen. Im Gegenteil. Die Tests würden Zeit und Ressourcen fressen. „Vom ständigen Wiegen wird die Sau nicht fett“, sagt Kimberger. Vielmehr brauche es Unterstützung – etwa eine doppelte Lehrerbesetzung in den ersten beiden Volksschulklassen und mehr Sozialarbeiter.

„Die Presse“ ist dem Vorwurf der „Testeritis“ nachgegangen und gibt Überblick über (inter)nationale Monitoringtests, die vorwiegend den Behörden und der Politik dienen, und über Diagnoseinstrumente, die Lehrern zur besseren Förderung zur Verfügung stehen.

Illustration: Die getesteten Schüler.
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Illustration: Die getesteten Schüler.
Illustration: Die getesteten Schüler. – (c) Marin Goleminov
 

Bildungsstandards

Die umfangreichsten Monitoringtests, denen die Schüler unterzogen werden, sind die Bildungsstandards. Im Jahr 2012 fanden sie das erste Mal statt. Getestet wird in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch – und zwar in der vierten Klasse Volksschule (mit Ausnahme von Englisch) sowie in der vierten Klasse der Neuen Mittelschule bzw. des Gymnasiums. Der Test ist verpflichtend und muss von allen Schülern eines Jahrganges absolviert werden. Ausgenommen sind lediglich außerordentliche Schüler. Überprüft wird jährlich ein anderes Fach. Im Frühjahr 2017 ist Mathematik in der achten Schulstufe dran. Durchgeführt wird der Test vom Bifie. Es meldet der Schulaufsicht, den Direktoren, Lehrern und Schülern die Ergebnisse zurück.

 

PISA

Der wohl bekannteste internationale Test, an dem Österreich teilnimmt, ist PISA (Programme for International Student Assessment). Seit 2000 findet der OECD-Test alle drei Jahre statt. Es werden die Leistungen in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften überprüft. An PISA müssen aber nicht alle 15- bzw. 16-jährigen österreichischen Schüler teilnehmen. Es wird stichprobenartig getestet. 6800 Schüler an zirka 180 Schulen nehmen daran teil.

 

PIRLS

Das Lesen, die Schwachstelle der österreichischen Schüler, wird in einem weiteren internationalen Vergleichstest überprüft – der PIRLS-Studie (Progress in International Reading Literacy Study). Im Abstand von fünf Jahren wird dabei die Lesekompetenz von Schülern der vierten Klasse Volksschule getestet. Auch dieser Test wird nur stichprobenartig durchgeführt. Zirka 4000 Schüler an 180 Schulen nehmen daran teil. Auf die Ergebnisse der 2016 durchgeführten PIRLS-Studie muss noch bis Dezember gewartet werden.

 

TIMSS

Auch die Mathematik und Naturwissenschaftskompetenzen werden (neben PISA) mittels eines zweiten internationalen Tests überprüft: der TIMSS-Studie (Trends in International Mathematics and Science Study). Alle vier Jahre werden hier die Schüler der vierten und achten Schulstufe überprüft. Neben PISA und PIRLS wird auch TIMSS vom Bifie durchgeführt. Auch hier werden stichprobenartig 4000 Schüler überprüft.

 

IKM

Abgesehen von diesen für die politische Steuerung wichtigen Tests gibt es auch weitere Überprüfungen. Eine der weitverbreitetsten ist die Informelle Kompetenzmessung (IKM). Sie wurden zur Vorbereitung auf die Bildungsstandards eingeführt. Die Schüler und Lehrer können also üben. IKM ist nicht verpflichtend, wird aber von vielen Lehrern genützt. Getestet wird in der dritten Klasse Volksschule in Mathematik und Deutsch sowie in der sechsten und siebten Schulstufe in Mathematik, Deutsch und Englisch. Auch für Biologie und Chemie ist der Test verfügbar.

 

Lesetest

Weitverbreitet sind auch Lesetests – wie das in manchen Bundesländern verpflichtende Salzburger Lesescreening für Sechs- bis 14-jährige. Es misst die Lesegeschwindigkeit und wird von den Lehrern selbst ausgewertet. In Wien kommt mit dem Wiener Lesetest eine weitere (fast) flächendeckende Überprüfung dazu. Wien galt mit seinen bis vor Kurzem 15 verpflichtenden Tests als Stadt der Bildungstests. Der neue Stadtschulrat, Heinrich Himmer, kündige bereits an: „Es wird darum gehen zu schauen, was wir wirklich brauchen.“

Österreichs Schüler seien derzeit „zwar überprüft, aber unterdiagnostiziert“, sagt wiederum Ex-Bifie-Chef Günter Haider zur „Presse“. Diagnosetests, wie den von der Ministerin vorgestellten, brauche es seiner Meinung nach sogar noch mehr. Denn von einer „Testeritis“ sei man in Österreich noch weit entfernt. [ ILLUSTRATION: Marin Goleminov ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2017)

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